
Nach jahrelangem Stillstand soll es im geplanten Schocken-Carré am Aufseßplatz nun sichtbar vorangehen. Der Projektträger strebt einen Baustart im Herbst 2026 an. Die Fertigstellung des Vorhabens in der Nürnberger Südstadt ist für 2029 vorgesehen. Das teilte Bau-Bürgermeister Dr. Nasser Ahmed im jüngsten Stadtplanungsausschuss mit.
Damit könnte oder wird auch ein Kapitel enden, das in Nürnberg zuletzt für viel Spott gesorgt hat. In der Baugrube auf dem Gelände des ehemaligen Schocken-Kaufhauses hatte sich über Jahre Regenwasser gesammelt. Rund um den kleinen See entwickelten sich Sträucher und ein Biotop, Vögel, Bienen und Hummeln wurden beobachtet. Anwohner und Passanten tauften die Fläche deshalb ironisch „Schocken-See“ oder „Lago di Aufseß“.
Auch im Internet wurde die Baugrube zum Thema. Auf Google Maps erhielt sie einen eigenen Eintrag und wurde in Kommentaren scherzhaft als zentral gelegenes Naherholungsgebiet, Badesee oder sogar als „schönstes Freibad im Freistaat Bayern“ beschrieben. Andere Nutzer fantasierten über Badeinseln, Liegen und Freizeitangebote. Die mit Wasser gefüllte Baugrube erreichte dabei eine Bewertung von 4,8 von fünf Sternen in den Google-Rezensionen. Gleichzeitig sorgten die vielen Mücken und der jahrelange Stillstand für satte Kritik.
„Lago di Aufseß“: Kritik von Anwohnern und Parteien
Der „Lago di Aufseß“ wurde zunehmend auch zum politischen Thema. Stadtratsfraktionen forderten öffentlich, dass die Baulücke geschlossen und das Projekt vorangebracht wird, allen voran die SPD und die FDP. Politiker prangerten den jahrelangen Stillstand, die Auswirkungen auf das Umfeld sowie die zunehmende Abwertung des Quartiers an. Im Gespräch waren unter anderem ein möglicher Bauzwang und – als äußerstes Mittel – sogar eine Enteignung.
Zeitweise versperrte ein hoher, lückenloser Holzzaun den Blick auf die Baugrube. Auch das wurde in der Stadtgesellschaft kommentiert. Eine alternative Zwischennutzung als Freizeitfläche sei nach Angaben der Verantwortlichen aus verschiedenen Gründen nicht möglich gewesen. Der Projektentwickler hatte zudem erklärt, dass ein Abpumpen des Wassers allein das Mückenproblem nicht lösen würde, weil auch nach dem Abpumpen Restwasser in der Grube verbleiben könne.
Nun soll der „Lago di Aufseß“ endgültig der Vergangenheit angehören. „Die Menschen in der Südstadt warten seit Jahren darauf, dass es am Aufseßplatz sichtbar vorangeht. Deshalb werden wir als Stadt die laufenden Verfahren zügig und sorgfältig bearbeiten“, erklärte Ahmed im Stadtplanungsausschuss. Beim Schocken-Carré gehe es um mehr als um das Ende des „Lago di Aufseß“. Es könnten dort bezahlbare Wohnungen, eine starke Nahversorgung und soziale Infrastruktur entstehen.„Unser Anspruch ist, dass am Ende der ganze Aufseßplatz gewinnt – als lebendiger öffentlicher Raum und als Mittelpunkt der Südstadt“, sagte der Bürgermeister Ahmed.
Schocken-Carré: 200 Mietwohnungen und Edeka als Hauptnutzer
Eine erste Baugenehmigung für das Schocken-Carré war bereits 2024 erteilt worden. Wegen Änderungen in der Detailplanung reichte der Projektträger im August 2026 eine sogenannte Tektur, also eine Detailänderung, ein. Dabei handelt es sich um eine nachträgliche Änderung eines bereits eingereichten Bauantrags. Die Stadt Nürnberg prüft die Unterlagen derzeit. Sie begleitet das Vorhaben nach eigenen Angaben eng und bearbeitet die notwendigen Verfahren im rechtlich möglichen Rahmen zügig. Dennoch hat die Stadt Nürnberg den offiziellen Startschuss für die ersten Arbeiten im Herbst 2026 bestätigt.
Derzeit laufen bereits finale Abbruch- und Vorbereitungsmaßnahmen. Das Schocken-Carré soll auf einem rund 7000 Quadratmeter großen Grundstück entstehen. Geplant sind etwa 43.000 Quadratmeter Bruttogrundfläche. Vorgesehen sind 200 Mietwohnungen. Nach aktuellem Planungsstand sollen davon 126 Wohnungen gefördert werden. Nach früheren Berichten von nordbayern.de soll der Neubau an das frühere Schocken-Kaufhaus erinnern. Ein siebengeschossiges Gebäude ist geplant. Dach- und Fassadenbegrünungen sowie Bäume und Grünflächen sollen das Areal aufwerten.
Hinzu kommen rund 7700 Quadratmeter Einzelhandelsfläche. Als Hauptnutzer ist Edeka vorgesehen. Außerdem sollen ein Familienzentrum mit 75 Kindergartenplätzen, eine Erziehungsberatungsstelle und eine Arztpraxis in dem Quartier Platz finden. Eine direkte Verbindung zur U-Bahn, die bereits besteht, sowie Stellplätze für Autos und Fahrräder ergänzen das Projekt.
BayernHeim übernimmt das Schocken-Carrée, Siedlungswerk Nürnberg steigt aus
Im Februar 2026 ist die staatliche Wohnungsbaugesellschaft BayernHeim in das Projekt eingestiegen und hat das Areal vom bisherigen Projektentwickler Ten Brinke erworben. Das ursprünglich ebenfalls als Partner vorgesehene Siedlungswerk Nürnberg ist inzwischen aus dem Projekt ausgestiegen. Ursprünglich war das Siedlungswerk Nürnberg als Partner im Gespräch oder an früheren Planungen beteiligt. Mit dem Einstieg der BayernHeim und der vertraglichen Exklusivpartnerschaft zur Projektentwicklung mit Ten Brinke spielt das Siedlungswerk in der aktuellen Struktur für den Bau und die Übernahme keine aktive Rolle mehr.
Nach den aktuellen Angaben der BayernHeim wird das Unternehmen das Schocken-Carré nach der geplanten Fertigstellung im Jahr 2029 vollständig übernehmen und investiert rund 140 Millionen Euro.
Auch die Aufwertung des Aufseßplatzes geht weiter
Parallel zur Entwicklung des Schocken-Carrés wird auch der Aufseßplatz selbst weiter aufgewertet: Das Wasserspiel mit Fontänen und neue Bäume an den Sitzstufen sind bereits umgesetzt. Weitere Bäume im südlichen Bereich des Platzes sollen noch folgen. Auch eine Dach- und Fassadenbegrünung am U-Bahn-Aufgang und am Pavillon ist vorgesehen. Diese Arbeiten können wegen der notwendigen Baustelleneinrichtung sinnvoll erst nach Abschluss der Bauphase umgesetzt werden.
Weitere Projekte in der Südstadt Nürnbergs
Die Entwicklung des Quartiers beschränkt sich nicht auf das Schocken-Carré. Mit dem Bebauungsplan Nr. 3823 sowie weiteren Vorhaben wie der „Südstadt.Klima.Meile“ und dem Sanierungsgebiet Quartier Annapark sollen die öffentlichen Räume, die Nahversorgung, die Klimaanpassung und die Aufenthaltsqualität im Umfeld langfristig gestärkt werden.
Für die Südstadt würde der Baustart damit nicht nur das Ende einer jahrelangen Hängepartie bedeuten. Er würde auch den Schlussstrich unter das kuriose Kapitel des „Lago di Aufseß“ ziehen – jenes unfreiwilligen Stadtsees, über den Nürnberg im Internet lange gelacht hat.
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