
„Alt genug“ wurde in den letzten Wochen zum Zentrum eines Eklats in den Feuilletons - hat sich Autorin Ildikó von Kürthy doch tatsächlich erdreistet, die vernichtende Kritik von Denis Scheck nicht einfach hinzunehmen. Stattdessen schrieb sie Anfang April in der Zeit, sie sei nun endlich „alt genug“, sich so etwas nicht mehr gefallen zu lassen.
Von „Geschnatter auf der Damentoilette“ spricht Denis Scheck. „Ich bin echt sauer“, schrieb von Kürthy in ihrem Beitrag. Und lud sie explizit auch Männer ein, ihr neues Buch zu lesen, dieser literarischen Damentoilette einmal einen Besuch abzustatten. Ich, ein männlicher Mittdreißiger, bin dieser Einladung gefolgt und habe „Alt genug“ gelesen und dabei Ausschau gehalten nach Geschnatter auf Damentoiletten.
Worum geht es in „Alt genug“ von Ildikó von Kürthy?
Es sind keine gewöhnlichen Memoiren, in denen die Autorin sich auf den Rückblick konzentriert und den Lebensweg Revue passieren lässt, vielmehr steht das Jetzt im Vordergrund. Natürlich angereichert mit Anekdoten und Geschichten, wie sie ins Jetzt gelangt ist.
Sie erzählt von ihrer Familienrealität in einem Haus voller Männer, sprich ihrem Mann und den beiden Söhnen. Davon, wie es ist, Mutter zu sein. Wenn man den Söhnen negative Erfahrungen am liebsten ersparen möchte, die diese aber nun einmal selbst erfahren müssen.
Sie erzählt von ihren Angststörungen, wie diese Ängste ihr Leben bestimmt haben und wie sie zumindest manche dieser Ängste überwinden konnte. Sie erzählt von lebensprägenden Erfahrungen, von Krebserkrankungen bester Freundinnen und von Wacken. Von Alkoholismus und Abstinenz. Davon, dass nicht jeder Tag ein guter Tag sein muss, dass man sich auch nicht immer selbst lieben muss oder kann. Dass sie sich in ihrer Haut und ihrem Alter wohlfühlen kann, auch wenn sie ihren Körper nicht immer lieben muss.
Sie erzählt davon, wie es ist, als Frau im Patriarchat zu leben. Wie sich die Sicht der Welt auf Frauen und Männer verändert hat. Von Männern, mit denen sie wunderbare Freundschaften pflegt. Und von Männern, die sich nicht weiterentwickeln wollen, schon früher eher abstoßend waren und es heute noch mehr sind.
Sie erzählt davon, wie sehr es sie nervt, dass das Altsein so negativ konnotiert ist. Wie sehr sie es genießt, endlich alt genug zu sein, gewisse Dinge zu meistern und andere überwunden zu haben. Und sich gewisse Dinge einfach nicht mehr gefallen zu lassen.
„Alt genug“ von Ildikó von Kürthy: Ein Buch für alternde Frauen?
Aktuell steht „Alt genug“ von Ildikó von Kürthy in der achten Woche auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste Sachbuch Hardcover. Das Buch ist also nicht mehr ganz neu. Es kursieren mittlerweile nicht nur der Denis-Scheck-Verriss und die anschließende Debatte, auch unzählige Kommentare in den sozialen Medien haben eine gewisse Erwartungshaltung an dieses Buch geweckt.
Vor allem aufgrund der vielen Kommentare hatte ich mir erwartet, einen Einblick in die Lebenswelt von Frauen mittleren Alters zu bekommen. Der Tenor der positiven Kommentare waren schließlich Frauen, die sich selbst wieder erkennen.
Tatsächlich hat es keine 20 Seiten gebraucht, um diese Erwartungshaltung über Bord zu werfen. Denn auch als weißer Hetero-Mann Mitte 30 konnte ich mich in kürzester Zeit wiederfinden. Natürlich hat Frau von Kürthy andere Erfahrungen in ihrem Leben gemacht, als ich, dennoch sind die Geschichten auch ohne große Transferleistung greifbar.
Dieses Buch ist also nicht nur für alternde Frauen und Männer, die sie verstehen wollen. Ich will mir sogar den Ausdruck der „alternden Frau“ verbieten, denn ich glaube, dass sich Frauen und Männer jeglichen Alters in diesem Buch selbst finden können.
Wo ist denn nun das „Geschnatter auf der Damentoilette“ in „Alt genug“?
In ihrer Reaktion auf Denis Schecks Kritik schrieb von Kürthy, sie habe sich „die Seele aus dem Leib geschrieben“. Diese Aussage ist auf jeder Seite von „Alt genug“ zu spüren. Offen und ehrlich schreibt sie über Angststörungen und Trauer, über den Tod ihrer Eltern, die Krebserkrankung und den Verlust einer engen Freundin und über die Angst, als eine weitere Freundin eine Krebsdiagnose bekommt.
Ich muss nicht mit jeder Seite von „Alt genug“ einverstanden sein, um ein gutes Buch zu erkennen. Es als „Geschnatter auf der Damentoilette“ zu bezeichnen, ist jedenfalls eine Frechheit. Und absolut nicht nachvollziehbar, wenn man es wirklich gelesen hat.
Die Szene auf der Damentoilette ereignet sich übrigens ziemlich weit hinten im Buch und nimmt in etwa eine halbe Seite in Anspruch. Die vollen 272 Seiten Umfang darauf zu reduzieren, macht also schon mengenmäßig wenig Sinn.
Inhaltlich dreht es sich dabei um ein Gespräch über einen jovial-abstoßenden Herren, der sich durch verbale und körperliche Übergriffe gegen Frauen auszeichnet. Spätestens, wenn das für Denis Scheck unter die Kategorie „Geschnatter“ fällt, wundert mich der Vorwurf des Sexismus, den Elke Heidenreich und andere gegen den Literaturkritiker erheben, wirklich gar nicht mehr.


