
Es scheint eine Position zu sein, in der man irgendwie kontrovers sein muss. Oder zumindest Dinge sagen muss, die kontrovers erscheinen können. Der legendäre Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki eckte immer wieder an, war polarisierend und verriss so manches Buch mit herausragender Eloquenz. „Zwischen Selbstherrlichkeit und Genialität“ titelte Deutschlandfunk zu seinem 100-jährigen Geburtstag vor einigen Jahren.
Heute heißt der wohl bekannteste Literaturkritiker des Landes Denis Scheck. „Druckfrisch“ und „lesenswert“ heißen Sendungen, in denen er Bücher rezensiert. „Denis Scheck informiert über lesenswerte Romane und Sachbücher und warnt Sie vor schlechter Literatur“ - so beschreibt die ARD „Druckfrisch“ auf ard.de.
Natürlich muss ein Kritiker oder eine Kritikerin auch mal ein Werk verreißen. Alles andere wäre ja unglaubwürdig. Nicht jedes Buch kann schließlich gut sein, und davor brauchen wir dringend eine Warnung von Expertinnen und Experten. Experten wie Denis Scheck.
Dass man damit auch einmal aneckt, ist ganz natürlich. Da müssen Autorinnen und Autoren drüberstehen. Ganz klar. Das gehört dazu, einfach souverän bleiben und hoffen, dass man mit dem nächsten Werk eher den gewünschten Ton trifft und bessere Kritiken einfährt. Sonst wirkt man schnell quengelig und kindisch, als könne man mit Kritik nicht umgehen. Das wirkt kleingeistig und unsympathisch.
Aber ist das richtig? Darf man sich gegen Kritik nicht wehren? Ist man den Verrissen schutzlos ausgeliefert? Ildikó von Kürthy hat mit der Regel gebrochen, und gibt die Kritik in einem Beitrag im Feuilleton der Zeit zurück. Direkt an Deutschlands Chef-Literaturkritiker Denis Scheck.
Verriss in 34 Sekunden: Denis Scheck über „Alt genug“
Ende Februar veröffentlichte Ildikó von Kürthy ihr neues Buch „Alt genug“. Mittlerweile steht es in der fünften Woche auf der SPIEGEL-Bestsellerliste Sachbuch, derzeit auf Rang 1. Das scheint ja ein deutliches Anzeichen für die Güte des Inhalts, zu sein. Von Kürthy scheint durchaus einen Nerv getroffen zu haben. Nicht so aber laut Denis Scheck.
Gerade einmal 34 Sekunden dauert das Video, in dem der Literaturkritiker ein vernichtendes Urteil ausstellt. Er spricht von „Nachrichten aus der Schnatterzone der Damentoilette“.
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Poster und Autor Roland Müller („Eisrausch“, „Eisfalle“ und mehr) hält es mit Denis Scheck, doch der erste Kommentar geht schon in eine andere Richtung: „Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Geschmäcker sind verschieden“, schreibt eine Nutzerin. Und so tut die Kritik genau das, was sie soll: Sie polarisiert. Seit der Videoausschnitt in der ARD Sendung „Druckfrisch“ im TV lief, gab es bereits einige Beiträge (und ja, jetzt auch diesen) von verschiedenen Zeitungen, darunter ein Essay in der Süddeutschen Zeitung.
Wer im Gespräch ist, darf sich nicht beschweren, denn es wird den Verkaufszahlen ja wohl kaum abträglich sein, oder?
Konter von Ildikó von Kürthy „Ich kann Sie nicht mehr leiden, Denis Scheck“
Doch Ildikó von Kürthy hat genug. „Was man ignoriert, das verändert sich nicht.“ Es sei nicht ihr erstes Buch, das Denis Scheck „zu seinem Leidwesen“ kritisch einordnen musste. „Sie haben ihm noch nie gefallen“, schreibt die Autorin im Beitrag. Sie habe sich „die Seele aus dem Leib geschrieben“, so von Kürthy weiter. „Und jetzt bin ich endlich alt genug, um so eine Respektlosigkeit, so eine Verachtung der lesenden und schreibenden Frauen nicht mehr kommentarlos hinzunehmen.“
Aber ist Ildikó von Kürthy jetzt quengelig, oder ist Denis Scheck „bemüht bösartig“? Ist er gar misogyn und bewertet „Alt genug“ schon wegen des Grundthemas schlecht? Oder muss er vielleicht einfach seine Quote an vernichtenden Kritiken erfüllen, um relevant zu bleiben?
Ist positive Kritik unglaubwürdig?
Eine Kritikerin oder ein Kritiker, der nicht hin und wieder ein Buch verreißt, wirkt unglaubwürdig. Und dann ist es ja auch noch ein ganz besonderes Prädikat für ein Buch, wenn eine Stimme, die überwiegend kritisch erklingt, auch mal ein Lob ausspricht. Müssen Literaturkritikerinnen und -kritiker also regelmäßig ungnädige Kritiken von sich geben, um relevant zu sein?
Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Was ist eine positive Kritik wert, wenn alle Kritiken positiv sind? Doch ist der grundsätzliche Verriss die falsche Richtung. Ein Buch kann immer eine Empfehlung wert sein. Manchmal kann man für ein Buch sogar eine unbedingte Empfehlung aussprechen. Und manchmal muss man eben die richtige Zielgruppe finden, für die man ein Buch empfehlen kann.
Nein, nicht jedes Buch macht beim Lesen Spaß. Und nein, nicht jedes Buch, das ich rezensiere, hat mir gefallen. Eine vermessene Anmaßung wäre es allerdings, wenn ich tausenden begeisterten Leserinnen und Lesern, die ein Buch auf die Bestsellerlisten gebracht haben, absprechen würde, dass ihr Lieblingsbuch etwas taugt. Da kann man noch so sehr Literaturwissenschaften studiert haben und noch so viele Bücher gelesen haben. Kein Buch ist Schund. Und „schlechte Literatur“ gibt es dann auch nicht. Eine „Warnung“ ist also überflüssig.
Vielleicht ist gerade das das Problem des etwas angestaubten Feuilletons. Während sich junge Leserinnen und Leser ihre Buchtipps auf BookTok und Bookstagram besorgen, wo sich Influencerinnen und Influencer voller Begeisterung ihren aktuellen Lieblingsbüchern widmen, muss die klassische Literaturkritik verreißen und anecken, um weiterhin Quoten und Klicks einzuspielen und sich an ihrer Relevanz festzuhalten.
Danke für die Einladung, Ildikó von Kürthy!
„Kommen Sie doch mal auf die Damentoilette, werte Herren, leihen Sie sich einen Tampon oder Lippenstift und seien Sie einmal für ein paar wunderbare Minuten eine von uns“, schreibt von Kürthy in ihrem Beitrag. Ich muss zugeben, dass ich ihr neues Buch auch noch nicht gelesen habe. Ich hoffe, ihre Einladung richtig zu deuten, indem ich sie nicht wörtlich nehme und stattdessen ihr Buch auf meine Leseliste gesetzt habe. Ich freue mich schon auf die Lektüre.


