Nürnberg - Denis Scheck moderiert seit Jahren „Druckfrisch“, eine Literaturkritiksendung in der ARD. Nicht zum ersten Mal gerät er jetzt selbst in die Kritik.

Ildikó von Kürthy hat gerade eine Welle losgetreten, auf der nun weitere Autorinnen mitreiten. Oder im Grunde hat Denis Scheck sie selbst losgetreten, könnte man argumentieren. Denn wenn man die Äußerungen der Autorinnen genauer betrachtet, wird schnell deutlich: Hier geht es nicht um einen konkreten Fall, sondern um eine ganze Reihe von Kritiken und Aussagen, die den Autorinnen sauer aufstoßen. Und nun scheint das Fass übergelaufen zu sein.

Ildikó von Kürthy: „Ich kann Sie nicht mehr leiden, Denis Scheck“

Kürzlich nahm sich Denis Scheck in seiner Sendung „Druckfrisch“ 34 Sekunden Zeit, ein vernichtendes Urteil über „Alt genug“ von Ildikó von Kürthy zu fällen. Mittlerweile sei sie „alt genug“, sich gegen derartige Verrisse zu wehren, könnte man die Reaktion der Autorin verkürzt zusammenfassen. Genaueres finden Sie in unserem Beitrag:

Ildikó von Kürthy vs. Denis Scheck: Zeigt sich hier das große Problem der Literatur-Kritik?

Von Kürthy schrieb in ihrer Reaktion, eine solche „Respektlosigkeit, so eine Verachtung der lesenden und schreibenden Frauen nicht mehr kommentarlos hinzunehmen“. Nun haben sich auch weitere Autorinnen zu Wort gemeldet, die ähnliche Erfahrungen mit dem Kritiker gemacht haben.

Sophie Passmann: „Sehr böse, aber vor allem sehr sexistisch“

Für Autorin Sophie Passmann („Wie kann sie nur?“) ist nicht der Verriss an sich das Problem, sondern die Art und Weise. In einem Video auf Instagram erklärt sie, dass sie vom Verriss ihres eigenen Buches vor allem deshalb so schockiert war, weil er so sexistisch ist. „Weil ein guter Verriss kann interessant sein“, so Passmann im Video.

„Ich erwarte von einem Literaturkritiker, dass er, wenn er ein Buch nicht gut findet, mir erklärt, warum das Buch nicht gut ist.“ Passmann bemängelt, dass Denis Scheck Bücher, die nicht nur von Frauen geschrieben sind, sondern auch von weiblichen Lebensthemen handeln, scheinbar so uninteressant und „widerlich“ für ihn sind, dass er sie nicht einmal anständig verreißen will.

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Der Sexismus ist hier also quasi im Kontext spürbar. Kolumnistin Aline von Drateln schrieb kürzlich beim Tagesspiegel: „Aber sexistisch, wie Sophie Passmann beleidigt behauptet, ist Schecks Kritik nicht.“ Sophie Passmann musste sich in der Vergangenheit schon häufiger die Kritik gefallen lassen, sie profitiere von antirassistischen Debatten, ohne selbst strukturell benachteiligt zu sein.

Ohne dieses Fass aufmachen zu wollen: Wer jetzt wie stark benachteiligt wird in einer patriarchalen, weiß geprägten Gesellschaft, lässt sich doch sagen, dass in dieser Aussage der Kontext keine Beachtung findet. Denn hier liegt der Sexismus, den Passmann an dieser Stelle anprangert, weniger darin, was gesagt wird, sondern darin, was eben nicht gesagt wird.

Elke Heidenreich: „Endlich in die Tonne damit“

Autorin Elke Heidenreich hat Erfahrung. Erfahrung als Autorin, Erfahrung hatte sie auch mit einer eigenen Literatursendung („Lesen!“, ZDF, 2003 bis 2008) und genug Erfahrung mit Denis Scheck. Beziehungsweise mit seinem Umgang mit Büchern von Frauen. Die Fehde zwischen Elke Heidenreich und Denis Scheck dauert schon einige Jahre. Zuletzt thematisierte die Autorin ihr Verhältnis zum Kritiker in „Frau Dr. Moormann & ich“, in dem man in der titelgebenden Frau Dr. Moormann wohl eine Persiflage auf Denis Scheck erkennen kann.

In einem Beitrag, der bei der Zeit erschien, macht sie Denis Scheck als Überbleibsel des viel zu lange viel zu männlich geprägten Literaturbetriebs aus. „Seit langem schon staune ich über den herablassenden Ton über Bücher von Frauen.“ Seit Jahrzehnten sind Frauen ein essenzieller Bestandteil der Buchwelt, ob als Autorinnen oder als Leserinnen. Und doch stünden wir heute mal wieder an einem Punkt, an dem ein Mann seinen Standpunkt festsetzt, in seiner wahrheitsgleichen Sicht auf die Welt.

Und der scheint im Hinblick auf „Alt genug“ von Ildikó von Kürthy die gleiche zu sein, die Denis Scheck schon auf Elke Heidenreichs „Altern“ hatte: „Bin ich nicht, versteh ich nicht, mag ich nicht. Funktioniert so eine ernsthafte, kluge, zeitgemäße Literaturkritik?“

Für Elke Heidenreich wenig überraschend nicht. „Endlich in die Tonne damit.“

Was sagen ARD und Denis Scheck dazu?

Auf Nachfrage der dpa weist Denis Scheck die Vorwürfe zurück. „In der Liste der März-Sendung habe ich vier Bücher von Frauen teilweise enthusiastisch gelobt, drei negativ besprochen.“ Er konzentriere sich auf die Bücher, nicht auf jene, die sie schreiben, und bemühe sich seit über zwei Jahrzehnten um pointierte und nachvollziehbare Bewertungen „auf engstem Raum“.

Die ARD schließt sich dieser Rechnung an: „Rückblickend stellt die Redaktion fest, dass der Moderator bei der Liste der behandelten Bücher mehr Autorinnen gelobt als kritisiert hat. Die ARD steht für Gleichberechtigung und eine vielfältige Darstellung von Perspektiven im Programm.“