
Man soll ein Buch nicht nach dem Einband beurteilen, sagt der Volksmund. Natürlich ist damit im übertragenen Sinne gemeint, dass man sich nicht immer vom ersten und äußeren Eindruck ein abschließendes Bild machen soll, denn dieser Eindruck kann nicht selten trügen. Doch wenn wir das Sprichwort wörtlich nehmen, macht es gar nicht mehr so viel Sinn. Wonach sollen wir ein Buch vor dem Lesen beurteilen, wenn nicht nach den Angaben, die auf dem Einband stehen? Beispielsweise, welches Genre wir vor uns haben?
Doch auch diese Genreangaben sind nicht immer ganz eindeutig. Manchmal steht auf dem Einband Krimi, beim Lesen fühlt sich das Buch aber viel mehr wie ein Thriller an - oder auch umgekehrt. Woran liegt diese Genre-Verwirrung? Was macht einen Krimi zum Krimi, und was macht einen Thriller zum Thriller?
Krimi oder Thriller? Antworten von Literaturprofessor Dr. Manuel Bauer
Dr. Manuel Bauer ist nicht nur Professor am Institut für Neuere Deutsche Literatur an der Philipps-Universität Marburg, er hat auch bereits mehrere Arbeiten über Kriminalliteratur veröffentlicht, darunter zwei Forschungsbände. Damit ist er genau der richtige Ansprechpartner für die Frage, was einen Krimi eigentlich zum Krimi macht.
Info
Kriminalliteratur: Geburt und Geschichte eines Genres: Von Ödipus bis Sherlock Holmes
Von Manuel Bauer
- 280 Seiten
- Schwabe Verlag
- ISBN: 978-3-7574-0105-4
- 24 Euro
Info
Kriminalliteratur: Geburt und Geschichte eines Genres: Vom Golden Age bis True Crime
Von Manuel Bauer
- 344 Seiten
- Schwabe Verlag
- ISBN: 978-3-7574-0122-1
- 28 Euro
Eine große Schwierigkeit, sich im Genre-Dschungel zurechtzufinden, besteht darin, dass der Begriff „Krimi“ völlig ungenau ist. Zumindest zu ungenau, um ihn im akademischen Kontext zu konkretisieren. „Man kann aber natürlich sagen, was gemeinhin unter Krimi verstanden wird, und das ist am Ende eine relativ krude Melange, die sich vom klassischen Detektivroman über Polizeiromane bis hin zu allem, was irgendwie mit Verbrechen zu tun hat, erstreckt“, so Dr. Bauer.
Wir verstehen einen Krimi also oft als das, was in der Forschungsdiskussion als „Ermittlungsliteratur“ bezeichnet wird. „Es ist eine Tat geschehen, in der Vergangenheit, die muss jetzt aufgeklärt werden.“ Dabei gibt es für Dr. Bauer durchaus Kriminalromane ohne Ermittlerfigur. Ob diese dann landläufig auch als „Krimi“ bezeichnet würden, steht auf einem anderen Blatt Papier. Als Beispiel führt Dr. Bauer die ersten Bücher von Ferdinand von Schirach an. Denn die Bücher beschäftigen sich mit Kriminalfällen, man könnte sie also der Kriminalliteratur zuordnen, doch die Aufklärung der Fälle ist absolut nebensächlich. „Und das Feuilleton tat sich total schwer damit, was ist das denn, ist das jetzt ein Krimi?“
„Schuld und Sühne“ und „Giftiger Grund“: Klassische und moderne Krimis ohne Ermittlerfigur
Tatsächlich ist diese Art der Kriminalliteratur nicht neu, denn historisch betrachtet liegen in dieser Form sogar die Ursprünge des Genres, noch bevor die großen Detektivfiguren von Edgar Allen Poe und Co. eingeführt wurden. Als bekanntestes Beispiel nennt Dr. Bauer „Schuld und Sühne“ von Dostojewski. Zwar gibt es hier eine Ermittlerfigur, die sogar von Beginn an durchschaut, wer der Täter ist. „Aber der ist eben nicht die Hauptfigur. Für den Verbrechensroman, ist die Ermittlerfigur optional, aber nicht konstitutiv.“
Ein modernes Beispiel für ein Buch, das zumindest vom publizierenden Verlag als „Kriminalroman“ eingestuft wurde, aber ohne ermittelnde Instanz zurechtkommt, ist „Giftiger Grund“ von Thomas Knüwer. Darin geschehen einige kriminelle Handlungen, eben auch eine, die in der Vergangenheit liegt und die Grundlage für die Handlung des Romans schafft. Zumindest für eine der drei Hauptfiguren. Dennoch ist es ein gutes Beispiel für ein Buch, das man nicht nach seinem Einband beurteilen sollte - denn wer hier einen üblichen Krimi erwartet, der geht leer aus. „Giftiger Grund“ ist ein Paradebeispiel für ein Buch, das irgendwie gleichzeitig ein Thriller und ein Krimi ist.
Krimi oder Thriller? Wo liegt der Unterschied?
Tatsächlich fühlt sich „Giftiger Grund“ beim Lesen über weite Strecken mehr nach einem Thriller an als nach einem Krimi. Aber wo liegt die Grenze zwischen den Genres? „Ein Thriller ist dann vielleicht schon so eine Art Untergattung [der Kriminalliteratur], aber auch etwas anderes. Hinreißend ungenau“, so Dr. Bauer im Gespräch. Einen zentralen Unterschied zwischen den Genres kann er dann aber doch benennen, und zwar mit einem Zitat aus einem Dan Brown-Thriller: „Die Uhr tickte.“
Denn einen zentralen Unterschied der Genres macht die Art der Erzählung aus. „Fachlich gesprochen: Bei dem, was man üblicherweise als Kriminalroman versteht, im Sinne von Ermittlungsroman, geht es um das analytische Erzählen, analytisch im Sinne von: Es ist rückwärtsgewandt. Beim Thriller geht es um das synthetische Erzählen, also um das nach vorne gerichtete, zukunftsgewandte Erzählen.“ Man muss sich also die Frage stellen: Wo steht die Bedrohung? Am Anfang eines Romans oder sogar schon vor Einsetzen der Handlung? Gibt es also ein Verbrechen, das aufgeklärt werden muss? Oder liegt die Bedrohung in der Zukunft und muss abgewendet werden?
Man könnte an dieser Stelle meinen, jetzt den Schlüssel zur Einteilung gefunden zu haben. Die Erzählrichtung ist also entscheidend. Aber falsch gedacht, wie man am Beispiel „Giftiger Grund“ sieht: Zwar gibt es hier Verbrechen, die in der Vergangenheit stattgefunden haben, es geht sogar ein bisschen darum, herauszufinden, was da genau passiert ist - aber genauso wichtig ist es, eine zukünftige Bedrohung abzuwenden. Wäre dann also die Bezeichnung Thriller passender?
„Giftiger Grund“ von Thomas Knüwer: Krimi oder Thriller? Das sagt der Verlag dazu
„‚Giftiger Grund‘ ist kein klassischer Ermittlerkrimi, aber dennoch ein Kriminalroman: Er erzählt konsequent von Verbrechen, deren Folgen und den Menschen, die darin gefangen sind. In seiner Dramaturgie nutzt er Thriller-Mittel, in seinem thematischen Kern verorten wir ihn eher bei der Kriminalliteratur“, erklärt Steffen Haselbach von der Verlagsleitung Belletristik bei der Verlagsgruppe Droemer Knaur auf Nachfrage von nordbayern. Er räumt aber auch ein, dass sich wohl kaum jemand beschweren könnte, wenn statt „Kriminalroman“ „Thriller“ auf dem Cover von „Giftiger Grund“ stehen würde.
Es gibt zahlreiche Beispiele für Bücher, die sich zwischen den Genres bewegen und die üblichen Grenzen der Gattungen überschreiten. Oft macht genau das ein Buch interessant. Welcher Begriff auf dem Cover steht, hat laut Haselbach verschiedene Gründe. Schließlich durchläuft ein Werk einige Stationen vom Manuskript zum gedruckten Buch. Eine erste Einschätzung gibt das belletristische Lektorat. Im weiteren Verlauf durch mehrere interne Probeleserinnen und -leser wird dann gegebenenfalls nachgeschärft. Natürlich spielen auch „verkäuferische Überlegungen“ eine Rolle - ein „recht justizlastiger Thriller bleibt ein ‚Thriller‘, weil das Signal ‚Justiz-Thriller‘ den Interessentenkreis womöglich von vornherein zu stark verengt“, so Haselbach weiter. „Dies wie gesagt in Fällen, die zwischen zwei Stühlen sitzen.“
Sind also alle Thriller auch Krimis?
Es mag so scheinen, dass alle Thriller auch Krimis sind, das muss aber tatsächlich nicht immer der Fall sein. „Das Entscheidende beim Thriller sind formale und wirkästhetische Merkmale, nämlich dieser Thrill, der Nervenkitzel, der Schauer, die Erregung, emotionale oder affektive Stressreaktionen, denen wir uns vorsätzlich aussetzen, um so etwas wie Angstlust zu empfinden. Und woher diese Angstlust kommt, ist dann erstmal zweitrangig“, so Dr. Bauer. „Das Verbrechen ist dann eben sozusagen eine sichere Wette, weil Verbrechen mit Gefahr einhergeht.“
Tatsächlich muss diese Bedrohung, dieser Thrill, aber nicht zwangsläufig mit einem Verbrechen zusammenhängen. Ein Thriller könnte beispielsweise auch von Menschen handeln, die sich auf einer Expedition in der Wildnis verirren und versuchen, den Weg in die Zivilisation zurückzufinden, bevor Wasser- und Nahrungsvorräte aufgebraucht sind. Hier ist eine ganz klare Bedrohung, eine Gefahr für das Überleben der Figuren, deutlich, und das ganz ohne Verbrechen.
Krimis und Thriller - zwei unterschiedliche Genres mit großer Schnittmenge
Es macht also wenig Sinn, die Genres Krimi und Thriller konsequent voneinander abgrenzen zu wollen. In einem Krimi geht es ganz allgemein um irgendetwas Kriminelles. Oft verstehen wir unter einem Krimi einen Ermittlungsroman, in dem ein Verbrechen, ein Fall, aufgeklärt wird. Das ist zwar nicht gerade selten so, muss aber nicht immer der Fall sein, wie wir bei „Giftiger Grund“ von Thomas Knüwer sehen. Die Erzählweise ist analytisch, also rückwärtsgerichtet - das Verbrechen liegt zum Großteil der Handlung in der Vergangenheit.
Der Thriller dagegen braucht gar kein Verbrechen. Wichtig ist der titelgebende Thrill, der dann entsteht, wenn die Figuren sich einer Bedrohung ausgesetzt sehen. Ob diese nun durch ein Verbrechen entsteht oder durch etwas anderes, ist zweitrangig. Die Erzählrichtung geht nach vorne in die Zukunft, ist also synthetisches Erzählen.
Wir haben es mit zwei unterschiedlichen Genres zu tun, die eine große Schnittmenge teilen, jedoch andere Schwerpunkte haben. Eine klare Definition ist im fachlichen Sinne schon deshalb schwierig, weil die Begriffe „Krimi“ und „Thriller“ oft im Alltag verwendet und dabei auch immer wieder in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich gebraucht werden.
Was heißt das aber für uns Leserinnen und Leser? Kann man denn gar nicht auf Genrebezeichnungen auf Buchcovern vertrauen? Ganz so tragisch ist es natürlich nicht. Denn ein Buchverlag vergibt die Genrebezeichnung nicht leichtfertig, sondern nach Absprache mit Lektorat und einem ganzen Kreis an internen Leserinnen und Lesern. Trotzdem kann man immer wieder überrascht werden. Und wer auf Nummer sicher gehen will, kann sich zum Glück auf die Buchtipps auf nordbayern verlassen.


