
Lost Places sind Ruinen. Damit sind aber nicht mittelalterliche Burgruinen gemeint, sondern moderne Ruinen, moderne Bauten, die ihren Nutzen überlebt haben und aufgegeben wurden. Diese Orte verbreiten eine ganz eigene, seltsame Stimmung, Bilder und Videos solcher Lost Places haben ihre eigene Social Media-Bubble. Ein Lost Place kann eine verlassene Industrieanlage sein, eine heruntergekommene Villa oder ein Geisterbahnhof.
Oder auch eine geschlossene Tankstelle. Und genau die wird zu einer zentralen Kulisse von „Giftiger Grund“, dem neuen Kriminalroman von Thomas Knüwer. Wobei man sich über die Bezeichnung „Kriminalroman“ streiten kann.
„Giftiger Grund“ von Thomas Knüwer: Charu, Joran und Edda
Den besten Einblick in dieses Buch bekommt ihr über die drei Hauptfiguren. Die Kapitel wechseln jeweils aus ihrer Sicht. Es sind drei eigentlich fremde Menschen, die vom Schicksal und dem Zufall an den gleichen Ort gebracht werden.
Triggerwarnung: In diesem Buch kommt es zu sexueller Gewalt und Gewalt gegen Kinder, die auch hier thematisiert werden. Wenn ihr euch diesen Triggern nicht aussetzen wollt, lest erst nach den Charakterbeschreibungen weiter.
Charu
Sie ist Lost-Place-Influencerin, aber der Erfolg lässt gerade noch auf sich warten. Im Moment kommt sie bei ihrer Schwester unter, eine eigene Wohnung ist nicht drin. Mit der versteht sie sich allerdings nicht besonders gut. Und ihr Freund Maik macht es nicht besser. Warum glaubt ihre Schwester ihr nicht, dass dieser Typ ein übergriffiges Schwein ist, Charu nicht in Ruhe lässt und widerliche Dinge mit ihren Sachen anstellt?
Charu hat ihre Quellen, wenn es darum geht, neue Lost Places für ihren Content aufzutreiben. Als Nächstes ist eine verlassene Tankstelle dran. Sie stellt ihre Kamera in der Waschstraße auf, um die Nacht und den Sonnenuntergang zu filmen. Als sie am nächsten Tag ihr Gerät abholt und das Material sichtet, staunt Charu nicht schlecht: Wer ist dieses kleine Mädchen, das mitten in der Nacht in einer verlassenen Waschstraße auftaucht?
Jaron
Jaron ist abhängig. Vom Wohlwollen anderer Menschen, die ihm nur mit Herablassung und Ablehnung begegnen. Ja, Jaron hat Mist gebaut. Er hat mit seinen Kumpels eine Tankstelle überfallen und dabei einen Menschen schwer verletzt. Nicht mit Absicht, wohlgemerkt. Eigentlich nicht mehr als eine Mutprobe, die ganze Sache, abgemacht im Drogenrausch. Jetzt ist Jaron weg vom Stoff und hat seine Strafe abgesessen, das muss doch etwas wert sein, oder?
Nachts zieht es Jaron zurück zur mittlerweile verlassenen Tankstelle. Vielleicht liegt die Beute aus dem Überfall noch dort? Aber weit gefehlt, stattdessen findet Jaron zu seinem Schrecken die Leiche seines Freundes Aras. Steckt etwa Marvin dahinter, der dritte Freund, der am Überfall beteiligt war?
Edda
Lin macht ihr Angst. Wenn sie wütend ist, weil Edda einen Fehler macht, bekommt sie von Lin einen roten Strich auf den Bauch. Die Striche tun weh, manchmal bluten sie sehr stark. Doch Edda muss stark bleiben, damit ihr Papa sie irgendwann abholen kommt.
Die Tankstelle ist ihr Zufluchtsort. Niemand sonst kennt ihn. Nachts kommt Edda hierher, um Capri Sonne zu trinken und für sich zu sein. Doch in letzter Zeit sind hier viele Leute, zu viele für ihren Geschmack. Zuerst der Mann im Schacht. Dann das Mädchen mit ihren Kameras und jetzt auch noch ein anderer Mann. Sie sind zwar nett zu ihr, aber trauen kann sie ihnen nicht. Denn sie muss auf Lin hören, sonst kommt ihr Papa nie und nimmt sie endlich mit.
„Giftiger Grund“ von Thomas Knüwer: Machtlosigkeit als zentrales Motiv
Was die drei vereint, ist nicht nur ihre Begegnung an der verlassenen Tankstelle. Knüwer thematisiert in seinem Buch verschiedene Situationen, in denen die Figuren sich am unteren Ende eines Machtgefälles befinden und es nicht schaffen, sich aus dieser Machtlosigkeit zu befreien. Und dabei auf eine Katastrophe zusteuern.
Es ist ein harter, düsterer Roman, der in seiner Sprache und seinen Schilderungen seine Stimmung unterstreicht. Die drei Figuren sind überzeugend und authentisch. Ist das Buch also zu empfehlen? Eigentlich ist diese Frage mit einem absoluten Ja zu beantworten, allerdings gibt es eine Einschränkung. Denn das Cover ist ziemlich irreführend.
„Giftiger Grund“: Ein Kriminalroman?
Die Grenzen zwischen Krimis und Thrillern sind fließend, nicht immer ist eine eindeutige Einordnung möglich. In diesem Fall ist es aber nicht nachvollziehbar, was an diesem Buch ein Kriminalroman sein soll. Für einen Krimi braucht es ein Verbrechen. Gut, das gibt es in „Giftiger Grund“ auch, nicht nur eines. Doch dann steht in einem Krimi für gewöhnlich die Aufklärung dieses Verbrechens im Vordergrund, eine Ermittlerfigur stellt Nachforschungen an, beim Lesen versuchen wir bis zur Lösung mitzuraten.
„Giftiger Grund“ ist andererseits ein waschechter Thriller. Kein Polizist, keine Privatdetektivin und keine Anwältin führt hier Ermittlungen durch. Es gibt keinen Fall, dessen Aufklärung das Zentrum der Handlung einnimmt. Stattdessen befinden sich die drei Hauptfiguren immer wieder in extremen Gefahrensituationen, ein „Thrill“, der dem Genre seinen Namen gibt, ist deutlich zu verspüren.
Leseempfehlung für „Giftiger Grund“: Ja oder Nein?
Um auf die Frage zurückzukommen, ob „Giftiger Grund“ also zu empfehlen ist, müssen wir zunächst unsere Erwartungshaltung anpassen. Denn wer einen klassischen Krimi erwartet, in dem man beim Lesen miträtseln kann, der wird hier leider enttäuscht. Wenn man aber einen Thriller lesen will, ist man hier an der richtigen Adresse und sollte sich vor der Lektüre gut anschnallen.
„Giftiger Grund“ ist ein Buch mit düsterer, spannender Stimmung und authentischen Figuren, voller nervenaufreibender Szenen und einer Handlung, die einem einen eiskalten Schauer über den Rücken jagt. Für alle Thriller-Fans absolut zu empfehlen.


