
2023 erhielt der norwegische Schriftsteller Jon Fosse den Literaturnobelpreis, „für seine innovativen Theaterstücke und Prosa, die dem Unsagbaren eine Stimme geben“, wie es in der Begründung der Schwedischen Akademie hieß.
Jetzt brachte Jon Fosse gerade sein neues Buch heraus und zeigt uns mit „Vaim“, was Literatur wirklich ausmacht.
Das neue Buch von Jon Fosse: „Vaim“
Drei Teile, drei Männer und eine Frau, die ihre Leben unverrückbar verändert. Und am Anfang der Handlung steht ein Faden. Den will nämlich Jatgeir kaufen, zusammen mit einer Nadel, um lose Jackenknöpfe wieder festzunähen. Der Mann, der zwar „kein alter Knacker“, aber dennoch schon ein „älterer Mann“ ist, macht sich also auf seinem Boot „Eline“ auf nach Bjørgvin, denn im Landhandel von Vaim, seiner Heimatinsel, gibt es sicher weder Nadel noch Faden.
Doch in Bjørgvin wird er eiskalt übers Ohr gehauen. Dennoch bezahlt er den Wucherpreis von 250 Kronen (rund 21 Euro), schwört sich aber, dass er nun endgültig genug hat von dieser Stadt. Besser ist es ohnehin in Sund, hier sind die Leute ehrlicher, weil sie Menschen wie ihn nicht nur als Beute sehen. Einen zweiten Versuch ist es wert, Jatgeir fährt auf seinem Boot weiter nach Sund, fragt im Kolonialwarenladen nach Nadel und Faden - und bezahlt erneut 250 Kronen.
Die Nacht will Jatgeir am Hafen von Sund verbringen, und dann mit Nadel und Faden, dafür um 500 Kronen ärmer, nach Vaim zurückfahren. Doch eine weitere Überraschung macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Seit Jahren hat er Eline nicht mehr gesehen. Die Jugendliebe, der er nie seine Gefühle gestanden hatte und nach der er sein Boot benannt hat, steht plötzlich vor ihm.
Eline hat genug von ihrem Leben und von ihrer Ehe, sie will zurück nach Hause, nach Vaim. Gesagt, getan, der Koffer ist gepackt, noch eine kurze Notiz auf dem Küchentisch für den gehörnten Gatten, und schon fahren die beiden nach Vaim. Und erst jetzt wird Jatgeir klar, dass er Eline nicht nur heimbringen wird, sondern dass auch sein einfaches Junggesellendasein nun ein Ende hat. So richtig sicher ist er sich dieser Sache nicht, doch Widerrede scheint unmöglich.
Elias und Frank: Die anderen Männer im neuen Buch von Jon Fosse
Das Buch ist in drei Teile unterteilt, jeder ist einem anderen Mann gewidmet. Im zweiten Teil sehen wir die Welt durch die Augen Elias‘, Jatgeirs bestem Freund, der seinen besten Freund kaum mehr sieht, seit er von einer seiner Fahrten „dieses Frauenzimmer“ mitgebracht hat. Elias vereinsamt zunehmend, und schließlich klopfen sogar die Toten an seine Tür.
Im dritten Teil kommt dann Frank zu Wort, der gehörnte Ehemann, der eigentlich Olav heißt. Doch Eline nannte ihn von Anfang an Frank und ließ keine Widerrede zu. Das macht sie eigentlich nie. Nicht, als Frank oder Olav ihr zum ersten Mal begegnet, nicht, als sie ihn mit einer kurzen Notiz verlässt, und auch nicht, als sie ihn nach Jatgeirs Tod viele Jahre später abholt, aus dem Haus, das sich seit Generationen im Besitz seiner Familie befindet, und mit nach Vaim nimmt.
„Vaim“
von Jon Fosse
- übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel
- 160 Seiten
- Rowohlt
- ISBN: 978-3-498-00781-2
- 24 Euro (Buch und Kindle-Book bei Amazon )
Das neue Buch von Jon Fosse: „Vaim“ ist ein einziger roter Faden
Ja, genauso ungläubig lässt einen dieses Buch auch beim Lesen zurück. Es ist unglaublich, wie Jon Fosse auf seine minimalistische Art die Dinge in diesem Buch einfach geschehen lässt. Die drei Männer, durch deren Augen wir die Welt sehen, erleben die Handlung nicht wirklich, vielmehr passiert sie ihnen einfach. Passiert Eline ihnen einfach.
Und nicht zuletzt Jon Fosses ganz eigene Schreibweise, trocken und passend übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, die diese Passivität zum Leben erweckt. Das mag widersprüchlich klingen, ist es irgendwie auch, aber treffender lässt sich dieser Roman kaum beschreiben.
„Vaim“ ist im Grunde ein langer Satz, den die drei Männer aneinanderhängen. Wortwörtlich, denn „Vaim“ kommt fast gänzlich ohne Punkt aus, dafür mit vielen Kommas. Die Erzählung ist wie der Faden, den Jatgeir zu Beginn kauft, und der einzige Punkt, den wir in diesem Roman finden konnten, mitten in Elias‘ Abschnitt, wirkt fehl am Platz, wie ein unbeabsichtigter Knoten in diesem Faden.
„Vaim“ von Jon Fosse: Was macht Literatur aus?
Völlig vermessen wäre es, an dieser Stelle eine allgemeingültige Definition von Literatur anzuführen, denn diese gibt es nicht. Was der Begriff „Literatur“ eigentlich besagt, wird von Literaturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern seit Ewigkeiten diskutiert, eine abschließende Klärung ist nicht in Sicht.
Doch „Vaim“ von Jon Fosse ist bereits der zweite Titel des Jahres 2025, der einem zumindest einen Anhaltspunkt davon geben könnte, was denn ein Unterschied zwischen Literatur und Belletristik sein könnte. Wenn es denn einen solchen überhaupt gibt.
Wie auch schon „Die Holländerinnen“ von Dorothee Elmiger, die mit diesem Titel den Deutschen Buchpreis gewann, lebt „Vaim“ davon, ein Buch zu sein. Eine Übertragung in ein anderes Medium würde den Zauber, den diese Werke ausstrahlen, nicht einfangen können, er würde in der Übertragung völlig verloren gehen. Nicht die Handlung der Erzählung ist es, die diese Bücher besonders macht, zumindest nicht nur. Es ist die Art und Weise der Erzählung, die nur in geschriebener Form funktioniert.


