
Eine Frau mit zwei Karrieren: Juli Zeh ist nicht nur erfolgreiche Autorin, sie hat auch Jura studiert und über Europa- und Völkerrecht promoviert. Bis vor kurzem war sie Verfassungsrichterin in Brandenburg. Mit „Pony Show“ bringt Juli Zeh diese beiden Welten zusammen: „Ich hatte schon lange den Wunsch, einen Justizthriller zu schreiben, der vor Gericht spielt.“ Zudem hatte sie den Ehrgeiz, „möglichst nah dran zu bleiben an den realistischen Abläufen von Strafprozessen und das deutsche Rechtssystem tatsächlich zu einem Schauplatz zu machen.“ Ist das Justizdrama gelungen?
Ein Buch, viele Geschichten: „Pony Show“ von Juli Zeh
Eigentlich besteht „Pony Show“ nicht aus einer Geschichte, sondern aus mehreren, die zeitgleich spielen, alle miteinander verbunden sind, teilweise die gleichen Figuren behandeln und sich doch stark unterscheiden. Juli Zeh spielt mit Perspektiven und zeigt uns auf, wie sich unsere eigene Perspektive auf Charaktere verschieben kann. Dabei arbeitet sie mit Rand- und Binnenerzählungen.
Wir erfahren die Handlung durch die Augen des Anwalts Mark Steinert. Er vertritt vor Gericht Betty Hell, Leiterin eines angesehenen Literaturverlags. Sie soll ihren Mitarbeiter Fero Lebed getötet haben. Fero ist spurlos verschwunden, Betty wurde an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn aufgegriffen, mit einer Reisetasche voller Filmgeld und einer kürzlich abgefeuerten Waffe im Handschuhfach. Sie gibt keine Erklärung ab und schweigt beharrlich.
Mark beschreibt im Grunde die erste Handlungsebene, die sich darum dreht, wie er von der Rolle des Familienvaters und Strafverteidigers immer tiefer in eine Obsession über seine Mandantin fällt. Er selbst sieht im Laufe der Handlung den Punkt, an dem er eine Grenze überschritten hat und sich als Verteidiger zurückziehen sollte, da er längst über jede Professionalität hinaus ist. Seine Obsession ist allerdings bereits so weit fortgeschritten, dass er diesen Schritt nicht schafft.
Im Laufe des Buchs wird uns Mark immer unsympathischer. Er entwickelt sich vom gewissenhaften Anwalt, der seiner Mandantin auf einfühlsame Art ihre Geschichte entlocken will, hin zu einem übergriffigen, verzweifelten und egoistischen Besessenen, der seine Familie mehr als nur vernachlässigt.
Dabei spiegelt er im Grunde seine Mandantin Betty. Nach und nach erfahren wir, als Binnenerzählung, ihre Geschichte, in der sie ihr Verhältnis mit Fero beschreibt. Auch sie hat eine Obsession für den um Jahrzehnte jüngeren Mann entwickelt, die im Laufe der Handlung mehrere Grenzen überschreitet. Doch bekommen wir auch den Eindruck, dass vielleicht genau das Feros Absicht ist. Wollte er Betty in diese Abhängigkeit treiben?
Wir erfahren auch die Geschichte, die sich der Staatsanwalt überlegt hat. In seiner Geschichte ist Betty eine Affäre mit dem jüngeren Angestellten eingegangen, der sie darauf hin erpresst hat, was sie wiederum dazu brachte, ihn zu erschießen. An sich schlüssig, doch ihm fehlt eine Leiche.
Demonstrierende vor dem Gerichtsgebäude hängen sich an das Narrativ, dass es hier um einen antifeministischen Scheinprozess geht, befeuert von Interviews, die Betty zuvor gegeben hat. In der Handlung des Romans ist es eher eine Randgeschichte, allerdings landet Betty einige rhetorische Treffer, die uns in unserer Auffassung des Entwicklungsstandes unserer Gesellschaft zu denken geben sollten. Auch Anwalt Mark findet heraus, dass sich die Emanzipation nicht auf dem Endspurt befindet und wir stattdessen noch weit vom Ziel der Gleichberechtigung entfernt sind. So stellt Betty beispielsweise die berechtigte Frage, ob es so viel Gewese um ihre Verbindung mit Fero gegeben hätte, wenn sie ein Mann wäre und er eine junge Mitarbeiterin. Ein Kopfschütteln vielleicht, eine abfällige Bemerkung zu einer Mid-Life-Crisis, aber handfester Skandal? Sicher nicht. Zumindest bis zu seinem Verschwinden.
„Pony Show“: Ein Buch mit vielen Perspektiven - doch eine fehlt
Was fehlt, ist Feros Perspektive. Er ist bereits vor dem Einsetzen der Handlung verschwunden, wir kennen ihn nur aus Bettys Sicht. Interessant ist diese Perspektive dennoch. Denn jede Version dieser Geschichte erfahren wir immer durch die Augen anderer Figuren, die ihre subjektive Variante erzählen. Interessant wird es an dieser Stelle für alle, die den Roman „Die Assistentin“ von Caroline Wahl gelesen haben. Die Ich-Erzählerin berichtet von ihrem psychisch belastenden Arbeitsverhältnis als Assistentin eines Verlagsleiters. Immer wieder bricht beim Lesen von Bettys Version die Vermutung durch, dass sich Feros Perspektive ganz ähnlich angefühlt haben könnte, wie Charlottes im Roman von Caroline Wahl.
Diese Vermutung fühlt sich auf gewisse Weise bestätigt an, als, relativ spät in der Handlung, Feros Mutter Helena auftritt. Sie erklärt, ihr Sohn habe unter der eher übergriffigen Chefin gelitten, die ständige Erreichbarkeit von ihm einforderte, auch in privaten Belangen. Für den der Job beim Verlag aber die große Chance seines Lebens war, die er nicht riskieren wollte, indem er sich dagegen wehrt.
Ist das nun der wahre Hergang oder die Version einer trauernden Mutter, die in ihrem Sohn nur ein Opfer sehen kann und keineswegs jemanden, der seine Mitmenschen in eine psychische Abhängigkeit manipulieren könnte?
Ist das Buch „Pony Show“ ein Justizdrama?
Alles in allem ganz schön viel in einem Roman. Bettys Erzählung könnte Fans an die Sitcom „How I Met Your Mother“ erinnern, in der Hauptfigur Ted seinen Kindern davon erzählt, wie er deren Mutter kennenlernte. Die Serie zieht sich über neun Staffeln, keine kurze Erzählung also. Und auch Betty schweift in ihrer Geschichte immer wieder ab und holt weit aus. Was aber nötig sei, um das große Ganze zu verstehen, wie sie immer wieder betont. Als literarisches Beispiel lässt sich auch „Die Entdeckung der Currywurst“ von Uwe Timm hinzuziehen.
Es bleibt die Frage, ob Juli Zeh ihr Anliegen gelungen ist, „einen Justizthriller zu schreiben, der vor Gericht spielt.“ Diese Frage lässt sich mit einem deutlich „Jein“ beantworten. Letztendlich ist „Pony Show“ nicht wirklich ein Justizthriller. Natürlich gibt es Gerichtsszenen, die überraschende Wendungen bereithalten. Juli Zeh bringt ihre umfangreiche Expertise in den Roman und zeigt eindrucksvoll die Probleme und Unzulänglichkeiten des deutschen Strafrechts zur Schau. Die Abläufe vor und neben dem Gericht geben dem Roman den äußeren Rahmen. Doch im Kern steht etwas anderes.
Viel zentraler ist die Geschichte von Betty und Fero. Und der gespiegelten Obsession durch Mark. Das Machtgefälle, der Rollenwechsel weg vom alternden Mann und der jungen Mitarbeiterin und die Besessenheit von Betty wie auch Mark machen diesen Roman lesenswert.
Ihr Vorhaben, einen Justizthriller zu schreiben, ist Juli Zeh also nicht wirklich gelungen. Dafür steht die Justiz selbst zu weit am Rand. Was ihr gelungen ist, ist ein spannender, unterhaltsamer Roman, der interessante Fragen auf unsere Gesellschaft und den Stand der Emanzipation und des Feminismus wirft.


