Nürnberg - Die Autorin Caroline Wahl wird derzeit ausgiebig diskutiert - nicht zuletzt wegen ihres neuen Romans „Die Assistentin“.

Drei Romane, allesamt Bestseller, und nicht nur einfach Bestseller. Die ersten beiden Romane „22 Bahnen“ und „Windstärke 17“ sind nicht nur kurze Besucher der Liste gewesen, die Taschenbuchvarianten stehen seit 79 (!) beziehungsweise 25 Wochen auf der entsprechenden Bestsellerliste, dominieren diese regelrecht.

Auch ihr jüngstes Buch, „Die Assistentin“, das im August 2025 erschien, steht seit der Veröffentlichung auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Etwas scheint Caroline Wahl also richtigzumachen, denn wo sollte sonst die bleibende Begeisterung herrühren?

Dennoch sind ihre Bücher auch anhaltender negativer Kritik ausgesetzt. Wir haben uns ihren Roman „Die Assistentin“ genauer angesehen.

„Die Assistentin“ - Ein nerviges Buch?

Die Handlung dieses Romans ist tatsächlich überschaubar. Wir begleiten Charlotte Scharf durch den Tiefpunkt ihres Lebens, nämlich ihr Arbeitsverhältnis als Assistentin des Verlegers Ugo Maise.

Sie wird innerhalb einiger Monate ab ihrer Anstellung als zweite Assistentin zur ersten aufsteigen, die einzige sein, die den exzentrischen Chef im Griff hat und nach außen hin eine gute und stabile Figur machen, zwei andere Assistentinnen binnen nicht einmal eines ganzen Jahres überdauern und letztendlich völlig daran zerbrechen.

Denn Ugo Maise ist nicht einfach ein exzentrischer Chef. Er ist launisch, unfähig als Verleger, unfair, übergriffig, hat völlig absurde Vorstellungen von Arbeitsethik und überschreitet fortwährend Grenzen.

Zuletzt hat der Roman ein Happy-End, Charlotte schafft es nicht nur aus dem Arbeitsverhältnis, sondern auch zu einer kleinen Berühmtheit im Musikgeschäft, und kann sich ihre Wünsche erfüllen.

Buchktitik zu „Die Assistentin“: Fehlt da nicht eine Spoilerwarnung?

Haben wir jetzt etwa zu viel verraten? Nicht direkt, denn auch Caroline Wahl lässt uns schon zu Beginn des Buches wissen, wo die Reise hingeht. Hier ist der Weg das Ziel, wie wir eben diese Reise mit Charlotte beschreiten.

Vorneweg: Charlotte ist absolut unsympathisch. Sie sucht die Gründe für ihre Misere stets bei anderen, macht ihre Eltern für diese große Fehlentscheidung, nach München zu ziehen und Verlagsassistentin zu werden, verantwortlich. Mit Vorurteilen belastet, macht sie sich vorschnell ein Bild von ihren Kolleginnen. Nur die zweite Geige als Assistentin zu spielen, schmeckt ihr gar nicht, und so sind sie und ihre Ambitionen nicht ganz unschuldig am Ausscheiden ihrer ersten Mit-Assistentin.

Diese Ambition ist es auch, die sie in die Abhängigkeitsspirale mit ihrem völlig verrückten Chef treibt. Caroline Wahl beschreibt eindrucksvoll, wenn auch gelegentlich etwas zu klischeehaft, wie ihre Protagonistin ihren Vaterkomplex an ihrem Chef auslebt. Jedes Lob wird gefeiert, jeder Tadel ist wie ein Schlag ins Gesicht.

Offen gestanden hat es keinen Spaß gemacht, „Die Assistentin“ zu lesen. Die Art und Weise, in der Caroline Wahl die Handlung darlegt, gibt uns deutlich zu spüren, wie es ist, unter einem solchen Scheusal von Chef zu arbeiten. Wir spüren beim Lesen die Frustration, die ständigen Wiederholungen, an denen Charlotte langsam verzweifelt. Dieses Buch nervt. Und ist genau deshalb so gut.

Kritik an Caroline Wahl - Überzogen oder berechtigt?

Zugegeben, sprachlich ist „Die Assistentin“ nicht der große Wurf. Caroline Wahl schreibt beinahe umgangssprachlich. Vielleicht sorgt aber auch genau das dafür, dass wir uns der Protagonistin näher fühlen können.

Besonders originell ist der Inhalt auch nicht, Caroline Wahl zieht in den häufig vorkommenden 4th Wall Breaks selbst den Vergleich zu „Der Teufel trägt Prada“. Doch hier geht es nicht nur um Machtgefälle, sondern explizit auch um Machtgefälle zwischen dem männlichen Chef und seiner weiblichen Assistentin. Denn leider ist Ugo Maise kein überzeichneter Charakter, sondern sitzt in unserer patriarchal strukturierten Gesellschaft immer noch in so manchem Chefsessel.

Letztlich geht es gerade bei „Die Assistentin“ wohl darum, wie weit man in die Tiefe schauen möchte. Ob man einfach nur ein Buch sieht, das einen beim Lesen nervt, oder ob man auch begreifen will, warum es nervt.

„Die Assistentin“: Verherrlichung von Selbstverletzung?

Besonders auf BookTok wird Caroline Wahl gerade ausgiebig diskutiert. Zugegeben, die Kritik an ihrer eigens eingesprochenen Hörbuchfassung ist kaum von der Hand zu weisen. Nur in den seltensten Fällen ist ein Hörbuch besonders gut, wenn es die Autorin oder der Autor selbst eingesprochen hat - hier hätte man das Feld definitiv den Profis überlassen sollen.

Doch auch andere Vorwürfe werden gegen das Buch laut. Beispielsweise soll Caroline Wahl Selbstverletzung verherrlichen, indem sie die Narben am Arm einer Frau übermäßig ästhetisiert, wie in diesem Post deutlich wird:

@leaskontext In Caroline Wahls neuem Buch werden Narben als „Armbänder“ beschrieben. In diesem Video ordne ich die Kritik an ihr ein. Danke an @esrausta 📖🍉🏎️ fürs darauf Aufmerksam machen #carolinewahl #dieassistentin #22bahnen #problematischeaussagen #BookTok ♬ Originalton - lea 🍉

Tatsächlich lässt sich diese Textstelle aber schlecht außerhalb des Kontexts erfassen. Die Beschreibung der Narben erfolgt eindeutig aus der Sicht unserer Protagonistin, die in keiner Sekunde dieses Buches in irgendeiner Weise als Vorbildfigur, der man irgendetwas nachmachen möchte, auftritt.

Vielmehr wird an der Szene deutlich, in welcher Abwärtsspirale von Abhängigkeit und Selbsthass sich Charlotte zu diesem Zeitpunkt bereits befindet. Wer derartig unreflektiert über derlei Narben nachdenkt, die von der Selbstverletzung einer anderen Person zeugen, braucht dringend professionelle Hilfe. Und genau die bekommt Charlotte wohl zum Ende des Buches, als ihr eine Ärztin endlich aus diesem absolut toxischen Arbeitsverhältnis hilft. Ob eine weitere therapeutische Betreuung erfolgt, bleibt allerdings leider offen. Unter anderem bei Amazon sind Buch und Kindle-Book von "Die Assistentin" zu haben.