Nürnberg - BookTok machte sie groß und mittlerweile sind sie von den Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken: Die selbstironisch genannten Schundschinken. Aber könnte daraus noch Hochliteratur werden?

Smut, Schundschinken oder auch Lendenlektüre - (Dark-)Romance Literatur mit teilweise expliziten, sexuell aufgeladenen Handlungen gibt es mittlerweile viele. Die Bücher, die häufig in ganzen Buchreihen kommen, erfreuen sich großer Beliebtheit beim Lesepublikum, vor allem auf den sozialen Medien. Auf TikTok und Instagram tauschen sich Massen an Menschen hinter den Hashtgs BookTok und Bookstagram über ihre Lieblingsbücher aus.

„Schundschinken“ und „Lendenlektüre“ mag übrigens abfällig klingen, allerdings werden die Begriffe auch von Userinnen und Usern sowie Autorinnen und Autoren gerne selbstironisch verwendet, allen voran die Autorin Victoria R. E. Karner, die auf TikTok als „Schundschinkologin“ auftritt und womöglich auch schon Sebastian Fitzek zur Lendenlektüre verleitet hat.

Was ist ein Schundschinken und was haben diese Bücher mit Shakespeare zu tun?

Der Begriff „Schundschinken“ ist also eigentlich ein abwertend gemeintes Prädikat für bestimmte Bücher, die sich die Community aber mittlerweile selbstironisch angeeignet hat. Gemeint sind Bücher, die nach aktuellen Maßstäben vielleicht nicht den hohen literarischen Anspruch haben, dafür aber mit großem Suchtfaktor glänzen. Erotik, genannt Spice, spielt eine große Rolle zudem gibt es gewisse Formeln, die sich als Tropes in verschiedenen Büchern wiederholen.

Diese Tropes sind einerseits formelhaft und weisen auf wenig Abwechslung hin, geben auch Hilfe bei der Auswahl des nächsten Buchs. Denn wem bestimmte Tropes einmal gefallen, dem gefallen sie vermutlich auch bei der nächsten Lektüre.

Und während diese Gattung der Literatur heutzutage von kritischen Stimmen als profan und vulgär abgetan wird, wurde William Shakespeare von seinen Zeitgenossen teilweise ähnlich angesehen. Von Kritikern wurde er mangels universitärer Ausbildung als Parvenü betrachtet, als „emporkömmlingartige Krähe, geschmückt mit unseren Federn“, wie es der Dramatiker Robert Greene berühmterweise beschrieb.

Dennoch genoss Shakespeare Ansehen bei Hof und vielen Dichterkollegen, vor allem aber beim Volk. Dieses Ansehen fußte aber weniger darauf, dass er nach Ansicht seiner Zeitgenossen „Hochliteratur“ produzierte, sondern vielmehr auf der Massentauglichkeit seiner Stücke. Diese wurden teilweise als vulgär, aber hochunterhaltsam wahrgenommen, sein Humor derb und für die damaligen Verhältnisse hochgradig erotisch aufgeladen.

Kommt irgendjemandem diese Beschreibung angesichts der modernen „Schundschinken“ bekannt vor?

Bücher und Literatur: Moderne Tropes für literarische Klassiker

Erst hunderte Jahre nach seinem Tod bekamen die Werke von Shakespeare das hohe Ansehen und schließlich die akademische Einordnung, die er heute genießt. Ob auch die heutige Literatur eine derartige kulturelle Aufwertung in ihrem Ansehen erfahren wird, werden wir wohl kaum mehr erleben. Was wir aber tun können, ist moderne Maßstäbe auf heutige Klassiker der Literatur zu stülpen und beobachten, was dabei herauskommt. Denn auch Literatur zwischen Shakespeare und heute kann mit modernen Tropes versehen werden. Und das Ergebnis ist teilweise überraschend.

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Die Autorin Luca Jaro hat das auf ihrem Instagram-Kanal autorin_luca direkt erledigt und „Klassiker smutty erklärt“. Dabei bekommen hochangesehene Literaten ihr Fett weg: Goethes „Faust“ bekommt die Tropes #AgeGap und #Grooming. „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse? #HeFallsFirst. „Effi Briest“ von Theodor Fontane? #ForbiddenLove. Der Trope #FoundFamily bei „Homo Faber“ von Max Frisch kann sogar mehrdeutig verstanden werden.

Wer also Begriffe wie „Schundschinken“ und „Lendenlektüre“ ohne Ironie verwendet, sollte mal einen Blick darauf werfen, was das (in der Literaturwissenschaft übrigens mittlerweile eher verpönte) Prädikat „Hochliteratur“ besitzt. Die Motive unterscheiden sich nämlich gar nicht so stark, wie man vielleicht meinen möchte. Und was zukünftige Generationen als „Hochliteratur“ ansehen, kann heute ohnehin niemand mit Sicherheit einschätzen.