Nürnberg - Weniger Körperverletzungen und Raubdelikte: Am Nelson-Mandela-Platz ist die Zahl bestimmter Straftaten gesunken. Was sich in der Südstadt verändert hat - und wie sich das auf das Sicherheitsgefühl auswirken kann.

Der Nürnberger Hauptbahnhof und sein Umfeld standen in den vergangenen Monaten wiederholt wegen schwerer Straftaten in den Schlagzeilen. Dabei ging es auch um Fälle, in denen Männer weiblichen Minderjährigen Drogen angeboten und ihre Abhängigkeit anschließend für sexuelle Übergriffe ausgenutzt haben sollen. Im Mai gründete die Kriminalpolizei deshalb die Ermittlungskommission „EKO Kajal“.

Auch die offene Drogenszene am Nelson-Mandela-Platz beschäftigt die Sicherheitsbehörden seit Längerem. Dort hatten sich ab Ende 2023 zunehmend Händler aufgehalten, die Passantinnen und Passanten teilweise gezielt ansprachen. Aus abgelehnten Verkaufsangeboten entwickelten sich nach Angaben der Polizei wiederholt Konflikte und Gewalttaten.

Nun melden Stadt und Polizei einen deutlichen Rückgang mehrerer Straftaten. Doch was hat sich vor Ort konkret verändert? Und lässt sich daraus schließen, dass sich Menschen am Hauptbahnhof und in der Südstadt inzwischen sicherer fühlen?

Weniger Gewalt am Nelson-Mandela-Platz in Nürnberg

Nach Angaben der Polizei hat sich die Situation am Nelson-Mandela-Platz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum deutlich verändert. Die Zahl der Körperverletzungen habe sich mehr als halbiert. Körperverletzungen innerhalb der Drogenszene gingen nahezu auf null zurück, heißt es in einer Pressemitteilung. Auch Raubdelikte wurden mehr als halbiert, Straftaten mit Messerbezug sanken laut Polizei um mehr als ein Drittel.

Die Behörden führen die Entwicklung auf ein Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen zurück. Dafür wurde bei der Polizei die Arbeitsgruppe „Nelson“ eingerichtet. Stadt, Polizei und Staatsanwaltschaft stimmen ihre Maßnahmen seither enger miteinander ab. Für Passantinnen und Passanten dürfte vor allem die verstärkte Polizeipräsenz sichtbar sein. Die Polizei ist nach eigenen Angaben nahezu ständig vor Ort. Allein im März 2026 sprachen Einsatzkräfte mit Unterstützung der Bereitschaftspolizei mehr als 220 Platzverweise aus. 40 Menschen wurden vorübergehend in Gewahrsam genommen.

Doch vermehrte Polizeipräsenz kann paradoxerweise zu einem größeren statt geringeren Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung beitragen. Selbst dann, wenn sie sich eben diese Maßnahme gewünscht haben. Das ist das Ergebnis einer Studie aus Kassel, die den Einfluss von Präsenz der Polizei auf das Sicherheitsgefühl und die Kriminalitätslage untersucht hat. „Mehr Polizeipräsenz führt demnach zu mehr Unsicherheitsgefühl bei den Menschen“, sagt der Projektleiter und Kriminologe Tim Pfeiffer von der Justus-Liebig-Universität in Gießen (JLU), wie die Deutsche Presseagentur berichtet.

„Es scheint die Meinung vorzuherrschen: Wo Polizei ist, da passiert auch was“, erklärt Pfeiffer den Befund der Studie. Bei der Untersuchung handelt es sich um ein Feldexperiment in Kassel. Es ist die erste ihrer Art in Deutschland. Die signifikanten Ergebnisse lassen sich jedoch auf die gesamte Bundesrepublik übertragen.

Hinzu kommen mehrere Verbotszonen: Seit April 2025 gilt am Nelson-Mandela-Platz eine Waffen- und Messerverbotszone, seit Dezember 2025 außerdem eine Cannabisverbotszone. Die Polizei kontrolliert dort verstärkt. Auch Büsche und andere Bepflanzungen wurden gezielt zurückgeschnitten, um „Verstecke von Dealern aufzulösen“, wie es in der Mitteilung heißt.

Daneben haben Polizei und Staatsanwaltschaft die Strafverfolgung stärker auf einzelne Tatverdächtige ausgerichtet. Nach Angaben des Polizeipräsidiums Mittelfranken wurden insgesamt 54 sogenannte Intensivtäter aus dem Verkehr gezogen. 40 Menschen wurden inhaftiert, 14 abgeschoben. Außerdem wurden 35 Betretungsverbote ausgesprochen.

Ob sich Menschen deshalb inzwischen auch abends durchgehend sicherer fühlen, lässt sich aus den veröffentlichten Zahlen allerdings nicht ablesen. Die Statistik zeigt, dass bestimmte Straftaten zurückgegangen sind. Sie sagt nicht unmittelbar aus, wie sich das persönliche Sicherheitsgefühl entwickelt hat.

Polizei warnt vor einer Verlagerung der Drogenszene

Die Polizei weist selbst darauf hin, dass eine Beruhigung am Nelson-Mandela-Platz nicht automatisch bedeutet, dass die Probleme vollständig verschwunden sind. Es sei möglich, dass sich Teile der Szene an andere Orte verlagert haben.

Auch das Bahnhofsumfeld insgesamt bleibt deshalb ein Schwerpunkt der Polizeiarbeit. Am Nelson-Mandela-Platz steht seit einigen Monaten ein Container, in dem Einsatzkräfte Menschen durchsuchen und Vorgänge direkt vor Ort bearbeiten können. Das soll Abläufe verkürzen und es den Beamtinnen und Beamten ermöglichen, schneller wieder auf dem Platz präsent zu sein.

Zudem wollen Polizei, Bundespolizei und Deutsche Bahn den Zugriff auf die rund 400 Kameras am Nürnberger Hauptbahnhof verbessern. Ziel ist ein wechselseitiger direkter Zugriff der beteiligten Stellen auf die Aufnahmen.

Sicherheit am Nürnberger Aufseßplatz: Mehr Kontrollen und Videoüberwachung

Anders stellt sich die Situation am Aufseßplatz dar. Dort sieht die Polizei keinen vergleichbaren Kriminalitätsschwerpunkt. Trotzdem fühlen sich viele Menschen nach Einschätzung der Behörden unwohl. Als Gründe nennen Stadt und Polizei unter anderem eine verfestigte Trinkerszene, Verschmutzung und Menschen, die ohne Unterkunft auf dem Platz leben und dort ihre Habseligkeiten lagern.

Die Stadt hat die Alkoholverbotszone Ende Dezember 2025 auf den Aufseßplatz ausgeweitet. Wer wiederholt gegen die Regeln verstößt, muss mit einem Betretungsverbot rechnen. Polizei und der städtische Ordnungsdienst sind gemeinsam vor Ort. Außerdem ist seit einigen Wochen ein Videoturm in Betrieb, mit dem die Polizei das Geschehen auf dem Platz beobachten kann.

Die Maßnahmen sollen Konflikte verhindern und das Sicherheitsgefühl verbessern. Ob sie langfristig wirken, bleibt abzuwarten. Die Polizei setzt zugleich auf soziale Dienste, die Menschen in schwierigen Lebenslagen ansprechen und Unterstützung vermitteln sollen.

Obdachlosigkeit und Sucht sind keine Straftat

Denn nicht jede sichtbare Problemlage ist eine Straftat. Auch Polizeipräsident Gernot Rochholz betont, dass Obdachlosigkeit und Suchterkrankungen keine Straftaten sind. „Hinter jedem dieser Schicksale steht ein Mensch, der Hilfe braucht.“

Auch die Stadt setzt auf Veränderungen über die Polizeiarbeit hinaus. Oberbürgermeister Marcus König verbindet mit dem geplanten Schocken-Carré die Hoffnung auf eine Aufwertung des Aufseßplatzes. Geplant sind rund 200 Wohnungen, Geschäfte und soziale Einrichtungen. Der Baustart ist für Herbst 2026 vorgesehen, fertig werden soll das Projekt 2029.


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