
14 Männer in Untersuchungshaft, drei weitere mit offenem Haftbefehl. Die Ermittlungskommission „EKO Kajal“ der Nürnberger Kriminalpolizei hat erneut zwei Verdächtige festgenommen, die Jugendliche mit Drogen gefügig gemacht haben sollen. So berichtete die Polizei Mittelfranken am Dienstag in einer aktuellen Mitteilung. Warum der Nürnberger Hauptbahnhof ein Hotspot für diese Form der Kriminalität ist, weshalb ausgerechnet junge Mädchen das Ziel der mutmaßlichen Taten sind und welche Maßnahmen helfen könnten - eine Einordnung.
Mit den Festnahmen setzt sich eine Entwicklung fort, die Ermittler bereits seit Monaten beschäftigt: Besonders rund um den Nürnberger Hauptbahnhof sollen Männer gezielt junge Mädchen und Frauen umwerben und ihnen teils harte Drogen geben. In der Anfangsphase würden die Betroffenen bei den Dealern oft Zuneigung und Sympathie erfahren, so die Polizei Mittelfranken. Das Vertrauen würden die Männer aber schließlich missbrauchen, indem sie sexuelle Gefälligkeiten einfordern.
Dass Minderjährige auf diese Art ausgebeutet werden, ist nicht neu, ordnet Daniela Dahm ein. Sie ist Sozialpädagogin und Geschäftsführerin vom Nürnberger Verein Lilith, einer Drogenhilfe für Frauen, Mädchen und Kinder. „Aber die Qualität und Quantität, wie wir es derzeit am Hauptbahnhof erleben, hat deutlich zugenommen“, sagt Dahm. Ein Ausmaß in dieser Form habe sie noch nie erlebt. Sie führt es unter anderem darauf zurück, dass es immer mehr Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen gebe, auch Zukunftsängste nähmen immer mehr zu.
Die Tatverdächtigen würden das gezielt ausnutzen, während die Mädchen „lange nicht merken, in was sie da reinschlittern“, so Dahm. Die Männer würden eine Liebesbeziehung vorgeben und sagen, wie harmlos die Drogen seien. Viele Jugendliche konsumieren dann erstmals, weil sie sich nicht trauen, Nein zu sagen, so Dahm. Später würden sie dann konsumieren, weil es ihnen psychisch schlecht gehe - „sie erleben Übergriffe, merken, dass es mit ihrem Partner nicht so ist, wie sie es sich vorgestellt haben“. Irgendwann werde der „Drogenkonsum zum Versuch, zu überleben“, sagt die Sozialpädagogin.
Um diese Fälle zu vermeiden, müsse noch mehr präventiv gearbeitet werden: „Es muss mehr in die Jugendhilfe investiert oder Jugend-Einrichtungen ausgebaut werden“, fordert Dahm. „Wir müssen die jungen Menschen auf solche Situationen vorbereiten und ihnen Tipps an die Hand geben, damit sie sich nicht darauf einlassen.“ Auch der enge Austausch und die Zusammenarbeit mit der Polizei seien wichtig, so Dahm.
Gründung der Ermittlungskommission „EKO Kajal“
Die Polizei arbeitet speziell bei diesen Ermittlungen eng mit Jugendämtern, Suchthilfeeinrichtungen und anderen Hilfsangeboten zusammen, sagt Michael Konrad, Pressesprecher der Polizei Mittelfranken. Denn: „Die Täter festzunehmen, ist Aufgabe der Polizei“, sagt der Polizeisprecher. „Doch wenn es darum geht, den Betroffenen langfristig zu helfen, stoßen wir an unsere Grenzen.“
Um die Taten zu bekämpfen, hat die Kriminalpolizei Nürnberg die Ermittlungskommission „EKO Kajal“ gegründet, die im Mai ihre Arbeit aufnahm. Der Vorteil davon sei, dass die Fälle gebündelt bearbeitet werden, sagt Konrad. Besonders am Hauptbahnhof sei das wichtig, denn dort seien verschiedene Dienststellen aktiv, darunter die Bundespolizei sowie die Polizeiinspektionen Nürnberg-Mitte und Nürnberg-Süd.
Der Hauptbahnhof in Nürnberg ist ein Hotspot für die Taten. Zwar würden die sexuellen Übergriffe oft in privaten Wohnungen passieren. „Aber das Kennenlernen geschieht meistens im Bahnhofs-Umfeld“, so Konrad. Die Dealer wissen, dass sie dort ihre Drogen losbekommen, die Käuferinnen wissen, dass sie dort Drogen erwerben können.
Die Ermittler von „EKO Kajal“ seien besonders sensibilisiert, dabei verdächtige Konstellationen zu erkennen. Nach Angaben der Polizei handelt es sich bei den Tatverdächtigen nicht um ein festes Netzwerk im Sinne der organisierten Kriminalität. Vielmehr verbinde die Fälle vor allem ein ähnliches Vorgehen. Das erschwere die Ermittlungen, weil nicht alle Täter über gemeinsame Strukturen identifiziert werden könnten. Derzeit erlebe die Polizei eine Hochphase solcher Delikte. Konrad hofft, dass die Zahl der Taten künftig zurückgehe. Dennoch sei „zu befürchten, dass das Phänomen, dass Männer gezielt Frauen und Mädchen gefügig und abhängig machen, bestehen bleibt“.
Gerade deshalb sei es wichtig, möglichst viele Täter aus dem Verkehr zu ziehen. Dass die Staatsanwaltschaft für alle Tatverdächtigen Untersuchungshaft beantragt habe, zeige, wie ernst die Justiz die Vorwürfe nehme, so Konrad.
Mehrere Fälle im Mai, Juni und Juli
Im Rahmen der „EKO Kajal“-Ermittlungen wurden in den vergangenen Monaten immer wieder Tatverdächtige gefasst: Am 27. Mai gab es zwei Festnahmen wegen Sexual- und Betäubungsmittel-Delikten in Nürnberg: verdächtigt sind ein 35- und einen 22-jähriger Mann. Der Jüngere von ihnen soll eine Minderjährige in seiner Nürnberger Wohnung vergewaltigt und ihr ein verschreibungspflichtiges Schmerzmittel verabreicht haben.
Im Juni gab es dann zwei weitere Festnahmen: Ein 26-Jähriger soll Betäubungsmittel an Minderjährige abgegeben haben. Bei einem 24-Jährigen besteht der Verdacht auf schweren sexuellen Missbrauch von Kindern. Im Juli hat die Ermittlungskommission zwei weitere Dealer festgenommen. Ein 21-Jähriger soll zwei Mädchen im Alter von 15 und 18 Jahren in einer Wohnung in der Nürnberger Südstadt vergewaltigt haben. Es besteht laut Polizei der Verdacht, dass die Jugendlichen am Abend zuvor mehrere Betäubungsmittel von einem 40-Jährigen verabreicht bekamen.
Ende Juli saßen durch die Arbeit von „EKO Kajal“ bereits zwölf Männer in Haft, nachdem zwei weitere Männer festgenommen worden waren: ein 26- und ein 28-Jähriger, die Betäubungsmittel an minderjährige Mädchen abgegeben und sie anschließend vergewaltigt haben sollen.
Das Polizeipräsidium Mittelfranken schreibt, dass die gemeinsame Ermittlungsarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft im Rahmen der „EKO Kajal“ vorerst unvermindert weitergeführt werden wird.
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