Nürnberg - Es ist Sommer im Kiez, den Thekla Wilkening in „Wir bleiben wir“ zu ihrem literarischen Raum werden lässt. In dem Paare leben und scheitern, sich finden, kämpfen. Warum genau das ihre Romanreihe politisch macht.

Ada und Ben wagen einen wichtigen Schritt und ziehen mit ihrer kleinen Tochter Ruby an den See. Ruby ist klug und eigenwillig - und hat das Down-Syndrom. Isi und Max recherchieren für die Lokalzeitung und stoßen dabei auf eine nur vermeintlich sichere Brandmauer. Und dann ist da noch Lorenz, Mitarbeiter der Bürgermeisterin, er steht vor einer Wahl: Karriere oder Gewissen. Während die Protagonistin Franca nach Leichtigkeit sucht, aber vor allem Taubheit und Stillstand findet.

Der Roman „Wir bleiben wir - Ada und Ben“ thematisiert im zweiten Teil der Reihe die ganz großen Themen unseres Alltags wie Liebe, Familie, Entfremdung und Erschöpfung. Im Interview erzählt die Autorin, warum sie die Liebesbeziehung in fast all ihren Erzählsträngen in den Fokus rückt:

Frau Wilkening, der Titel „Wir bleiben wir“ bezieht sich auf die gleichnamige Punkband, die in den Romanen eine große Rolle spielt. Er klingt wie ein Versprechen - oder eine Kampfansage. Was bedeutet er für Sie?

Thekla Wilkening: Beides, würde ich sagen. Ein Versprechen aneinander und eine leise Kampfansage gegen alles, was Menschen auseinanderbringen möchte. Wir leben in einer Zeit, in der unglaublich viele Kräfte versuchen, uns zu verändern: soziale Medien, politische Polarisierung, Leistungsdruck, Angst. „Wir bleiben wir“ ist der Versuch, sich daran zu erinnern, dass wir unsere Menschlichkeit nicht verlieren dürfen. Dabei geht es nicht darum, immer dieselbe Person zu bleiben. Meine Figuren verändern sich ständig. Aber sie versuchen, ihre Fähigkeit zu lieben, zu vertrauen und neugierig auf andere Menschen zu bleiben. Genau darin liegt für mich der Widerstand unserer Zeit.

In Ihren Romanen stehen die Dynamiken von Freundschaften, aber vor allem von unterschiedlichen Paarbeziehungen im Fokus. Sind intime Beziehungen die Orte, an denen gesellschaftlicher Wandel zuerst sichtbar wird?

Wilkening: Absolut. Politik beginnt für mich am Küchentisch, dort verhandeln wir Care-Arbeit, Geld, Kinder, Macht, Gleichberechtigung, Herkunft, Identität, Zukunftsängste. Fast jede große gesellschaftliche Debatte taucht irgendwann in einer Beziehung auf. Mich interessiert deshalb weniger die Frage, wer Recht hat, sondern wie Menschen trotz ihrer Unterschiede miteinander verbunden bleiben können. Das ist für mich eine der spannendsten Fragen unserer Zeit.

Im Buch ist die romantische Beziehung eindeutig politisch - bis hin zur Brandmauer-Frage. Was hat Sie daran gereizt, diesen gesellschaftlichen Konflikt ebenfalls in eine Paarbeziehung zu übersetzen?

Wilkening: Wir diskutieren oft über Wahlergebnisse oder Parteien, als würden sie irgendwo außerhalb unseres Lebens stattfinden. Tatsächlich landen sie irgendwann im Familienchat, am Küchentisch oder eben in einer Liebesbeziehung.

Mich hat interessiert, was passiert, wenn zwei Menschen sich verlieben und plötzlich feststellen, dass ihre politischen Überzeugungen nicht zusammenpassen. Wo endet Toleranz? Wo beginnt Verantwortung? Ich wollte darauf keine einfachen Antworten geben. Ich glaube, Literatur hat besonders viel Kraft, wenn sie Fragen stellt, statt Urteile zu fällen.

Was können Romane leisten, was Debattenbeiträge oder Sachbücher nicht können?

Wilkening: Ein Roman kann uns mehrere Menschen gleichzeitig verstehen lassen. Er erlaubt uns, Widersprüche auszuhalten. Wir dürfen jemanden mögen, obwohl er Fehler macht. Wir dürfen traurig über jemanden sein, mit dem wir politisch nicht übereinstimmen. Diese Ambivalenz geht in öffentlichen Debatten oft verloren. Dort müssen wir Position beziehen. Im Roman dürfen wir erst einmal fühlen.

Viele Leserinnen und Leser erkennen sich wohl in der Überforderung, Care-Arbeit und Zukunftssorgen der Figuren. Was wünschen Sie sich, was soll ihnen nach dem Lesen Ihres Buchs im Gedächtnis bleiben?

Wilkening: Ich wünsche mir, dass sie das Buch mit etwas mehr Hoffnung schließen, als sie es geöffnet haben. Meine Figuren sind erschöpft, sie zweifeln und sie scheitern. Aber sie finden immer wieder zueinander, verlieben sich und träumen weiter.

Zur Autorin

Thekla Wilkening ist in Potsdam geboren und auf der Insel Hiddensee mit ihrer Familie zu Hause. Sie beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit Nachhaltigkeit, Mode, Produktion und Konsum. Wilkening ist Unternehmerin, Autorin und FINTA*-politische Sprecherin des der Grünen in Mecklenburg-Vorpommern. Sie ist Co-Autorin des „Bio-Pizza-Dilemmas“ (2021). Der erste Band von „Wir bleiben wir“ erschien im Mai 2025.

„Wir bleiben wir“, zweiter Band

von Thekla Wilkening

  • 319 Seiten
  • Books on Demand
  • ISBN 978-3-695-72586-1
  • 18,99 Euro