Nürnberg - Nicht perfekt, nicht angepasst, nicht immer sympathisch: Die sogenannte „Weird Girl Fiction“ erobert derzeit BookTok. Was steckt hinter dem Trend?

Frauen, die monatelang schlafen wollen, sich in eine Pflanze verwandeln möchten, eine krankhafte Obsession für Muskeln entwickeln oder sich radikal von der Gesellschaft abschotten - willkommen in der Welt der „Weird Girl Fiction“. Auf Plattformen wie Instagram und BookTok erfreuen sich diese Art Romane wachsender Beliebtheit. Auch Verlage und Buchhandlungen greifen den Trend auf und bewerben Bücher gezielt mit dem Label „weird“.

Der Begriff „weird“ lässt sich mit „seltsam“, „schräg“ oder auch „unheimlich“ übersetzen. Eine eindeutige Definition der „Weird Girl Fiction“ gibt es jedoch nicht. Statt eines klar abgegrenzten Genres handelt es sich vielmehr um eine lose Zusammenfassung von Romanen, die ein ähnliches Lesegefühl vermittelt. Auf TikTok werden sie häufig als „messy“ oder „unhinged“ beschrieben - chaotisch, ungefiltert und psychisch aus dem Gleichgewicht. Es sind Geschichten, die beim Lesen irritieren, verstören oder befremden und gerade dadurch lange nachwirken.

Protagonistinnen jenseits gesellschaftlicher Erwartungen

Im Mittelpunkt der „Weird Girl Fiction“ stehen Frauenfiguren, die durch ihr ungewöhnliches Verhalten auffallen und sich gesellschaftlichen Erwartungen entziehen. Sie sind unbequem, obsessiv, widersprüchlich oder schonungslos ehrlich. Anstelle makelloser Heldinnen begegnen Leserinnen und Leser Protagonistinnen, die anecken und häufig Außenseiterpositionen einnehmen. Oft sind sie unglücklich oder unzufrieden - nicht selten als Folge struktureller oder geschlechtsspezifischer Lebensrealitäten. Sympathisch müssen sie dabei nicht sein: Viele handeln egoistisch, gehen rücksichtslos auf ihre Bedürfnisse ein und treffen fragwürdige Entscheidungen.

Zwar erscheinen Romane über ungewöhnliche Frauenfiguren schon seit Jahren, doch durch soziale Medien erleben sie erst in den vergangenen Monaten einen regelrechten Boom. Auf BookTok und Instagram empfehlen zahlreiche Leserinnen und Leser ihre Lieblingsromane und diskutieren über die oft verstörenden Geschichten. Die Figuren geben Leserinnen das Gefühl, „gesehen“ und „verstanden“ zu werden, und schaffen Raum für Individualität und Selbstbestimmung.

Die Romane leben von psychologischer Spannung, unterschwelligem Unbehagen und häufig auch von schwarzem Humor. Tabus werden gebrochen, gesellschaftliche Normen hinterfragt und die Geschichten kippen nicht selten ins Surreale oder Groteske. Viele der Protagonistinnen verlieren sich in Zwängen, Obsessionen oder radikalen Lebensentscheidungen - und entziehen sich damit bewusst den Erwartungen aus ihrem Umfeld. Genau diese Aspekte zeigen sich auch in den folgenden Romanen, die in die Kategorie „Weird Girl Fiction“ fallen.

Das „Weird Girl“ im Leistungswahn

In Verena Kesslers Roman „Gym“ bewirbt sich eine junge Frau als Tresenkraft in einem Fitnessstudio. Ein Job ganz ohne Leistungsdruck - denkt sie. Als der Studioleiter ihr beim Bewerbungsgespräch signalisiert, sie passe äußerlich nicht zum Fitnessstudio, behauptet sie kurzerhand, sie habe erst vor Kurzem ein Kind bekommen - und wird eingestellt. Was zunächst als Arbeit hinter dem Tresen beginnt, entwickelt sich für die Ich-Erzählerin zu einer immer stärkeren Fitness-Obsession. Je mehr sie sich dem Leistungswahn hingibt, desto mehr überschreitet sie dabei auch moralische Grenzen.

„Gym“

von Verena Keßler

  • 192 Seiten
  • Hanser
  • ISBN: 978-3446281639
  • 23 Euro
  • erschienen im August 2025

Das erschöpfte „Weird Girl“

Eigentlich hat die Erzählerin des Romans „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ alles was man sich wünschen kann: Sie ist jung, reich und schön, lebt in einem angesagten Viertel in New York und hat einen guten Job. Trotzdem wünscht sie sich nichts sehnlicher, als ein Jahr lang zu schlafen und dem Leben zu entkommen. Mithilfe einer dubiosen Psychiaterin deckt sie sich mit Beruhigungsmitteln ein. Doch während sie schläft, scheint sie ein zweites Leben zu führen - mit Shoppingtouren, Friseurbesuchen und rätselhaften Begegnungen, an die sie sich später nicht erinnern kann.

„Mein Jahr der Ruhe und Enstpannung“

von Ottessa Moshfegh

  • Übersetzt von Anke Caroline Burger
  • 320 Seiten
  • Liebeskind
  • ISBN 978-3-95438-092-3
  • 22 Euro
  • erschienen im September 2018

Das verzichtende „Weird Girl“

In „Die Vegetarierin“ führt Yong-Hye zunächst ein unspektakuläres Leben mit ihrem Ehemann. Er arbeitet im Büro, sie kümmert sich um den Haushalt. Doch die Eintönigkeit ihrer Ehe gerät ins Wanken, als Yong-Hye beschließt, kein Fleisch mehr zu essen. Was zunächst wie ein kleiner Akt der Selbstbestimmung wirkt, nimmt immer groteskere Ausmaße an. Immer stärker wächst in ihr der Wunsch, als Pflanze zu leben und damit kein Teil der menschlichen Gesellschaft mehr zu sein. Ihr Umfeld versucht vehement, sie wieder zum Fleischessen zu bringen - wenn nötig auch mit Gewalt.

„Die Vegetarierin“

von Han Kang

  • Übersetzt von Ki-Hyang Lee
  • 190 Seiten
  • Aufbau Verlag
  • ISBN 978-3-351-04260-8
  • 22 Euro
  • erschien im September 2024

Das rachsüchtige „Weird Girl“

Der Roman „Plant Lady handelt von Choi Yu-hee. Mit Menschen - vor allem mit Männern - kann sie wenig anfangen. Dafür gilt ihre eigentliche Liebe den Pflanzen. Sie führt einen erfolgreichen Pflanzenladen und besitzt eine außergewöhnliche Fähigkeit: Selbst totgeglaubte Gewächse kann sie wieder zum Leben erwecken. Doch ihr Geheimnis geht weit über ihren grünen Daumen hinaus. Um eine Pflanze zu retten, muss zunächst ein Störenfried entfernt werden - und Yu-hee verfügt über einen ganz besonderen Dünger, den sonst niemand kennt.

„Plant Lady“

von Minyoung Kang

  • Übersetzt von Kyong-Hae Flügel
  • 208 Seiten
  • Heyne
  • ISBN: 978-3-453-27558-4
  • 20 Euro

Das beobachtende „Weird Girl“

In „Die Frau im lila Rock“ beobachtet die namenlose Ich-Erzählerin eine Frau, die in ihrer Nachbarschaft nur als „Frau im lila Rock“ bekannt ist. Sie wirkt eigenartig, zurückgezogen und zugleich faszinierend - vor allem, weil die Erzählerin selbst zunehmend von ihr besessen ist und unbedingt mit ihr befreundet sein möchte. Als die Frau im lila Rock schließlich eine Arbeitsstelle in demselben Hotel antritt, in dem auch die Erzählerin arbeitet, versucht diese, unbemerkt Teil ihres Lebens zu werden. Doch das Verhältnis zwischen den beiden Frauen bleibt rätselhaft und lässt Raum für unterschiedliche Interpretationen.

„Die Frau im lila Rock“

von Natsuko Imamura

  • Übersetzt von Katja Busson
  • 128 Seiten
  • btb Verlag
  • ISBN: 978-3-442-77486-9
  • 13 Euro