Nürnberg - Zwischen Protein-Smoothies, runden Hintern, engen Leggins, dicken Muskeln und einer Notlüge: Der Roman „Gym“ gibt viel Stoff zum Schmunzeln - und eine ordentliche Portion Grusel.

Alles beginnt mit einem Vorstellunggespräch im „Gym“: Verena Keßlers Protagonistin sitzt mit Inhaber Ferhat in dessen Büro. Der „Erdnussflipbauch“ drückt gegen den Hosenbund, die Haare sind strähnig, der Körper untrainiert, die „Performance“ der jungen Frau lässt zu wünschen übrig. Doch dann kommt die Notlüge, die das Ruder rumreißt: Sie habe gerade erst entbunden, entfährt es ihr plötzlich. Und Ferhat, macht das, was ein guter Feminist in seinen Augen eben macht - er stellt sie ein. Erstmal nur als Tresenkraft in seinem MEGA Gym, in dem die Oberflächen nur so glänzen, Gewichte gedrückt werden, im Mixer Protein-Drinks zubereitet werden und nebenbei Daily Soaps über große TV-Bildschirme flackern.

Doch die Rolle der genügsamen wie süffisanten Beobachterin mit Putzlappen in der Hand lässt die geheimnisvolle Ich-Erzählerin schon bald hinter sich. Kommt sie doch eigentlich aus der Welt der Agenturen, in der Erfolg und Ehrgeiz zählen...

Verena Keßler macht das Fitnessstudio zu einem literarischen Ort, in dem der Körper zum Projekt wird, sich Leistungsgrenzen stetig verschieben und die Macht über Gestaltung des eigenen Körpers eine immer größere Anziehungskraft entfaltet.

Von da an kannte ich keine Scham mehr. Jahrelang hatte ich hochgeschlossene Blusen zur Arbeit getragen (...). Jetzt wurde ausgepackt. Ich trug kein Top mehr, das nicht an irgendeiner Stelle Einblick gewährte.

Auch von sexuellen Anspielungen oder weiblichen Schönheitsidealen in engen Leggins will die Protagonistin schnell nichts mehr wissen. Sie will wie immer mehr. Die Aufrechterhaltung ihrer Notlüge? Gerät immer mehr zur Nebensache. Ihr Körper soll wachsen, breiter, adriger, krasser. Bis der Wahn Überhand nimmt.

Mit einer extremen Wendung in die Selbstzerstörung

Grundlage für Verena Keßlers literarische Umgebung war ihr eigenes Fitnessstudio, wie sie bei ihrer Lesung im Brecht-Haus Anfang September erklärte. Wie auch ihr Roman begann ihre Recherche mit humorvollen Beobachtungen. Dass die Geschichte sich zu einer Art feministischem Bodyhorror entwickelt, ist kein Zufall. Zusätzliche Inspiration lieferte unter anderem der Horrorstreifen „The Substance“ von Regisseurin Coralie Fargeat. Die Autorin hatte während ihres Schreibprozesses Spaß an der extremen Wendung gefunden, berichtet sie. Mit diebischer Freude lässt sie ihre Protagonistin in die Selbstzerstörung abgleiten. Ein Gruselspaß, der ein knochenbrecherisches Tempo aufnimmt.

Veranstaltungstipp: Am 19. Juli findet ab 16.30 Uhr im Zuge der „texttage.nuernberg“ eine Lesung mit Autorin Verena Keßler in der Katharinenruine statt. Infos und Tickets gibt es hier.

„Gym“
von Verena Keßler

  • 192 Seiten
  • Hanser
  • ISBN: 978-3446281639
  • 23 Euro
  • erschienen im August 2025