Nürnberg - In England wurden die 100 besten Romane aller Zeiten gekürt. Wir haben uns die Liste für euch genauer angeschaut.

Der Guardian ist nicht nur eine der renommiertesten britischen Tageszeitungen, sondern zählt sogar zu den einflussreichsten englischsprachigen Medien weltweit. Zudem ist er bekannt für seine, auch Guardian Books genannte Literaturredaktion, die umfangreiche Rezensionen und literarische Bestsellerlisten herausgibt.

Kürzlich veröffentlichte der Guardian eine Liste, die behauptet, die besten 100 Romane aller Zeiten zu küren. Was steckt dahinter?

Die besten 100 Romane aller Zeiten - wie funktionierte die Auswahl?

Vorweg - eine solche Liste ist zwangsläufig subjektiv und kann nie wirklich fachlich korrekt sein. Denn ein „fachlich“ gibt es in diesem Sinne nicht, schließlich liegt die Qualität eines Romans auch immer im Auge der Betrachtenden. Der Guardian hat sich allerdings nicht lumpen lassen: Mehr als 170 englischsprachige Kritikerinnen und Kritiker, Autorinnen und Autoren sowie einflussreiche Stimmen aus der Literaturwissenschaft wurden bemüht, um die Liste zu erstellen. Es entstand eine Art Umfrage, in der die teilnehmenden Personen ihre persönliche Top 10 der besten Romane, die in englischer Sprache erschienen sind zu erstellen.

Hier findet sich auch schon ein Kritikpunkt an der Liste, denn durch die sprachliche Einschränkung fällt ein riesiger Teil der Literaturgeschichte einfach aus dem Raster. Immerhin sind auch englischsprachige Übersetzungen auf der Liste.

Sind das die besten 100 Romane aller Zeiten? Diese Autorinnen und Autoren haben entschieden

Stephen King, einer der teilnehmenden Autoren, meinte zudem, die Aufgabe, sich auf zehn Werke zu beschränken, sei schier unmöglich und er bedaure, keinen einzigen Charles Dickens untergebracht zu haben. Dickens landet übrigens dennoch auf der Liste, sogar mehrfach.

Weitere, bekannte Namen, die ihre Top 10 eingereicht haben, sind beispielsweise SiriHustvedt, Eimear McBride, Ian McEwan oder Bernardine Evaristo, um nur einige wenige zu nennen.

Übrigens: Die meisten Bücher auf der Liste stammen aus dem späten 19. oder dem frühen 20. Jahrhundert. Das jüngste Buch ist „Die Vegetarierin“ (2007) von Han Kang, die seit 2024 auch den Literaturnobelpreis trägt. Der älteste Titel ist „Don Quijote“ von Miguel de Cervantes. Der Roman erschien in zwei Teilen, Teil 1 1605, der zweite Teil folgte 1615.

So hat sich die Liste der 100 besten Romane aller Zeiten entwickelt

Tatsächlich hat der Guardian bereits in der Vergangenheit vergleichbare Listen herausgegeben. Eine auffällige Entwicklung ist der Zuwachs an Autorinnen auf der aktuellen Liste. Mit 36 von 100 Titeln, die von Frauen stammen, sind die Männer zwar noch immer in der Überzahl, aber immerhin ist ein Trend erkennbar. 2015 waren es nur 21 Bücher von weiblichen Autoren gewesen, 2003 sogar nur 16.

Übrigens ist der Name, der am häufigsten auftaucht, ebenfalls der Name einer Autorin: Virginia Woolf ist mit fünf Romanen vertreten und damit die meistgewählte Autorin. Auf Platz 2 landen Jane Austen und Charles Dickens, die jeweils viermal auftauchen, Toni Morrison landet dreimal auf der Liste.

Deutschsprachige Bücher unter den 100 besten Romanen aller Zeiten

Zwar mussten die Romane in englischer Sprache erschienen sein, um in den Auswahlprozess zu kommen, aber immerhin waren auch Übersetzungen zugelassen. Und so haben es auch einige Bücher geschafft, die von deutschsprachigen Autoren verfasst wurden. Franz Kafka konnte sich gleich zweimal platzieren („Der Prozess“ und „Die Verwandlung“), Thomas Mann ebenso („Der Zauberberg“ und „Buddenbrooks“). Auch W. G. Sebald steht doppelt auf der Liste („Die Ringe des Saturn“ und „Austerlitz“), Robert Musil einfach mit „Der Mann ohne Eigenschaften“.

Die besten 100 Romane aller Zeiten: Diese Bücher fehlen überraschend

Durch das Auswahlverfahren, welches eher kulturjournalistisch als akademisch und in gewisser Weise auch demokratisch erfolgte, fehlen einige Namen auf der Liste, die man wohl darauf vermuten würde. Dies ist ein weiterer Kritikpunkt, den sich der Guardian über seine Liste der 100 besten Romane aller Zeiten gefallen lassen muss, wobei die Methodik von vornherein transparent klar war und eine gewisse Subjektivität der Liste einräumt.

Und so fehlen einige große Namen der Literatur, die man wohl auf der Liste vermuten würde. Darunter beispielsweise J. R. R. Tolkien, Honoré de Balzac, Robert Louis Stevenson oder auch Stefan Zweig, Turgenjew und Mark Twain.

Für Überraschung sorgte stattdessen der Platz 1 der Liste, auch wenn Virginia Woolf dem Roman einst zusprach, eines der wenigen englischen Bücher zu sein, welches für Erwachsene geschrieben worden sei: „Middlemarch“ von George Eliot (1871).

Bemängelt wurde übrigens auch eine gewisse methodische Unschärfe. Obwohl es eigentlich ein Ranking über Romane sein soll, sind auch Titel vertreten, die sich eher als Novellen einordnen lassen, wie „Die Verwandlung“ von Franz Kafka oder „Die Drehung der Schraube“ von Henry James, besser bekannt unter dem Originaltitel „The Turn of the Shrew“.

Die 100 besten Romane aller Zeiten: Die vollständige Liste des Guardian

Nun aber zur kompletten Top 100 der besten Romane aller Zeiten, die der Guardian veröffentlicht hat, hier mit den Titeln der deutschen Übersetzungen.

  1. „Middlemarch“ von George Eliot (1871)
  2. „Menschenkind“ von Toni Morrison (1987)
  3. „Ulysses“ von James Joyce (1922)
  4. „Die Fahrt zum Leuchtturm“ von Virginia Woolf (1927)
  5. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust (1913 - 1927)
  6. „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi (1878)
  7. „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi (1869)
  8. „Jane Eyre“ von Charlotte Brontë (1847)
  9. „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen (1813)
  10. „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert (1856)
  11. „Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald (1925)
  12. „Bleak House“ von Charles Dickens (1852 - 1853)
  13. „Emma“ von Jane Austen (1815)
  14. „Mrs. Dalloway“ von Virginia Woolf (1925)
  15. „Moby-Dick“ von Herman Melville (1851)
  16. „1984“ von George Orwell (1949)
  17. „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez (1967)
  18. „Anne Elliot“ von Jane Austen (1817)
  19. „Leben und Meinungen von Tristram Shandy Gentleman“ von Laurence Sterne (1759–1767)
  20. „Sturmhöhe“ von Emily Brontë (1847)
  21. „Bildnis einer Dame“ von Henry James (1881)
  22. „Alles zerfällt“ von Chinua Achebe (1958)
  23. „Mitternachtskinder“ von Salman Rushdie (1981)
  24. „Was vom Tage übrigblieb“ von Kazuo Ishiguro (1989)
  25. „Lolita“ von Vladimir Nabokov (1955)
  26. „Don Quijote“ von Miguel de Cervantes (1605/1615)
  27. „Der Prozess“ von Franz Kafka (1925)
  28. „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor Dostojewsky (1879 - 1880)
  29. „Fahles Feuer“ von Vladimir Nabokov (1962)
  30. „Frankenstein“ von Mary Shelley (1818)
  31. „Die Blütezeit der Miss Jean Bodin“ von Muriel Spark (1961)
  32. „Der Gott der kleinen Dinge“ von Arundhati Roy (1997)
  33. „David Copperfield“ von Charles Dickens (1850)
  34. „Wölfe“ von Hilary Mantel (2009)
  35. „Große Erwartungen“ von Charles Dickens (1861)
  36. „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood (1985)
  37. „Der unsichtbare Mann“ von Ralph Ellison (1952)
  38. „Zeit der Unschuld“ von Edith Wharton (1920)
  39. „Vor ihren Augen sahen sie Gott“ von Zora Neale Hurston (1937)
  40. „Solomons Lied“ von Toni Morrison (1977)
  41. „Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad (1899)
  42. „Der Zauberberg“ von Thomas Mann (1924)
  43. „Haus ohne Halt“ von Marilynne Robinson (1980)
  44. „Giovannis Zimmer“ von James Baldwin (1956)
  45. „Das goldene Notizbuch“ von Doris Lessing (1962)
  46. „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1958)
  47. „Jahrmarkt der Eitelkeit“ von William Makepeace Thackeray (1848)
  48. „Die Verwandlung“ von Franz Kafka (1915)
  49. „Das Gleichgewicht der Welt“ von Rohinton Mistry (1995)
  50. „Die weite Sargassosee“ von Jean Rhys (1966)
  51. „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante (2011)
  52. „Die Goldene Schale“ von Henry James (1904)
  53. „Transit der Venus“ von Shirley Hazzard (1980)
  54. „Orlando“ von Virginia Woolf (1928)
  55. „Die Wellen“ von Virginia Woolf (1931)
  56. „Mansfield Park“ von Jane Austen (1814)
  57. „Schall und Wahn“ von William Faulkner (1929)
  58. „Schande“ von J. M. Coetzee (1999)
  59. „Alles, was wir geben mussten“ von Kazuo Ishiguro (2005)
  60. „Wiedersehen in Howards End“ von E. M. Forster (1910)
  61. „Die Ringe des Saturn“ von W. G. Sebald (1995)
  62. „Die Hälfte der Sonne“ von Chimamanda Ngozi Adichie (2006)
  63. „Zähne zeigen“ von Zadie Smith (2000)
  64. „Die allertraurigste Geschichte“ von Ford Madox Ford (1915)
  65. „Die Farbe Lila“ von Alice Walker (1982)
  66. „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow (1966 - 1967)
  67. „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil (1930–1942)
  68. „Die Abendröte im Westen“ von Cormac McCarthy (1985)
  69. „Verbrechen und Strafe“ von Fjodor Dostojewski (1866)
  70. „Jude Fawley, der Unbekannte“ von Thomas Hardy (1895)
  71. „Der Fremde“ von Albert Camus (1942)
  72. „Verbunden“ von Octavia Butler (1979)
  73. „Unser gemeinsamer Freund“ von Charles Dickens (1864 -1865)
  74. „Austerlitz“ von W. G. Sebald (2001)
  75. „Aufbrechen“ von Tsitsi Dangarembga (1988)
  76. „Sehr blaue Augen“ von Toni Morrison (1970)
  77. „Dracula“ von Bram Stoker (1897)
  78. „Meine Antonia“ von Willa Cather (1918)
  79. „Der Regenbogen“ von D. H. Lawrence (1915)
  80. „Ein Haus für Mr. Biswas“ von V. S. Naipaul (1961)
  81. „Von dieser Welt“ von James Baldwin (1953)
  82. „Rebecca“ von Daphne du Maurier (1938)
  83. „Buddenbrooks“ von Thomas Mann (1901)
  84. „Das Ende einer Affäre“ von Graham Greene (1951)
  85. „In einem anderen Land“ von Ernest Hemingway (1929)
  86. „Der talentierte Mr. Ripley“ von Patricia Highsmith (1955)
  87. „Die Vegetarierin“ von Han Kang (2007)
  88. „Die Drehung der Schraube“ von Henry James (1898)
  89. „Die Schönheitslinie“ von Alan Hollinghurst (2004)
  90. „Ragtime“ von E. L. Doctorow (1975)
  91. „Die linke Hand der Dunkelheit“ von Ursula K. Le Guin (1969)
  92. „Jacobs Zimmer“ von Virginia Woolf (1922)
  93. „Leben und Schicksal“ von Wassili Grossman (1980)
  94. „Lehrjahre der Männlichkeit“ von Gustave Flaubert (1896) (Titel der aktuellen Übersetzung beim Hanser Verlag)
  95. „Die unsichtbaren Städte“ von Italo Calvino (1972)
  96. „Die bekannte Welt“ von Edward P. Jones (2003)
  97. „Auf verschlungenen Pfaden“ von Thomas Hardy (1878)
  98. „Pedro Páramo“ von Juan Rulfo (1955)
  99. „Catch 22“ von Joseph Heller (1961)
  100. „Die Straße“ von Cormac McCarthy (2006)