Nürnberg - Je mehr der 1. FC Nürnberg den Ball hat, desto weniger Punkte holt er. Warum das vielzitierte „unser Spiel“ zum Problem wird und der Club weiter nach seiner Identität sucht.

In nahezu jeder Pressekonferenz vor einem Spiel betont Miroslav Klose, man müsse dem Gegner „unser Spiel aufdrücken“. Doch was ist eigentlich „unser Spiel“? Eigentlich, das spiegeln sowohl die Zusammenstellung des Kaders als auch Aussagen des Trainers wider, strebt der 1. FC Nürnberg dominanten Ballbesitzfußball an – und möchte ebendiesen dem Gegner aufdrücken.

Tatsächlich schneidet der Club aber erfolgreicher ab, wenn ihm gerade das nicht gelingt. Das ist freilich eine verkürzte Feststellung, schließlich kann der Matchplan gegnerabhängig variieren und nicht immer auf maximalen Ballbesitz ausgerichtet sein.

Erschreckende Statistik

Fakt ist aber: Je mehr Ballbesitz der 1. FC Nürnberg in einem Spiel hat, desto weniger Punkte holt er. Bei den zwölf Saisonniederlagen hatte die Klose-Elf im Durchschnitt 52 Prozent Ballbesitz, bei den sieben Remis waren es 50 Prozent und bei den zehn Siegen nur 47 Prozent. Besonders auffällig: In den drei Spielen, in denen der Club am meisten Ballbesitz hatte (nämlich in den Hinrunden-Partien gegen Schalke, die Hertha und Fürth), sprang am Ende nur ein Zähler heraus. In den drei Duellen, in denen die Franken am wenigsten das Leder kontrollierten (gegen Hannover und beide Begegnungen mit Kiel), blieb das Team indes mit sieben Punkten ungeschlagen.

Auch beim Heimspiel gegen Dynamo Dresden verfügte der 1. FC Nürnberg über weitaus mehr Spielanteile, schaffte es aber gegen den ersatzgeschwächten Abstiegskandidaten nicht, aussichtsreiche Torchancen zu kreieren. Bei der Frage, was bei der 0:2-Niederlage schief lief, nannte Kapitän Fabio Gruber „vor allem das Spiel mit Ball“ als Hauptursache.

Zu beobachten waren viele Fehler und Unsauberkeiten, welche in Stückwerk und schlecht vorbereiteten Angriffen mündeten. Zwar ist es grundsätzlich das Ziel, mithilfe des Aufbauspiels Situationen zu kreieren, in denen Spieler entweder viel Wiese oder eine Überzahl nutzen können. Gegen Dresden hingegen wurde oftmals schier planlos Piet Scobel angespielt, der gegen zwei Verteidiger freilich einen schweren Stand hatte.

Julian Justvan, der als Kreativkopf und Feinfuß maßgeblich für die Chancenkreation, aber nur indirekt für den Spielaufbau und den Übergang ins zweite Drittel verantwortlich ist, konstatierte nach der Partie: „Wenn uns ein Gegner hoch und gut presst und wir nicht bei unserem einfachen Spiel bleiben, dann haben wir extreme Probleme. Wenn ein Fehler zum anderen kommt, dann werden wir unruhig und unser Selbstvertrauen geht verloren.“

Grundsätzlich sei es der Matchplan gewesen, gegen die laufstarke und defensiv disziplinierte Dresdner Truppe viele Verlagerungen zu spielen. Dadurch kann man den Gegner einerseits ins Laufen bringen, andererseits provoziert es aber auch, dass früher und später Räume aufgehen. So zumindest der Plan. „Aber wir kriegen es einfach nicht hin. Es dauert zu lange, wir nehmen zu viele Kontakte und wenn wir eine mögliche Lösung haben, sehen wir sie nicht“, bemängelte Justvan. Auch technische Unsauberkeiten erschweren den Nürnberger Spielaufbau.

Zweitliga-Fußball statt Ballbesitz-Fußball?

Apropos Verlagerungen: In der Hinrunde waren immer wieder Ansätze und grundlegende Muster zu erkennen – inklusive Verlagerungen, dem Schaffen von Überzahlsituationen und dem Finden eines freien Zentrumsspielers. In der Rückrunde bedient sich der 1. FC Nürnberg häufiger des klassischen Zweitliga-Stilmittels und streut lange Bälle ein. Auch dieser sehr geradlinige Fußball kann zweifelsohne erfolgreich sein, das Konzept zahlreicher deutscher Klubs basiert auf langen und zweiten Bällen.

Nun könnte man behaupten, der 1. FC Nürnberg sei pragmatischer geworden, spiele nun mehr Zweitliga-Fußball. Das spiegelt sich zum Beispiel auch in der Besetzung des Mittelfelds wider, wo zunehmend eher physisch starke Spieler wie Tom Baack oder Rabby Nzingoula anstelle von spielstarken Akteuren auflaufen. Zugleich trägt diese Herangehensweise aber keine Früchte: Der Club schneidet hinsichtlich des Punkteschnitts in der Rückrunde (1,25) noch schlechter ab als in der Hinrunde (1,29).

Den fehlenden Fortschritt in der Mannschaft spricht auch Zehner Justvan an: „Es ist bei uns extrem spielabhängig und das ist das Problem. Eigentlich sollte der Trend bei einer Entwicklung stetig nach oben gehen, aber bei uns ist es ein Auf und Ab.“ Die Aussage von Kapitän Gruber, wonach man beim Club schleunigst versuchen müsse, „dass wir jetzt auch in Abläufe reinkommen“, überrascht – weil sie nicht am dritten Spieltag nach einem massiven Umbruch, sondern am 29. Spieltag nach einer Wintertransferphase, in welcher der Kader weitestgehend zusammengehalten wurde, getroffen wurde.

Das zeigt, dass nicht nur hinsichtlich der Ergebnisse, sondern auch hinsichtlich der anvisierten fußballerischen Idee keine Entwicklung zu attestieren ist. Erschwerend hinzu kommen Formschwächen von Einzelspielern wie Rafael Lubach, eine noch immer nicht gefundene Ideallösung für den Sturm und eben eine gewisse Suche nach der spielerischen Identität, die auch nach 29 Spieltagen bei Weitem nicht abgeschlossen scheint.

Unterm Strich zeigt sich, dass der 1. FC Nürnberg zwar eine klare spielerische Idee formuliert, diese aber nicht konstant umsetzen kann. Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit – sichtbar in den Ballbesitzwerten, Ergebnissen und fehlenden Abläufen – zieht sich durch die gesamte Saison. Solange „unser Spiel“ nicht greifbar wird, bleibt der Club gefangen in einem wechselhaften Auf und Ab ohne erkennbare Entwicklung.