
Störgeräusche hatte es bereits vor der Partie reichlich gegeben. Am letzten Wochenende benahmen sich beide Fan-Lager daneben - während die Club-“Fans“ in Braunschweig sich selbst und das Spielfeld kurzzeitig einnebelten, spielten sich in Dresden gegen die Hertha regelrechte Jagdszenen ab, einige Ultras der Sachsen rannten Richtung Gästeblock und wurden durch Sondereinsatzkräfte der Polizei zurückgedrängt. Vor dem Aufeinandertreffen in Nürnberg an diesem Wochenende sorgte dann eine verabredete Massenschlägerei beider Lager über 100 Kilometer von Nürnberg entfernt für Schlagzeilen.
Und auch sportlich gibt es - zumindest aus Nürnberger Sicht - wenig Grund zu Heiterkeit. Stattdessen ist spätestens seit dem blutleeren Auftritt bei der 0:2 Heimpleite im ausverkauften Max-Morlock-Stadion Krisenstimmung am Valznerweiher angesagt. Die Aufarbeitung wird Chefcoach Miroslav Klose und sein Team länger beschäftigen, denn es ist und bleibt schwer zu erklären, wie der FCN gegen einen dermaßen ersatzgeschwächten Gegner mit vorhersehbarer taktischer Ausrichtung so untergehen konnte.
Auffällig war unter anderem, dass die Gäste am Samstag ganze zehn Kilometer mehr auf dem Geläuf abspulten als der Club. Dabei war schon im Vorfeld klar, dass es gegen die laufstärkste Mannschaft der Liga Biss brauchen würde. Doch ganz einverstanden ist Klose mit der Erklärung nicht: „Läuferisch ist das eine, aber es geht viel mehr um fußballerische Sachen, um Entscheidungen die wir getroffen haben, die falsch waren. Ich habe es in der Halbzeit angesprochen, weil ich wusste dass sie uns dort haben, wo sie uns haben wollen. Die Reaktion ist unheimlich wichtig, aber es ist mühsam wenn man es immer nur anspricht.“
Die Partie erinnerte in Teilen an die 0:1-Niederlage Anfang März gegen Düsseldorf, die der Nürnberger Übungsleiter seinerzeit als „Totalversagen“ bezeichnet hatte. Das sich wiederholende Muster gegen Dresden: Die Gäste laufen hoch an und stören den Nürnberger „Spielaufbau“ früh. Ein Mittel, gegen das der Club kein Rezept zu haben schien, wie auch Julian Justvan bestätigt. „Wenn uns Gegner hoch pressen, haben wir massive Probleme. Wir wollten viele Verlagerungen spielen aber kriegen’ s nicht hin. Wir finden die Lösungen nicht und wenn wir sie vor uns haben, sehen wir sie nicht. Sie haben uns heute mit Ball in unserem Stadion dominiert, das kann nicht sein. Es kann nicht sein, dass wir immer nur dann spielen, wenn wir müssen, sondern wir müssen von Anfang an da sein.“
Derweil nimmt Klose auch seine Spieler in die Pflicht. „Ich war lang genug Spieler, manchmal hast du das Gefühl dass nichts funktioniert. Deswegen brauchst du die Spieler, die pushen und Intensität an den Tag legen.“ Diese Aussagen darf man getrost als handfeste Kritik am Auftreten der FCN-Profis am Samstag werten, besonders die Führungsspieler im Kern der Mannschaft dürften sich angesprochen fühlen. „Gegen Kaiserslautern war die gleiche Mannschaft auf dem Platz, aber ein komplett anderes Gesicht.“ Doch woher kommen sie, die zwei ungleichen Gesichter des 1. FC Nürnberg? Wenn sie das wüssten, wäre die Stimmung bei den Verantwortlichen am Valznerweiher sicher deutlich besser.
„Wenn die Sonne scheint...“
Einen rätselhaften Erklärungsansatz bringt Klose dann doch hervor: „Aber wir haben es schon öfter gesehen, wenn die Sonne scheint, tust du dich schwer.“ Leiden die Club-Profis also unter einer Sonnen-Schwäche? Schwer vorstellbar angesichts des Umstandes, dass der Großteil der Saison bei angenehmen zweistelligen Temperaturen gespielt wird. Wahrscheinlicher scheint dagegen das mangelnde Tempo im Nürnberger Aufbau als des Rätsels Lösung.
Wer zu lange mit dem Abspiel wartet, beraubt sich seiner Anspieloptionen und macht dem Gegner das Verteidigen leicht. Dazu passt, dass der FCN beim sogenannten „toten“ Ballbesitz, also Stafetten in den eigenen Reihen weitab des gegnerischen Tores, im Mittelfeld der 2. Bundesliga rangiert. Bei Ballaktionen im Angriffsdrittel liegt der Club auf Rang zehn. Der Klose-Truppe gelingt es zu selten, Ballbesitzphasen ins letzte Drittel zu verlagern.
Und so muss man trotz des eigentlich komfortablen Polsters auf die Abstiegsränge doch wieder nach unten schauen. „Wir sprechen schon seit vier Wochen darüber, dass wir noch nicht durch sind, aber vielleicht ist genug mit Reden, vielleicht müssen Taten folgen“, diktierte Klose nach der Partie vielsagend in die Mikrofone.

