
„Drachenscheiße bleibt Drachenscheiße“, befindet Literaturkritiker Denis Scheck. Sein Kollege Volker Weidermann von der Zeit spricht sogar von „grauenvoll“ und „gefährlich“. Weidermann nimmt sich in einem TikTok-Video das Buch „Icebreaker“ von Hannah Grace vor. Darin gehe es, so der Kritiker, ausschließlich um brutalen, gewaltvollen Sex - und das in einem Roman, der sich gemäß seines pastellfarbenen Covers mit den gezeichneten Eiskunstläufern offensichtlich an Jugendliche richte. Das Buch gehört zum Genre Young Adult - und daran führt, genauso wie an dem verwandten Genre New Adult, in den Buchhandlungen derzeit kaum ein Weg vorbei. Infolge eines beachtlichen Hypes in den Sozialen Medien, haben sich die Romane inzwischen feste Plätze auch auf der Spiegel-Bestseller-Liste gesichert.
Die Werke tragen Titel wie „This could be home“, „Leave me behind“ oder „The Pumpkin Spice Latte Disaster“. Zu den ganz Großen des Genres gehört Autorin Mona Kasten. Auf ihrer Romantrilogie „Save Me“, „Save You“ und „Save Us“ beruht die Amazon-Erfolgsserie „Maxton Hall“.
Während sich Bücher aus dem Bereich Young Adult eher an Teenager richten, sprechen New-Adult-Romane junge Erwachsene bis Ende 20/Anfang 30 an. Die Themen unterscheiden sich entsprechend: Jugendliche beschäftigen sich mit der ersten Liebe und der Identitätsfindung, junge Erwachsene mit dem Berufseinstieg oder der Karriere. Auch seelische Gesundheit oder psychische Probleme werden thematisiert. Im Zentrum steht fast immer eine Liebesgeschichte, die in unterschiedlichen Settings platziert sein kann - von Schule über Arbeitsplatz bis zum Sport.
Der positive Effekt dieses Hypes: Junge Menschen lesen wieder mehr und der Buchmarkt schreibt bessere Zahlen. Für das Jahr 2024 verzeichnete die Branche ein Umsatzplus von 1,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Anfang 2026 hieß es, der Buchhandel leide zwar wie alle Branchen unter der allgemein schlechten Konsumlaune, aber die Gesamtumsätze in der Belletristik seien auch im Jahr 2025 erneut um 1,3 Prozent gestiegen. Ursächlich dafür sei unter anderem die große Beliebtheit von New-Adult-Titeln.
Dennoch gibt es Anlass zur Kritik. Sandra Rühr, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Buchwissenschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), kennt diese Vorbehalte. Genannt werden häufig austauschbare Inhalte und eine oberflächliche Sprache. Rühr sieht zudem eine Problematik in den Vermarktungsstrategien. Der Serien-Charakter der Romane, die ästhetische Gestaltung der Bücher und eine künstliche Verknappung vermittelten den Lesenden ein Gefühl von „Das muss ich haben. Das will ich mir ins Regal stellen.“ Unklar bleibe jedoch, wie die jungen Menschen dann tatsächlich mit den Büchern umgehen. „Wir wissen nicht, ob die jungen Leute die Bücher überhaupt lesen, die sie sich da ins Regal stellen. Lesen die das wirklich von vorne bis hinten?“, fragt Rühr.
Offen bleibt dementsprechend, wie viel von den Geschichten wirklich bei den Lesenden verfangen kann. Denn auch die Inhalte selbst werfen Fragen auf. Sandra Rühr unterscheidet zwischen den hellen und dunklen Seiten der Liebe - Romance und Dark Romance.
Buchtrend Dark Romance: Explizite Sexszenen werden seitenweise auserzählt
Das Subgenre Dark Romance (also dunkle Romantik) hat sich aus New Adult heraus entwickelt und beschäftigt sich nicht selten mit dominanten, besitzergreifenden Anti-Helden, die an Christian Grey aus „50 Shades of Grey“ erinnern. Explizite Sexszenen werden seitenweise auserzählt. Zentrale Themen sind Machtmissbrauch, Unterdrückung, sexualisierte Gewalt, toxische Beziehungen oder sogar Entführungen und Vergewaltigungen. Rühr meint, diese Geschichten ließen sich aus zwei Perspektiven wahrnehmen: „Die Lesenden könnten dazu verleitet werden, die vermittelten Beziehungsmuster zu übernehmen, was problematisch wäre. Genauso können die Lesenden aber mitnehmen, dass sie es eben so nicht haben wollen.“ In letzterem Fall könnten die Bücher eine abschreckende oder aufklärerische Wirkung entfalten.
Auch Kjara von Staden beschäftigt sich an der Universität Bremen als Lektorin für Kinder- und Jugendmedien mit Dark Romance. Sie argumentiert, dass die Romane oftmals sehr bewusst mit tabuisierten Themen rund um Sexualität kokettieren, um genau diese Tabus aufzubrechen. Aber auch von Staden übt Kritik: „Mitunter finden sich Vergewaltigungskonstellationen, die romantisiert werden.“ Man müsse jedes Buch einzeln betrachten, betont die Literaturwissenschaftlerin: „Man kann nicht sagen, das ganze Genre ist problematisch, aber es gibt definitiv einzelne Bücher, die kritisch einzuordnen sind.“ Gerade im Self-Publishing-Bereich fehle teilweise eine Kontrollinstanz, während bei Büchern, die in Verlagen erscheinen, meist eine sorgfältige Durchsicht und Prüfung des Textes stattfindet.
Entscheidend ist für von Staden eine eindeutige Reflexionsebene: „Es muss deutlich werden, ob das, was in den Geschichten geschildert wird, tatsächlich einvernehmlich ist oder nicht.“ Fehle diese moralische Einordnung und bleibe dadurch in der Schwebe, ob womöglich ein Machtverhältnis ausgenutzt wird, sei das problematisch. „Vielen Büchern im Dark Romance-Bereich fehlt diese Reflexionsebene“, stellt von Staden klar.
Kritik gibt es auch immer wieder an den vermittelten Rollenbildern. Oftmals passiert in den Romanen Folgendes: Eine junge Frau trifft auf einen jungen Mann. Er sieht - klar - unfassbar gut aus und ist sehr erfahren in Liebesdingen. Er gibt den Ton an. Auf der anderen Seite steht eine zarte, unerfahrene Frau, die ihre Bestimmung in einer Beziehung sucht. Es sind konservative Rollen, mit denen die vornehmlich weiblichen Leserinnen konfrontiert werden. Emanzipation liest sich anders.
Buchtrend Dark Romance: Traditionelle Rollenbilder dominieren weiterhin
Von Staden erklärt, dass die traditionellen Rollenbilder gerade in den Anfängen von New Adult dominierten. Inzwischen sei das Genre aber über diese Stereotypen hinausgewachsen. Im Fokus stehen nun beispielsweise auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften oder das Streben nach einer erfolgreichen Karriere. Dark Romance hingegen sei noch stärker in den tradierten Rollenbildern verhaftet und weiterhin stehe oft eine erotische Beziehung im Vordergrund. Mitunter werden, so von Staden, diese tradierten Geschlechterzuschreibungen aber bewusst mit einem Augenzwinkern verarbeitet, was die Stereotypen wiederum aufbrechen soll. Ebenso könne die Reproduktion der Klischees als Rebellion gegen die einengenden gesellschaftlichen Normen betrachtet werden. Es gehe um die Verarbeitung eines weiblichen Traumas durch Tabubrüche, so von Staden.
Angesichts der sehr expliziten Inhalte gerade im Dark Romance-Bereich kommt immer wieder die Debatte um eine Altersbeschränkung auf. Einige Verlage arbeiten bereits mit Trigger-Warnungen und Aufklebern auf dem Cover, die beispielsweise eine Leseempfehlung ab 18 Jahren aussprechen. Verbindlich sind sie nicht. Von Staden sieht die Verantwortung deshalb bei Lehrkräften und Eltern. Sowohl im Elternhaus als auch in der Schule müsse über die Romane gesprochen werden, um die jungen Lesenden bei der Einordnung der Inhalte zu unterstützen.


