Nürnberg - Roadmovies haben eine ganz eigene Dynamik. Die Hauptfiguren sind immer auf Achse, dabei geht es weniger um ein physisches Ziel, vielmehr um eine Reise zu sich selbst.

Egal ob Klassiker wie „Easy Rider“, Satiren wie die „Blues Brothers“ oder neuere Roadmovies wie „Tschick“ - eins haben sie alle gemein. Die Hauptfiguren sind unterwegs. Manchmal haben sie dabei eine Mission, manchmal geht es nur um das Unterwegssein an sich. Doch am Ende sind sie immer eine andere Person, als die, die aufgebrochen ist.

Roadmovies sind, wie der Name vermuten lässt, in der Regel Movies, also Filme. Doch es gibt auch Bücher, die typische Merkmale von Roadmovies aufweisen, schließlich ist „Tschick“ auch eine Buchverfilmung.

Bücher wie Roadmovies: „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“

Dieser Kurzroman von Ernest van der Kwast nimmt uns mit in die Vergangenheit von Ezio und Giovanna. Ezio hat die letzten Jahrzehnte als Apfelpflücker im Norden Italiens gelebt. Mittlerweile hat er ein hohes Alter erreicht, viele Bekanntschaften und Freundschaften hat er bereits überlebt. Eigentlich hält ihn hier nichts mehr.

Völlig überraschend erreicht ihn ein Brief von Giovanna. Ihr hatte er 60 Jahre zuvor sein Herz geschenkt, seitdem hat er keine ernsthafte Beziehung mehr gehabt. Giovanna lebt wieder in der gemeinsamen Heimat der beiden im Süden des Landes und kann ihm nun endlich ihre Liebe geschehen.

Kurzerhand packt Ezio seinen Koffer und steigt in den Zug Richtung Süden. Dabei nimmt er uns mit in eine gedankliche Reise in die Vergangenheit, den gemeinsamen Sommer mit Giovanna, seine Ängste und Sorgen um die Zukunft.

Wie wird Giovanna ihm begegnen? Schließlich ist er nicht mehr der junge Mann von einst. Wie wird es sein, die eine, große Liebe, nach einem ganzen Menschenleben wiederzusehen?

„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“

von Ernest van der Kwast

„Juli, August, September“: Auf der Reise zur eigenen Identität

Typisch für Roadmovies ist, dass sich die Hauptfiguren auf einer Art Identitätssuche nach sich selbst befinden. Die physische Reise ist dabei oft symbolhaft für die Reise, die die Charaktere innerlich durchmachen.

Auf einer solchen Reise befindet sich auch Lou. Sie lebt mit ihrem Mann Sergej und Tochter Rosa in Berlin, doch die Routinen des Alltags beginnen sie zu erdrücken. Ihre erste Reise nimmt Lou in „Juli, August, September“ nur widerwillig auf. Sie hat zu ihrer erweiterten Familie nur ein distanziertes Verhältnis, am liebsten hätte sie die Reise nach Gran Canaria zum 90. Geburtstag ihrer Großtante Maya verpasst.

Maya erzählt die familiäre Vergangenheit etwas anders, als Lou diese von ihrer Großmutter kennt. Plötzlich ist sie die große Familienheldin, die sich und ihre Schwester nach der Shaoh und der Flucht durch Weißrussland gerettet hat.

Diese Verschiebung der familiären Identität und Lous eigene Unzufriedenheit mit ihrem Alltag wirft unsere Protagonistin in eine tiefe Sinnkrise. Oder vielmehr macht sie Lou ihre Sinnkrise, in der sie schon vorher steckte, noch mehr bewusst. Anstatt mit ihrem Mann und ihrer Tochter zurück nach Berlin zu fliegen, reist sie nach Israel, um hier Antworten zu finden auf die Fragen, die ihr keine Ruhe lassen.

Juli, August, September

von Olga Grjasnowa

Reise zu dritt: „Sophia, der Tod und ich“

Eigentlich klingelt es nie bei unserem Ich-Erzähler. Zumindest fast nie, und wenn, dann macht er die Tür nicht auf. Doch an diesem Tag ist irgendetwas anders, er öffnet die Tür - und vor ihm steht der Tod. Allerdings ist der Tod ganz anders, als man ihn sich normalerweise vorstellt: „Der Tod hat Humor, siezt mich und weiß mehr über mein Gehirn als ich.“

Doch gerade, als die beiden ins nächste Leben aufbrechen wollen, klingelt es erneut an der Tür. So etwas ist dem Tod noch nie passiert, und das will schon etwas heißen. Vor der Tür steht Sophia, die Ex-Freundin unseres Protagonisten, die ihn zu seiner Mutter bringen will. „Will“ ist dabei übertrieben, er hatte sie angefleht, mitzukommen.

Das seltsame Trio bricht auf zu einem Roadtrip quer durch die ganz Bundesrepublik, auf dem keiner drei so richtig sein will. Außer dem Tod, denn der macht jetzt Urlaub.

Autor Thees Uhlmann, bekannt als der Sänger der Band Tomte, nimmt uns mit auf diesen rasanten Trip, der mal zum Schreien witzig und dann wieder zum Schreien melancholisch ist.

„Sophia, der Tod und ich“

von Thees Uhlmann