
Ein polarisierender Roman feiert seinen 30. Geburtstag: 1995 veröffentlichte Bernhard Schlink das Buch „Der Vorleser“. Seitdem wurde die Geschichte in einer deutsch-amerikanischen Co-Produktion mit Schauspielgrößen wie Ralph Fiennes und Kate Winslet in den Hauptrollen verfilmt.
Während sich die einen für die einfühlsame Sprache und den ehrlichen Protagonisten begeistern, werfen andere Schlink vor, er würde mit seinem Roman die Verbrechen der Nationalsozialisten verharmlosen.
Jetzt, 30 Jahre nach seinem Erscheinen, und 16 Jahre, nachdem die Verfilmung in die deutschen Kinos kam, werfen wir einen neuen Rückblick auf „Der Vorleser“.
„Der Vorleser“ von Bernhard Schlink: Worum geht‘s?
„Der Vorleser“ ist ein Roman in drei Teilen. Im ersten Teil erfahren wir, wie der Ich-Erzähler Michael Berg als 15-jähriger Schüler wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs seiner ersten großen Liebe begegnet. Obwohl Hanna Schmitz mehr als 20 Jahre älter ist als er, entsteht zwischen den beiden eine körperliche Beziehung. Dass Michael ihr aus Klassikern der Literatur vorliest, entwickelt sich zu einem zentralen Ritual.
Im zweiten Teil springen wir einige Jahre nach vorne. Die Beziehung zwischen Michael und Hanna endete, als sie plötzlich verschwand. Jetzt, Jahre später, sieht Michael sie wieder. Er als Jurastudent, der im Zuge eines Seminars einen Prozess besucht, bei dem ehemalige Aufseherinnen eines KZs angeklagt werden – sie als Angeklagte.
Michael ist gefangen zwischen seinen vergangenen Gefühlen für Hanna und seiner Ablehnung und Verurteilung ihrer Vergangenheit. Außerdem wird ihm im Laufe des Prozesses klar, dass Hanna Analphabetin ist. Am Ende des Prozesses wird sie zu lebenslanger Haft verurteilt.
Im dritten Teil, wieder einen Zeitsprung weiter, begegnen sich Michael und Hanna zum letzten Mal. Während ihrer Haft hat Michael begonnen, ihr wieder Bücher vorzulesen, indem er sich selbst auf Kassetten aufnimmt und ihr ins Gefängnis schickt. Er war der Einzige, der jemals Kontakt zu ihr hatte – und darum kontaktiert ihn nun die Gefängnisleiterin, als Hanna nach 18 Jahren Haft doch aus dem Gefängnis entlassen werden soll.
„Der Vorleser“ – ein polarisierender Roman
Während die einen dem Roman eine einfühlsame Sprache attestieren und ihm zusprechen, dass er sich auf differenzierte Weise mit der NS-Zeit auseinandersetzt und einen persönlichen Zugang ermöglicht, welcher über einen distanzierten Geschichtsunterricht hinausgeht, werfen ihm andere Revisionismus und Verharmlosung vor.
Die ach so arme KZ-Aufseherin könne ja gar nichts dafür, dass sie in dieser Position gelandet ist, letztendlich sei ihr Analphabetismus an allem schuld gewesen.
Tatsächlich wirkt diese Lesart aber etwas konstruiert. Während seines philosophischen und moralischen Dilemmas macht Michael deutlich klar, was er von der Vergangenheit seiner ehemaligen Liebe hält: dass hier kein Verstehen möglich ist, weil das Verurteilen wichtiger ist.
Hanna selbst erklärt auf der Anklagebank mehrfach, sie habe alles gewusst, was im Lager passiert ist, auch ohne, dass sie des Lesens mächtig war. Auch eine Absolution am Ende des Buches durch eine Holocaustüberlebende wird Hanna zu Recht verwehrt.
„Der Vorleser“ von Bernhard Schlink: Moraltheorie und philosophische Fragen
Tatsächlich, und auch das mag nun streitbar sein, kann man diesen Roman aber völlig losgelöst von der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit interpretieren. Hier stehen zwei zentrale Punkte im Raum: Zum einen die hebephile Beziehung zwischen dem 15-jährigen Jungen und einer 36-jährigen Frau. Dass Hanna dachte, Michael sei 17 und nicht 15, ist hier wohl kaum ausschlaggebend.
Auch wenn Michael selbst nie negativ über diese Erfahrung spricht, sich vielmehr seinen Mitschülern überlegen fühlte, weil er viel erwachsener mit den Mädchen in ihrer Schule umgehen kann, wird im Laufe des Romans deutlich, wie sehr ihn dieses Erlebnis in seiner Jugend gezeichnet hat. Vielleicht ist seine Unfähigkeit, tiefe Beziehungen mit anderen Frauen einzugehen, nicht der Tatsache geschuldet, dass er seine große bereits gefunden hatte, sondern der, dass ihn diese Erfahrung für sein Leben gezeichnet hat.
Vielleicht geht es auch nur darum, uns Leserinnen und Lesern Hanna Schmitz schon zu diesem Zeitpunkt unsympathisch zu machen. Vielleicht funktioniert die ganze Geschichte, in der sie eine Analphabetin ist, er aber noch naiv genug sein kann, um seine Rolle zu spielen, auch nur auf diese Weise.
Der zweite, zentralere, weil philosophischere Aspekt, den dieser Roman hat, ist die moraltheoretische Frage um das Lieben und Liebenkönnen und Liebendürfen.
Natürlich ist es praktisch, mit Beispielen zu arbeiten. Doch wir wollen an dieser Stelle abstrahieren: Worum es im zweiten Teil des Romans geht, ist die Frage, wie man eine Person lieben kann, die etwas Furchtbares getan hat. Wenn man zu dem Zeitpunkt, zu dem man zu lieben begann, noch nichts von diesem Furchtbaren wusste, aber später davon erfährt. Lassen sich Gefühle, gemeinsame Erinnerungen einfach abschalten? Natürlich kann man verurteilen, rational handeln, sich distanzieren, aber Emotionen lassen sich nun einmal nicht steuern.
In diesem Dilemma befindet sich Michael Berg, selbst, wenn er erklärt, die Gefühle für Hanna seien längst vergangen. Dann würde ihn der Prozess nicht derart beschäftigen.
Und um weiter vom Abstrakten zurück zum Konkreten zu kommen: Was wäre denn das Furchtbarste, was man sich vorstellen kann? Eine der schlimmsten Handlungen, die man am Ende des Zweiten Weltkriegs tun konnte? Sicherlich gibt es einige Beispiele, doch als Aufseherin in einem Konzentrationslager zu arbeiten und einen Todesmarsch anzuführen, steht ohne Frage weit oben auf der Liste.
„Der Vorleser“ nach 30 Jahren – Lesen oder Vergessen?
Ohne Frage ist dieser Roman lesenswert. Auch wenn wir an dieser Stelle den Blick etwas weggerichtet haben von der Nazi-Vergangenheit Hanna Schmitz‘, ist es gerade in der heutigen Zeit wichtig, eine Aufarbeitung der NS-Zeit nicht zu vernachlässigen.
Denn auch das ist „Der Vorleser“: Er wirft den Fokus auf eine Einzelperson und kritisiert, dass nach dem Krieg eine ganze Generation unter Generalverdacht gestellt wurde. Nicht, weil sie das nicht verdient hätte. Vielmehr, weil die Schuld dadurch an eine abstrakte Masse an Menschen geschoben werden konnte, anstatt die Verantwortung bei einzelnen Menschen, vielleicht auch bei sich selbst zu suchen.
Der Vorwurf, Schlink würde mit seinem Roman die Schrecken des Nationalsozialismus verharmlosen, ist zwar nachvollziehbar, aber dennoch zurückzuweisen. Dass wir mit Hanna Schmitz einer Frau begegnen, die an diesen Verbrechen beteiligt war, für die wir dennoch beinahe Mitleid oder sogar Sympathien entwickeln, zeigt uns vor allem eins: Die Verbrecher waren Menschen.
Und genau deshalb müssen wir als Gesellschaft vorsichtig sein. Denn es war eben kein abstraktes Böses, das für die Schrecken des Nazi-Regimes verantwortlich war, sondern ganz normale Menschen.
Darum haben Romane wie der bei Amazon erhältliche „Der Vorleser“ eine bleibende Relevanz. Um uns daran zu erinnern, dass Faschismus nicht nur in der Vergangenheit liegt, sondern auch jederzeit wieder passieren kann, wenn sich unsere Gesellschaft nicht rechtzeitig dagegen wehrt.


