
Auf einmal ist Daniel mitten in der Nürnberger Innenstadt von drei Polizeipferden umringt. Um ihn herum ist Chaos. Demonstrierende laufen durcheinander und versuchen, den Pferden auszuweichen. Er hört Schreie, eine Frau liegt am Boden. Daniel will ihr noch helfen, als zwei USK-Gruppen, mindestens zehn Beamte und Beamtinnen mit Helmen und Schutzkleidung, mit gezogenen Schlagstöcken auf die Demonstrierenden zurennen. So erzählt Daniel es unserer Redaktion im Nachhinein. Seinen Nachnamen will er für sich behalten.
Neben ihm schlägt ein USK-Beamter einem Mann auf den Rücken. „Der hat richtig draufgetrümmert“, sagt Daniel. Er geht ein Stück zurück, als sich der Polizist zu ihm umdreht. Daniel bringt ein Verkehrsschild zwischen sich und den Polizisten. Er hält sich an der Stange fest. Der USKler fokussiert sich laut Daniels Aussage auf die Hand und schlägt mit dem Schlagstock zu. Daniel ist schnell genug und zieht die Hand zurück, der Stock scheppert gegen die Metallstange.
Daniel weicht zurück, streckt abwehrend die Hände nach vorne. Er merkt, wie der Polizist jetzt seine linke Hand fokussiert, kann sie aber nicht mehr rechtzeitig zurückziehen. Der Schlagstock trifft seine Hand, er hört es krachen. Blut tropft auf die Straße, er kann einen Finger nicht mehr bewegen. Den Schmerz spürt er vor Schock noch nicht, erzählt Daniel.
Es ist der 27. September 2025. An diesem Samstag zieht das rechtsextreme „Team Menschenrechte“ im Rahmen der bundesweiten Aktion „Gemeinsam für Deutschland“ durch Nürnberg. Und wie bei allen Aufmärschen der Gruppierung bildet sich auch am 27. September wieder ein großer Gegenprotest, an dem auch Daniel teilnimmt. Er beteiligt sich auch an Straßenblockaden, um sich dem „Team Menschenrechte“ in den Weg zu stellen.
Demonstration endet im Krankenhaus
Mehrere Menschen sollen am 27. September von Polizisten verletzt worden sein, vor allem verursacht durch Schlagstöcke. Unser Medienhaus konnte die Geschehnisse dieses Tages in Teilen rekonstruieren. NN.de hat mit weiteren Verletzten und Augenzeuginnen und -zeugen gesprochen und Arztbriefe der Verletzten und Videos zu den Vorfällen gesichtet.
Auch Samuel Hübner von der Roten Hilfe e.V. berichtet von diversen Personen, die sich bei der Roten Hilfe gemeldet haben. Der Verein unterstützt linke Aktivistinnen und Aktivisten auf Demos und ist eine Anlaufstelle bei Problemen mit den Behörden. An diesem Samstag ist Hübner selbst am Telefon, nimmt Anrufe von Demonstrierenden entgegen und hört viel von aggressiven Polizistinnen und Polizisten.
Andreas Gramlich, Sprecher der Polizei Mittelfranken, betont, dass sich die Einsätze immer „am gesetzlichen Auftrag, einem Stufenkonzept und dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit“ orientieren. Die Polizei schütze Versammlungen auf Grundlage des Grundgesetzes unabhängig von deren Inhalt und schreite bei rechtswidrigen Störungen lageangepasst ein. „Es ist mir wichtig dabei zu betonen, dass wir Verletzungen oder Schäden als oberstes Ziel immer vermeiden wollen.“ Ohne Blockaden erfolge auch kein Einschreiten der Polizei, so Gramlich.
Daniel landet am Ende des Tages mit einer offenen Trümmerfraktur an der linken Hand im Krankenhaus. Am Morgen des nächsten Tages wird er zwei Stunden lang operiert und muss insgesamt drei Tage im Krankenhaus bleiben. Eine Schiene und ein Draht stützen die Knochen. Der Draht kommt bald raus, die Schiene wird er noch eine ganze Weile tragen müssen.
Er ist nicht der einzige Verletzte an diesem Tag. Wie NN.de herausgefunden hat, soll eine weitere Demonstrierende von einem USK-Beamten mit einem Schlagstock im Gesicht getroffen worden sein. Kurz nach dem Schlag sei sie bewusstlos geworden. Sie erzählt von zwei abgebrochenen Zähnen und einem angebrochenen Kiefer, ihr Arztbrief bestätigt das laut NN.de. Die Frau, der Daniel noch helfen wollte, wurde laut Berichten außerdem von einem Polizeipferd umgestoßen, das Tier sei ihr auf den Arm gestiegen.
Dieser Fall ist der Polizei laut Gramlich nicht bekannt. Anzeigen oder Beschwerde seien nicht eingegangen. Daniels Fall werde derzeit geprüft. „Nach aktuellem Kenntnisstand ging den Maßnahmen ein Angriff auf eine Polizeireiterin voraus. Diese wurde an der Schulter verletzt“, so der Polizeisprecher. Einsatzmittel kämen nur lage- und verhältnismäßig nach Stufenkonzept zum Einsatz. Gramlich betont auch, dass die Polizei an einer vollständigen Aufklärung interessiert sei, und bittet daher Betroffene, Anzeige zu erstatten.
Mangelndes Vertrauen in die Polizei
Davon rät die Rote Hilfe allerdings ab. „Wir haben ganz klare Erfahrungen gemacht, dass Demonstrierende etwas anzeigen und dann sofort eine Gegenanzeige am Hals haben“, so Hübner. Auch Daniel spricht von mangelndem Vertrauen gegenüber der Polizei. Polizeisprecher Gramlich dagegen betont, dass die Polizei dem Legalitätsprinzip verpflichtet sei und Straftaten unabhängig von Anzeigen erfasse. „Strafanzeigen sind keine Reaktion auf Meldungen, sondern Folge eines festgestellten Tatverdachts.“
Daniel lebt in Nürnberg, hat schon häufiger an den Demonstrationen gegen das „Team Menschenrechte“ teilgenommen und ist auch bei anderen Protesten aktiv. „Aber so krass wie an diesem Samstag habe ich das mit der Polizei noch nie erlebt“, sagt er. Auch Hübner von der Roten Hilfe stellt eine quantitative und qualitative Steigerung an Vorfällen von Gewalt durch die Polizei gegen Demonstrierende fest. „Es geht inzwischen über das hinaus, was wir bisher kannten“, so Hübner.
Blockaden oder Angriffe auf eine Versammlung zögen polizeiliche Maßnahmen nach sich, wie Polizeisprecher Gramlich betont. „Diese beginnen regelmäßig mit Kommunikation und Auflagen und werden, falls erforderlich, stufenweise bis hin zu unmittelbarem Zwang gesteigert.“
Pferdestaffel im Einsatz
Laut Hübner habe der Einsatz der Pferdestaffel bei den Demonstrationen die Situation verschärft. „Die Pferdestaffel sorgt direkt dafür, dass es schneller eskaliert“, sagt er. „Wenn mehrere Pferde auf dich zureiten, da drehen die Leute auch frei.“ Abwägungen und Gespräche würden dadurch weniger, beobachtet Hübner. Der Einsatz der Pferde werde oft zwar angekündigt, die Menschen bekämen dann aber nicht genug Zeit, um sich aus freien Stücken rechtzeitig aus dem Weg zu begeben.
Gramlich dagegen betont, dass die Polizei Pferde nicht zum Auflösen von Sitzblockaden einsetzt. Das erfolge durch Einsatzkräfte nach einem Stufenkonzept. Der Einsatz der Polizeipferde erfolge Lage-abhängig und mit Augenmaß. Zum ersten Mal im Kontext von Versammlungen sei die Reiterstaffel des Polizeipräsidiums Mittelfranken am 30. August eingesetzt worden. Sie diene insbesondere der sichtbaren Präsenz, der Absperrung beziehungsweise Sicherung von Straßen sowie der Lenkung von Personenströmen. Warum die Polizeipferde trotzdem immer wieder mitten im Geschehen und in Menschengruppen zu sehen sind, erläutert Gramlich nicht.



