Nürnberg - Wie lebt man weiter, wenn eine Tragödie den Lebensplan zu früh unterbricht?

Manche Rätsel machen Spaß, manche Rätsel suchen wir uns sogar selbst. Egal ob ein Rätselheft oder ein kniffliger Krimi, das Grübeln und Kombinieren verschiedener Hinweise macht Laune, die freudige Erleichterung, endlich die Lösung gefunden zu haben, ist ein angenehmes Hochgefühl.

Man könnte sogar meinen, dass die Lösung gar nicht das Wichtigste am Rätsel ist, sondern eben eher das Kombinieren. Der Weg ist das Ziel, sozusagen. Doch wie ist es, wenn wir schon am Anfang eigentlich wissen, dass es keine Lösung gibt? Dass ein Rätsel für immer ein Rätsel bleiben wird, egal wie lange man sich den Kopf darüber zerbricht?

So ergeht es unserer Ich-Erzählerin und Protagonistin in „Schlaflose Nacht“ von Margriet de Moor. Ihr Rätsel hat ihr schon so manche schlaflose Nacht bereitet. Es hält sie gefangen, in einer Art Limes zwischen Vergangenheit und Zukunft. Diese Nacht ist genauso wie so viele zuvor, und dennoch ist irgendetwas anders.

„Schlaflose Nacht“ von Margriet de Moor

„Das Fieber der Schlaflosigkeit veranlasst Menschen zu merkwürdigen Dingen“, sagt unsere Protagonistin, deren Namen wir nicht erfahren. In ihrem Fall ist dieses merkwürdige Ding für gewöhnlich, dass sie backt. An sich nichts Seltsames, doch im Kontext der Stille der dunklen Nacht hat die Routine des Vermischens von Zutaten und Kneten des Teiges fast etwas Unheimliches.

In ihrem Bett liegt ein Mann, den sie erst am Tag zuvor kennengelernt hatte. Er ist nicht der Erste und wird auch vermutlich nicht der Letzte sein, denn mehr als eine Nacht gesteht sie den Männern nicht zu, die sie über Kontaktanzeigen findet.

Sie will nicht das zölibatäre Leben einer Nonne führen. Doch bis heute hat sie den Tod ihres Mannes vor 15 Jahren nicht überwunden. Ihre Ehe dauerte nur 14 Monate. Eine kurze Zeit für eine Ehe, die nie die Gelegenheit hatte, in Schwierigkeiten zu geraten. „Unsere Liebe war von vollkommener Einfachheit gewesen. Zwischen uns war nichts Beschämendes vorgefallen.“ An anderer Stelle heißt es: „Quälgeist. Ekel. Hinterfotziger Kerl. Widerling. Mistweib. Exotische Worte, die zwischen uns nie gefallen sind. Nie eine zugeknallte Tür, nie ein davonrasendes Auto, nie ein Weinkrampf unter der Decke. Wir hatten nicht genug Zeit dafür gehabt.“

15 Jahre vor dieser schlaflosen Nacht, durch die wir unsere Protagonistin begleiten, hat ihr Mann Selbstmord begangen. Keine Erklärung, keine Vorahnung, kein Abschiedsbrief. Wider Erwarten der Dorfgemeinde, aus der ihr Mann stammte, blieb sie im gemeinsamen Haus, das er von seinem Vater geerbt hatte. Gefangen zwischen der Vergangenheit und dem Wunsch weiterzuleben, behielt sie sogar ihren Job als Lehrerin. Seit 15 Jahren gefangen in einem Rätsel, für das es keine Lösung gibt. Eine Nacht, wie sie sie schon so oft erlebt hatte. Und doch ist am Ende dieser Nacht irgendetwas anders.

„Schlaflose Nacht“: Diese Novelle hat kein Wort zu viel

Margriet de Moor ist eine der bedeutendsten niederländischen Autorinnen der Gegenwart. In ihrer Novelle kombiniert sie auf faszinierende Weise die Abgestumpftheit, die sich nach 15 Jahren des Grübelns einstellt, mit der tiefen Emotionalität, die unsere Protagonistin nach wie vor empfindet. Diese Novelle hat kein Wort zu wenig und keines zu viel.

„Schlaflose Nacht“

von Margriet de Moor

Weitere, interessante Buchtipps auf nordbayern.de:

„Die Entdeckung der Currywurst“ von Uwe Timm - Buchtipps unter 200 Seiten

Ein ungleiches Paar und eine besondere Perspektive: „Frankie“ von Jochen Gutsch - Buchtipp

Dystopie und Realismus: Ein Blick in unsere nahe Zukunft - Buchtipp