
Der Code „7500“ gehört zu den gefürchtetsten Warnsignalen im internationalen Luftverkehr. Er steht für einen möglichen Entführungsfall. Eine gängige Merkformel für Piloten lautet „Seven-five – Man with knife“. Am Dienstag wurde er von einem Passagierjet gesendet, der von der Urlaubsinsel Korfu nach Nürnberg unterwegs war.
Die Verantwortlichen mussten daraufhin zuerst vom Ernstfall ausgehen. Sicherheitshalber seien daraufhin diverse Alarmstarts ausgelöst worden, teilte die Polizei mit. Über der Region flogen daraufhin zwei Kampfjets, das Donnern war weithin über Nürnberg hinaus zu hören. Zahlreiche Einsatzkräfte rückten aus und auch der Nürnberger Flughafen wurde gesperrt - mit Folgen für zahlreiche Reisende. Doch warum genau wurde der Code ausgelöst und wie läuft ein solcher Einsatz ab?
Alarmstufe Rot im Luftverkehr: Was bedeutet der Code 7500?
Im internationalen Luftverkehr gibt es drei besonders wichtige Transpondercodes, mit denen Piloten auf eine Notlage aufmerksam machen können. Die Signale werden über das Transpondersystem des Flugzeugs an die Flugsicherung übermittelt.
Der Code 7700 steht für einen allgemeinen Luftnotfall. Dahinter können beispielsweise technische Probleme, Treibstoffmangel oder ein medizinischer Notfall an Bord stecken. Die Flugsicherung kann der Maschine dann Vorrang einräumen und den Flugverkehr entsprechend koordinieren. 7600 bedeutet, dass die Besatzung einen Funkausfall meldet und nicht mehr regulär über Sprechfunk mit der Flugsicherung kommunizieren kann.
Besonders weitreichende Konsequenzen hat dagegen 7500. Dieser Code steht für eine mutmaßliche Flugzeugentführung oder einen anderen widerrechtlichen Eingriff. Wird er gesendet, löst das bei den zuständigen Stellen eine unmittelbare Sicherheitsreaktion aus. Die Flugsicherung informiert die zuständigen Behörden, während die militärische Luftraumüberwachung die Lage bewertet und gegebenenfalls Abfangjäger alarmiert. Wie der Spiegel berichtet, wird der Entführungsverdacht im Radarsystem der Flugsicherung entsprechend kenntlich gemacht.
Grundsätzlich kämen für einen Fehlalarm mehrere Ursachen in Betracht, darunter auch eine Fehlbedienung durch die Piloten. Selbst wenn der Code versehentlich eingegeben wurde, lässt sich das Signal nicht einfach zurückholen oder ungeschehen machen. Das erläuterte ein Sprecher der Deutschen Flugsicherung der Deutschen Presse-Agentur. Die Behörden müssen zunächst klären, ob tatsächlich eine Gefahr besteht.
Warum der Entführungsverdacht in Nürnberg so ernst genommen wurde
Am Dienstag war eine Boeing 737 der türkischen Fluggesellschaft Corendon Airlines auf dem Weg von Korfu nach Nürnberg, als aus dem Cockpit der Code 7500 gesendet wurde. Nach Angaben der Polizei geschah das ungefähr auf halber Strecke, kurz nach 11 Uhr.
Anschließend war die Besatzung zunächst nicht mehr über Funk erreichbar. Damit war unklar, ob ein technisches Problem vorlag oder ob jemand an Bord die Kommunikation unterdrückte. Ein Polizeisprecher erklärte: „Da wir daraufhin das Cockpit nicht mehr erreichen konnten, beziehungsweise der Tower das Cockpit nicht mehr erreichen konnte, mussten wir eben vom Schlimmsten ausgehen, eben dass es sich tatsächlich um eine Geiselnahme handeln könnte.“
Die Reaktion fiel entsprechend umfangreich aus: Neben den militärischen Abfangjägern wurden am Flughafen zahlreiche Polizeikräfte alarmiert. Auch Spezialkräfte des SEK und des Unterstützungskommandos (USK), Einsatzhundertschaften, Feuerwehr und Rettungsdienst rückten an. Die Marienbergstraße und die Flughafenstraße wurden zwischenzeitlich für den Verkehr gesperrt, um den Einsatzkräften freie Zufahrt zu ermöglichen. Zwischen Notsignal und Landung sei den Einsatzkräften weniger als eine Stunde geblieben, um zu reagieren, sagte Petzold. „Das war schon eine extrem hervorragende Leistung.“
Verwechslung: Warum Eurofighter nach Nürnberg starteten - Ursache bekannt
Seit Mittwoch steht nun auch fest, warum genau es zu der Alarmierung gekommen war. Eine Notlage hat es tatsächlich nicht gegeben. Laut Pressesprecher Michael Petzold vom Polizeipräsidium Mittelfranken hätten die Ermittlungen nun ergeben, dass es sich um eine Verwechslung gehandelt hat. So bemerkte der Pilot während des Fluges selbst, dass der Funk nicht funktionierte und wollte dies kommunizieren. Bei Absendung des Codes hatte er sich versehentlich vertippt und die Kombination „7500“, die für Entführung steht, gesendet. Daraufhin war der Pilot für Rückfragen allerdings nicht per Funkverkehr zu erreichen, weil dieser nicht ging, so hätte sich die Kette in Gang gesetzt. „Der Pilot selbst hatte seinen Fehler zunächst gar nicht bemerkt“, so Petzold. Gegen den Piloten ermittle die Polizei aber nicht, da er mutmaßlich nicht absichtlich gehandelt habe.
Nach Angaben der Polizei bestand am Ende aber zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Menschen an Bord.
Eurofighter begleiteten den Flieger bis nach Nürnberg
Die Alarmrotte des Taktischen Luftwaffengeschwaders 74 aus Neuburg an der Donau wurde aktiviert. Sie besteht aus zwei Eurofightern, die für solche Einsätze rund um die Uhr bereitstehen. Nach Angaben der Deutschen Flugsicherung begleiteten die deutschen Kampfjets die Passagiermaschine im deutschen Luftraum.
Der Einsatz beschränkte sich allerdings nicht auf Deutschland. Wie die dpa berichtete, war bereits im kroatischen Luftraum ein Militärflugzeug aufgestiegen, um die Passagiermaschine zu begleiten. Das kroatische Verteidigungsministerium erklärte laut Spiegel, der Einsatz sei nach einer Warnung des Nato-Luftwaffenkommandos im spanischen Torrejón erfolgt.
Die Kampfjets sollten die Lage aus der Nähe beobachten und die Passagiermaschine bis zur Landung begleiten. Ein Sprecher der Luftwaffe erklärte, die beiden deutschen Eurofighter seien anschließend im Luftraum über dem Flughafen geblieben, bis ausgeschlossen werden konnte, dass das abgefangene Flugzeug erneut starten würde.
Was nach der Landung am Flughafen Nürnberg geschah
Der Flug verlief nach Angaben des Flughafen-Geschäftsführers Michael Hupe bis zur Landung unauffällig. „Sowohl Start als auch Landung waren planmäßig“, berichtete er. Die Maschine landete sicher in Nürnberg, wurde anschließend jedoch nicht wie üblich direkt an einem regulären Abfertigungsplatz abgestellt, sondern zunächst auf einem weit abgelegenen Vorfeldplatz. So sollte sichergestellt werden, dass tatsächlich keine Entführung vorlag und von dem Flugzeug keine Gefahr ausging.
Die Passagiere verließen die Maschine nach Angaben Hupes über Treppen und wurden mit Bussen zum Terminal gebracht. Dort kümmerte sich ein speziell geschultes Team um sie. Parallel dazu überprüften die Einsatzkräfte die Lage am Boden. Erst als die Behörden ausreichend Klarheit gewonnen hatten, konnte Entwarnung gegeben werden.
Ausnahmezustand: Flughafen Nürnberg rund zweieinhalb Stunden gesperrt - zahlreiche Flugverspätungen
Für den Flughafen Nürnberg bedeutete der Einsatz eine erhebliche Unterbrechung des regulären Betriebs. Nach Angaben von Flughafensprecher Christian Albrecht wurde der Airport um 11.40 Uhr gesperrt. Gegen 14.10 Uhr wurde er wieder freigegeben. Während der Sperrung konnte keine Maschine landen. Drei Flugzeuge, die sich bereits auf dem Weg nach Nürnberg befanden, mussten deshalb nach Prag, München und Stuttgart ausweichen. Anschließend konnten sie zum Nürnberger Flughafen zurückkehren.
Auch zahlreiche Abflüge waren betroffen. „Es waren neun Verspätungen und zwei Annullierungen die Bilanz“, sagte Albrecht. Gestrichen wurden die Flüge nach Cluj-Napoca mit geplantem Abflug um 12.55 Uhr sowie nach Amsterdam, die Maschine sollte um 14.15 Uhr starten. Die Auswirkungen waren damit nicht vorbei, als der Flughafen wieder freigegeben wurde. So kam es noch bis in die Abendstunden zu Verspätungen.
Wie der Flughafen Nürnberg die Reisenden informierte
Die Passagiere wurden während des Einsatzes über die Monitore im Terminal informiert. Zusätzlich schaltete der Flughafen auf seiner Website einen Hinweis zur vorübergehenden Schließung. „Wir haben auch einen Banner auf der Website geschaltet, dass der Flughafen geschlossen ist und der Flugstatus berücksichtigt werden soll“, erklärte Albrecht.
Bei Verspätungen oder Flugausfällen informieren üblicherweise auch die Airlines ihre Kunden, etwa über Apps oder direkte Nachrichten.
Unabhängig von dem Entführungsalarm war der Flugverkehr am Nürnberger Flughafen bereits in der Nacht beeinträchtigt worden. Drei Piloten hatten beim Start oder bei der Landung unabhängig voneinander ein Objekt gemeldet, bei dem es sich möglicherweise um eine Drohne gehandelt haben könnte.
