
Nele Neuhaus hat sich über die vergangenen Jahre eine große Fangemeinde aufgebaut. Die Bodenstein-Kirchhoff-Krimis zählen zu den beliebtesten Krimireihen des Landes, einige wurden sogar als „Taunuskrimis“ im ZDF verfilmt. Mit „Alles wird Asche“ erschien der zwölfte Band der Reihe, landete direkt nach Veröffentlichung auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste und hält sich hier aktuell in der zweiten Woche.
Diesmal dreht sich alles um Tech-Milliardäre in Frankfurt, das große Geld, die großen Verluste, das große Genie und einen noch größeren Verrat. Und auch in Kommissarin Pia Sanders Privatleben tut sich einiges.
Krimi-Buchtipp: „Alles wird Asche“ von Nele Neuhaus
Alice Bennewitz-Brinkhoff hatte sich das Leben nach dem Verlust ihres Mannes Patrick Brinkhoff anders vorgestellt. Anstatt zu erben, wurde sie mit Peanuts abgespeist. Der Großteil ging an ihre Stieftochter Geraldine. Den Ausgang dieses Abends hatte sie sich auch anders vorgestellt. Sicher hatte sie nicht vor, mit wegen Allergien zugeschwollenem Hals, fern ihres EpiPens, von der Galerie ihres in Flammen stehenden Hauses zu stürzen.
Axel Wiesheu hatte sich die Besichtigung seines Großbauprojekts sicherlich auch anders vorgestellt. Jetzt hängt seine Leiche kopfüber auf der Baustelle. Und damit ist er nicht der einzige, denn Ralf Kirchhoff, ein bankrotter Risikofinanzinvestor, hängt ganz ähnlich an einem Baum nahe eines neuen Hochseilgarten.
Pia Sander hat sich das Sabbatjahr in Namibia mit ihrem Mann Christoph definitiv anders vorgestellt. Nach ihrer frühzeitigen Rückreise begleitet sie ihren Ex-Mann und Gerichtsmediziner Prof. Dr. Henning Kirchhoff zu einem Tatort. Der wiederum hätte sich nie vorstellen können, dass seinen kleinen Bruder das gleiche Schicksal ereilen würde, wie das des Opfers Axel Wiesheu.
Julian Melchior hatte sich seine Arbeit für seinen Schwager Patrick Brinkhoff anders vorgestellt, Christina Zamoranis, Marc-Gabriel Ziegler und Roland Braun hatten sich ihren Kontostand nach dem Ableben ihres Vorstandsvorsitzenden Patrick Brinkhoff ganz anders vorgestellt, der wiederum hatte sich seine fünfte Besteigung des Mount Everest, von der er nie heimkehren würde, ganz anders vorgestellt.
Viele Leute haben sich in diesem Buch ihr Leben anders vorgestellt, als es kommen sollte. Und was sich keiner von ihnen vorstellen konnte, war, dass eine Gruppe von ihnen sterben sollte, auf grausame Weise, eine und einer nach dem anderen. Pia Sander, Oliver von Bodenstein und ihre Kollegen arbeiten fieberhaft, um den Täter aufzuhalten, doch sie tappen lange im Dunkeln, bis ihnen ein Zufall auf die Sprünge hilft.
„Alles wird Asche“
von Nele Neuhaus
- 560 Seiten
- Ullstein
- ISBN: 9783550202261
- 26 Euro
„Alles wird Asche“ - Buchtipp oder überlanger Schmöker?
Der neue Bodenstein-Kirchhoff-Krimi hat eine überaus komplexe Handlung. Wir sehen die Geschichte aus der Sicht wechselnder Personen, die im Fall eine wichtige Rolle spielen. Nele Neuhaus spielt dabei mit den Perspektiven und lässt uns beim Lesen lange im Dunkeln, auf wessen Seite wir eigentlich stehen wollen. Denn die Figuren sind von gegenseitiger Missgunst geprägt und lassen kaum ein gutes Haar aneinander, doch irgendwie sind ihre Positionen dann doch, zumindest teilweise, nachvollziehbar. Das macht die Figuren in diesem Buch so faszinierend und auch überzeugend, denn kaum eine der auftretenden Personen wirkt eindimensional.
Im Zentrum der Handlung steht PROMETHEUS, eine generative KI, die das Genie Patrick Brinkhoff entwickelt hatte. Und das mit ordentlichem Vorsprung vor der Tech-Konkurrenz aus dem Silicon Valley. Doch sein Todesfall brachte die Entwicklung zum Erliegen. Neuhaus bedient sich in ihrem Krimi dadurch einmal mehr aktueller Fragen unserer Zeit, in diesem Fall, welche Chancen und Gefahren generative KI für unsere Gesellschaft bietet.
Die Tiefe, die Neuhaus ihren Figuren in „Alles wird Asche“ gibt, sorgt allerdings auch für einen zentralen Kritikpunkt am zwölften Bodenstein-Kirchhoff-Krimi. Er ist einfach ein bisschen zu lang. Denn es mangelt nicht an Figuren, und die verschiedenen Perspektiven ziehen das Buch ganz schön in die Länge. Die Polizeiarbeit kommt dabei im Vergleich etwas kurz, auch wenn detaillierte Tatortbeschreibungen sehr anschaulich sind. Doch die Aufklärung gelingt dem Ermittlerteam gefühlt mehr zufällig und gerät dann am Ende etwas knapp.
Fans der Reihe werden aber sicher in „Alles wird Asche“ auf ihre Kosten kommen. Nicht zuletzt durch die neue Dynamik, die Pia Sander und Henning Kirchhoff im Laufe der Handlung entwickeln.


