Nürnberg - Bergseen gelten als Sehnsuchtsorte - und das hat auch der Homo Instagramus verinnerlicht. Die Idylle werden überrannt, die Ökosysteme sind bedroht. Der LBV appelliert nun an Behörden und hat vier Regeln für Touristen.

Eisiges, türkisblaues Wasser gerahmt vom satten Grün des Grases und einiger Bäume … Im Hintergrund steile, schroffe Bergflanken, die zu majestätischen, weiß gepuderten Gipfeln anwachsen … und mittendrin Horden von Instagrammern, auf der Jagd nach dem perfekten Schnappschuss. Spätestens seit der Erfindung des Automobils – also der eigenen Mobilität auf vier Rädern – sind Bergseen Sehnsuchtsorte für die Menschen, die Ruhe versprechen und Einkehr. Daran hat sich auch nach der Erfindung von Smartphones und Social Media nichts verändert. Nach wie vor suchen die Menschen hier nach Ruhe und Einkehr. Im Gegensatz zu früher, werden sie aber immer seltener fündig.

Virale Fotos vom perfekten Idyll locken Zigtausende an jene abgeschiedenen Orte – mit dem Ziel ein ebensolches, perfektes Foto zu knipsen, das dann ebenfalls viral geht. Das Idyll verkommt somit nicht nur zur Kulisse der Selbstdarstellung, die Natur leidet erheblich unter dem Massenandrang und der Rücksichtslosigkeit des Instagramtourismus. Jüngst schlugen italienische Behörden in den Dolomiten Alarm. Der Mount Everst ist längst ein Szenetreff. Und nun sah sich der bayerische Naturschutzverband LBV (Landesbund für Vogel- und Naturschutz) genötigt, klarzustellen: „Bergseen sind keine Freizeitparks“

„Was ich hinauftrage, nehme ich auch wieder mit hinunter“

Bergseen wie der Schrecksee und die Gaisalpseen ziehen im Sommer immer mehr Menschen in die Allgäuer Hochalpen, heißt es in einer Pressemitteilung des LBV. Der große Andrang sei eine Belastung für die empfindliche Natur. Der LBV bittet deshalb darum, Bergseen mit Rücksicht zu besuchen und einige essenzielle Regeln zu beachten. „Soziale Medien können Menschen für unsere beeindruckende Bergnatur begeistern. Wenn aber immer mehr Menschen für dasselbe Fotomotiv denselben sensiblen Ort aufsuchen, braucht es umso mehr Rücksicht“, erklärt LBV-Gebietsbetreuer Felix Steinmeyer.

Viele Bergseen der Allgäuer Hochalpen liegen in einer Landschaft, in der Tiere und Pflanzen mit extremen Bedingungen zurechtkommen müssen. Die Gewässer und die angrenzenden Alpweiden sind oft sehr nährstoffarm. Gerade dadurch können dort spezialisierte Arten leben. Wenn viele Menschen gleichzeitig Ufer betreten, querfeldein laufen oder ihre Spuren hinterlassen, gerät dieses empfindliche Gleichgewicht unter Druck. „Eine einzelne Person hinterlässt vielleicht kaum sichtbare Spuren. Wenn aber jeden Tag Hunderte denselben Weg abkürzen oder am selben Ufer sitzen, wird daraus schnell ein echtes Problem“, erklärt Felix Steinmeyer.

Besonders deutlich zeigt sich das an beliebten Zielen wie dem Schrecksee oder den Gaisalpseen. So entstehen neben den eigentlichen Wegen immer wieder Trampelpfade, Pflanzen werden niedergetreten und Wildtiere ziehen sich aus stark genutzten Bereichen zurück. Auch Essensreste, Taschentücher oder andere Abfälle haben in der Bergnatur nichts zu suchen. „Am Berg gilt deshalb eine einfache Regel: Was ich hinauftrage, nehme ich auch wieder mit hinunter. Das gilt vom Müsliriegelpapier bis zum Taschentuch“, betont der LBV-Gebietsbetreuer. Ja, im 21ten Jahrhundert muss man Grundsätzliches betonen, damit es auch gehört wird, vielleicht sogar verstanden … Selbst so eigentlich profane Dinge wie: „Ein Bergsee ist kein Schwimmbad.“

Empfindliche Ökosysteme in Gefahr

Der Sprung in einen Bergsee ist nämlich alles andere als harmlos für das empfindliche Ökosystem. Gerade wenn an warmen Tagen viele Menschen baden, gelangen Rückstände von Sonnenschutzmitteln ins Wasser. Bestimmte chemische UV-Filter können Wasserorganismen beeinträchtigen. Hinzu kommt, dass Menschen beim Ein- und Aussteigen die Uferbereiche zertrampeln. „Wer sich abkühlen möchte, sollte für den Badetag ein dafür geeignetes Gewässer wählen. Es gibt auch im Allgäu genügend natürliche Seen und Baggerseen, an denen eine Abkühlung ohne Schaden für die Natur möglich ist“, empfiehlt Steinmeyer.

Vier einfache Regeln, die gar nicht so schwer verständlich sind

Vier einfache Regeln, die gar nicht so schwer verständlich sind, gilt es zu beachten, damit auch künftige Generationen sich noch vor pittoresken Panoramen wirkmächtig in Szene setzen können; falls sie das denn wollen.

  1. Nicht am Bergsee zelten oder draußen übernachten.
  2. Den eigenen Müll vollständig wieder mitnehmen.
  3. Auf den vorhandenen Wegen bleiben.
  4. Die Drohne zu Hause lassen.

Gerade in Schutzgebieten bewahren diese Regeln nicht nur seltene Pflanzen, sondern helfen auch dabei, wichtige Rückzugsräume für Wildtiere zu erhalten. Im Naturschutzgebiet Allgäuer Hochalpen ist Zelten verboten, auch der Betrieb von Flugmodellen beziehungsweise Drohnen ist nicht erlaubt. „Für ein schönes Bergerlebnis braucht es weder ein Zelt direkt am See noch eine Drohne über dem Wasser. Das beste Erinnerungsfoto entsteht dort, wo für das Bild keine Natur zu Schaden kommt“, betont der LBV-Gebietsbetreuer.

Appell an die Vernunft – und die Behörden

Was für Schrecksee und Gaisalpseen gilt, betrifft auch andere sensible Bergseen und alpine Lebensräume in Bayern. Der LBV appelliert deshalb nicht nur an Besucher, Rücksicht zu nehmen, sondern auch an die zuständigen Behörden, bei stark überlasteten Orten konsequent zu handeln, da nicht bei allen Besuchern die nötige Vernunft und Weitsicht vorausgesetzt werden kann. Wo Schutzgebiete regelmäßig als Badeplatz, Übernachtungsort oder Kulisse für Drohnenflüge genutzt werden und dabei Natur geschädigt wird, dürfe das nicht achselzuckend hingenommen werden. Kontrollen, eine klare Besucherlenkung und gut sichtbare Hinweise auf die geltenden Regeln können helfen, besonders sensible Bereiche wirksam zu schützen. „Wir wollen, dass Menschen unsere Bergnatur erleben können. Aber dort, wo der Besucherdruck so groß wird, dass Schutzregeln regelmäßig missachtet und Lebensräume geschädigt werden, müssen die zuständigen Stellen handeln“, mahnt Felix Steinmeyer.