
Überlaufene Urlaubsorte sind nicht erst seit gestern ein Phänomen. Venedig platzt seit mehr als einem Jahrzehnt aus allen Nähten, die allmorgendliche Handtuch-Olympiade um die begehrtesten Liegen sorgte nicht nur für Irritation, sondern zog mancherorts inzwischen schon Reservier-Regelungen nach sich, die so manchem Socken-in-Sandale-Kämpfer sauer aufstoßen dürften, und selbst der Mount Everest ist längst nicht mehr gefeit vor den Kapriolen des Massentourismus.
Bilder von Schlangen, die sich auf dem höchsten Berg der Erde vor dem Gipfelkreuz bildeten, gingen vor einigen Jahren um die Welt – und markieren keine Ausnahme, sondern einen Trend: Immer mehr abgelegene Orte avancieren durch Social Media teils über Nacht zu Tourismusmagneten. Und die kommen dann nicht als Schar, sondern in Scharen. Jüngstes Beispiel ist ein beliebter Wanderort in den Alpen an der Grenze zwischen Venetien und Südtirol.
„Wir schaffen es, die Schönheit jedes Ortes zu zerstören“
Die pittoreske Landschaft des UNESCO-Weltkulturerbes der Dolomiten zieht schon länger Wanderer und Naturfans an, infolge von Social Media entwickelte sich auch hier jedoch eine neue Dynamik, die in etwa so beschrieben werden kann: Jemand stellt ein Foto oder Video eines abgeschiedenen, menschenleeren Idylls ins Netz, das aufgrund seiner idyllischen, menschenleeren Abgeschiedenheit viral geht, woraufhin sich Menschenmassen aufmachen, es ihrem Vorreiter nachzutun, in der Hoffnung, ebenfalls viral zu gehen, was ihnen dann auch tatsächlich gelingt; nämlich als abschreckendes Beispiel dafür, was Menschen mit abgeschiedenen, menschenleeren Idyllen anrichten, auf der Jagd nach dem perfekten Foto/Video. So geschehen in der Gemeinde Auronzo di Cadore.
Ein virales Video auf Instagram mit hunderten wartenden Besuchern in den Dolomiten sorgt in Italien für Diskussionen über Overtourism – mal wieder. Zu sehen ist eine schier endlose Schlange, die sich durch die Berge windet – mal wieder. Touristen warten darauf, den Aussichtspunkt „Tre Cime“ (Drei Zinnen) zu erreichen und das begehrte Foto zu knipsen. Das am 22. Juli aufgenommene Video verbreitete sich rasch im Netz und löste eine neuerliche, leidige Debatte über die Auswirkungen des Massentourismus auf eine der berühmtesten Naturlandschaften Italiens aus.
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„Wir schaffen es, die Schönheit jedes Ortes zu zerstören“, schrieb ein X-Kommentator als Reaktion auf das Video.
Ein anderer äußerte sich noch schärfer: „Ein Schlachthaus. Wir sind der Krebs der Welt.“
Örtliche Dienstleister komplett ausgelastet - massiver Schaden für Ökosystem
Nach Angaben der Behörden sind die örtlichen Dienstleister restlos ausgelastet, da Touristen die Straßen und Wanderwege überfluten. Wie die New York Post berichtet, musste zusätzlich zu den sieben bereits im Einsatz befindlichen Shuttlebussen ein weiter eingesetzt werden, um dem Besucheransturm Herr zu werden, doch selbst diese zusätzliche Kapazität reichte nicht aus. Inzwischen sah man sich deshalb gewzungen, den Zugang zu dem beliebten Reiseziel einzuschränken, unter anderem indem Autofahrer sowie Busreisende verpflichtet werden, ihre Einfahrt im Voraus zu reservieren und zu bezahlen. Den jüngsten Bildern nach zu urteilen, haben die Maßnahmen jedoch kaum dazu beigetragen, dass der Massenandrang zurückging.
Das Phänomen in den Dolomiten weist dabei spezifische Merkmale auf, die es besonders heikel machen, wie es auf dolomitibelluno heißt. Es gehe nicht einfach nur um Überfüllung: Es sei die zeitliche und räumliche Konzentration der Besucherströme, die den Schaden verursacht. Tausende von Besuchern walzen zur gleichen Tageszeit an dieselben Orte. Wanderwege, die nie für derartige Anstürme ausgelegt waren, erodieren dadurch zunehmend. Der Fahrzeugverkehr in den Talsohlen und auf den Bergstraßen verursacht Luftverschmutzung und Lärmbelästigung, was Tieren erheblichen Schaden zufügt. Die unter den rauen klimatischen Bedingungen ohnehin empfindliche und durch den Klimawandel herausgeforderte Vegetation wird von denjenigen zertrampelt, die die markierten Wege verlassen, um sich in den Sozialen Medien zu inszenieren. Das Ergebnis ist ein alles andere als abgeschiedenes, idyllisches Erlebnis für Touristen und eine gravierende Belastung für die empfindlichen Bergökosysteme.


