Nürnberg - Der 1. FC Nürnberg startet am Sonntag gegen die SG Dynamo Dresden in die neue Saison. Der kommende Gegner, in der Vorsaison noch Abstiegskandidat, könnte sich als Überraschungsteam entpuppen. Was zeichnet die SGD aus?

Ein Erfolg ist keine Überraschung, wenn alle damit gerechnet haben. Das könnte auch auf die SG Dynamo Dresden in der neuen Saison der 2. Bundesliga zutreffen. Denn: Der Auftaktgegner des 1. FC Nürnberg ist derzeit in sämtlichen Expertenrunden und Saisonprognosen „Everybody‘s Darling“, wird regelmäßig als Überraschungsteam und mitunter gar als Aufstiegsanwärter genannt. Unter anderem die TV-Experten Felix Kroos und Simon Terodde trauen den Sachsen die Rolle als Geheimfavoriten zu. Was macht den kommenden Gegner so stark?

Schwung aus der Rückrunde

Die SG Dynamo Dresden spielte eine herausragende Rückrunde, holte 28 Punkte und stellte nicht nur die beste Defensive, sondern auch die zweitbeste Offensive der zweiten Halbserie. Damit kletterte das Team von Cheftrainer Thomas Stamm vom 18. Tabellenplatz, den es zum Hinrundenabschluss belegte, auf den elften Rang.

Einen maßgeblichen Anteil an diesem Leistungsaufschwung in der Rückrunde hatten die Winter-Neuzugänge, die überwiegend per Leihe kamen und inzwischen größtenteils fest verpflichtet wurden. Durch diese individuelle Qualität, die Dresden im Winter dazu gewann, fruchteten auch die fußballerischen Ansätze, die bereits in der Hinrunde zu sehen waren: Immer wieder gelang es der Elf von Trainer Thomas Stamm Räume aufzuziehen, mangels Passqualität und Entscheidungsfindung wurden diese schlichtweg nicht bespielt.

Einen nicht geringeren Anteil am Aufschwung hat auch Sportgeschäftsführer Sören Gonther, der seit Januar 2026 im Amt ist und der nun erstmals eine Sommertransferphase bewerkstelligte – und zwar sehr erfolgreich.

Herausragende Transferperiode

Leistungsträger halten, Ergänzungsspieler aussortieren, Kaderbreite erhöhen, Verstärkungen verpflichten und die Planungen frühzeitig abschließen – gäbe es eine Checkliste für erfolgreiche Transferperioden, wäre bei der SG Dynamo Dresden vieles abgehakt. Abgesehen von Kofi Amoako, der zum Hamburger SV in die Bundesliga wechselt, verliert der Ost-Klub keinen einzigen Leistungsträger – im Gegenteil: Leihspieler wie Thomas Keller, Robert Wagner, Jonas Sterner und Ben Bobzien, die maßgeblich zum Leistungsaufschwung nach der Winterpause beigetragen haben, konnten allesamt fest verpflichtet werden.

Zwar verlassen zahlreiche Spieler in diesem Sommer die Sportgemeinschaft, angesichts derer Einsatzzeit in der Vorsaison ist aber eher von einem gelungenen Aufräumprozess als von einem schwerwiegenden Aderlass zu sprechen. Das Hauptproblem der Vorsaison, nämlich dass Ausfälle von Leistungsträgern nicht ansatzweise adäquat ersetzt werden konnten, sollen unter anderem die zweitligaerfahrenen Neuzugänge Tobias Raschl und Nicolai Rapp lösen. Letzterer könnte ebenso wie Kann Inanoglu gegen den 1. FC Nürnberg direkt in der Startelf stehen.

Während man bei Mittelfeld-Abräumer Rapp, den man bereits in 211 Zweitliga-Einsätzen beobachten konnte, genau weiß, was man bekommt, wird es umso spannender, wie sich Offensivtalent Inanoglu im deutschen Fußball-Unterhaus schlägt: Der 20-Jährige machte insbesondere in der Reserve von Eintracht Frankfurt auf sich aufmerksam, als er in 46 Einsätzen 23 Tore erzielte, und strebt nun bei Dynamo den Durchbruch an. Dabei bringt der Stürmer, der bei Dresden wohl auf dem Flügel zum Einsatz kommt, ein recht komplettes Gesamtpaket mit: Er vereint Physis und Technik, bringt Qualitäten im Eins-gegen-Eins und im Abschluss mit und kann sowohl tiefgehen, am Kombinationsspiel teilnehmen oder mit Rücken zum Tor agieren. Mit den vielversprechenden Ansätzen, die er bisher allerdings nur auf viertklassigem Niveau unter Beweis gestellt hat, ist Inanoglu sicher einer der „Players to Watch“ im SGD-Kader.

Euphorie aus der Vorbereitung

Freilich sind Testspiel-Ergebnisse nicht überzubewerten – das wissen insbesondere die Anhänger des 1. FC Nürnberg, die Testspielsiege gegen den FC Bayern und Juventus Turin sowie ein Achtungsremis gegen Paris St. Germain bejubeln durften und in der 2. Bundesliga mitunter dennoch um den Klassenerhalt bangen mussten.

Entsprechend ist die Euphorie im Dresdner Umfeld nach sechs Siegen aus sieben Vorbereitungsspielen – darunter ein 2:1-Erfolg gegen Union Berlin und eine satte 5:0-Abfertigung gegen den österreichischen Erstligisten vom Grazer AK – mit Vorsicht zu genießen. Dennoch tragen diese Siege zum Selbstvertrauen der Mannschaft, die auch nach der vergangenen Rückrunde mit breiterer Brust auftritt, bei – das betonte auch Kapitän Niklas Hauptmann: „Es ist immer gut, wenn man mit einem Erfolgserlebnis in die Saison gehen kann.“

Losgelöst von den Ergebnissen darf die Vorbereitung aber durchaus als erfolgreich bewertet werden: Die Startelf scheint sich weitgehend gefunden zu haben, die Muster und Automatismen greifen zunehmend und die Neuzugänge konnten ihren Mehrwert fürs Team bereits andeuten. Trotz der Euphorie bremst der Trainer die Erwartungen und nannte schlichtweg als Ambition, besser sein zu wollen als in der vergangenen Spielzeit: „Wir haben in der Vorsaison 41 Punkte geholt. 42 Punkte jetzt wären schön. Das ist ein Schritt nach vorn. Wann wir diese 42 Punkte haben, ist mir egal. Erst danach können wir über alles sprechen.“

Klare Spielidee mit gefestigten Mustern

Underdog-Fußball als Aufsteiger? Nicht mit Thomas Stamm. Der fachkundige Schweizer Trainer etablierte bei der SG Dynamo Dresden bereits in der Vorsaison klare Muster, Lösungen und Prinzipien im eigenen Ballbesitz. Den Sachsen gelingt es insbesondere durch Rotationsbewegungen (etwa zwischen Außenverteidiger, Flügel und Zentrum) und durch gegenläufige Bewegungen das gegnerische Pressing auszuhebeln.

Dabei ist dem Dresdner Spielaufbau grundsätzlich ein hohes Maß an Dynamik zu attestieren, was sich auch an einem weiteren typischen Spielzug erkennen lässt: Hat der Außenverteidiger, dem generell im Spielaufbau eine bedeutsame Rolle zukommt, den Ball, geht oftmals ein zentraler Mittelfeldspieler tief und sticht in den Halbraum oder weicht mitunter fast schon auf den Flügel aus. Der ballführende Außenverteidiger kann dann entweder ebendiesen Mitspieler bedienen, oder den freigezogenen Raum im Zentrum nutzen und bespielen. Mitunter setzt die Sportgemeinschaft aber auch auf einen langen Ball auf Zielspieler Vincent Vermeij, um das gegnerische Pressing zu überbrücken.

In Anbetracht der Tatsache, dass der 1. FC Nürnberg seit der Endphase der Vorsaison überwiegend Mann-gegen-Mann zustellt, wird es interessant sein, wie der Club gegen den dynamischen Dresdner Spielaufbau auftreten wird, ob Spieler tendenziell übergeben werden oder es ungeachtet der Positionierung im Feld eine klare Zuordnung gibt. In jedem Fall zwingt das SGD-Positionsspiel ihre Gegner zu maximaler Aufmerksamkeit über das gesamte Spiel hinweg.

Fazit

Tatsächlich gibt es valide Argumente, die die Euphorie rund um die SG Dynamo Dresden rechtfertigen. Zugleich blickt auch der 1. FC Nürnberg auf eine erfolgreiche Vorbereitung zurück, hat mit Mohamed Ali Zoma seinen wichtigsten Offensivspieler (bislang) halten können und bringt eines der besten Mittelfeld-Trios der 2. Bundesliga auf den Rasen.

Zudem sind die Kaderplanungen – anders als in der Vorsaison, als man einen fatalen Auftakt erwischte – heuer deutlich fortgeschrittener. Letztendlich, so die Prognose vieler Experten und Beobachter, sind beide Teams zum Saisonende im oberen Tabellenmittelfeld zu erwarten. Eine Platzierung, die insbesondere für Dresden durchaus ein Erfolg, angesichts der gestiegenen Erwartungshaltung aber wohl keine Überraschung wäre.