
Eine schwarze, klebrige Masse quillt an den Seitenrändern der Straßenbahnschienen heraus - dieses Bild ist in Nürnberg derzeit vielerorts zu sehen: Nach Angaben der VAG hat sich die Bitumen-Vergussmasse zwischen Schienen und Fahrbahn aufgrund der tagelangen hohen Temperaturen gelöst.
Bei Bitumen handelt es sich um ein Erdölprodukt, das unter anderem im Straßenbau eingesetzt wird. Im Fall des Nürnberger Straßenbahnnetzes dient das Material als Vergussmasse zwischen den Schienen und dem angrenzenden Asphalt. Doch Bitumen reagiert auf Temperatur: Bei Kälte wird es spröde, bei Hitze weich. In Nürnberg wurde die klebrige Masse so durch die Fahrzeuge aus dem Bereich zwischen Schienen und Fahrbahn herausgezogen, verteilte sich auf den Schienen und setzte sich an Rädern und Fahrwerken der Straßenbahnen fest. Ein sicherer Betrieb sei der VAG zufolge dadurch „nicht mehr gewährleistet“.
Die Folge: Der Straßenbahnverkehr in der fränkischen Metropole ist seit Samstagabend komplett eingestellt. Derzeit laufen die Reinigungsarbeiten an den Gleisen und den Straßenbahnen. Hierfür ist der VAG zufolge eine Spezialfirma beauftragt, die die Gleise mit einem speziellen Wasserstrahl-Verfahren säubert.
Zum ersten Einsatz kam die hinzugerufene Firma aus Ludwigsburg auf der Strecke vom Steinbühler Tunnel bis zum Plärrer. Mit Wasserstrahl und händischer Nachhilfe werden die Trassen ausgespült. In eineinhalb Stunden bewältigt das Gerät rund 1,7 Kilometer - an manchen Ecken muss dafür der Verkehr abgeriegelt werden. Händisch schaffen die Mitarbeiter nur wenige Meter in identischer Zeit.
Im Anschluss an die Teststrecke ist der Weg zum Betriebshof dran sowie die Südost-Schleife bis zum Hauptbahnhof, danach kommen die Trassen nach Worzeldorf, nach Erlenstegen oder dem Tiergarten an die Reihe.
Rund 30 Fahrzeuge betroffen - Rückkehr zum Wochenende erhofft
Parallel wird in der Straßenbahnwerkstatt im Trafowerk an der Reinigung der Bahnen gearbeitet. 55 Bahnen der über 60 Fahrzeuge starken Straßenbahn-Flotte der VAG sind „verklebt“ und müssen in einem Schichtbetrieb rund um die Uhr von der Bitumenmasse befreit werden - es wird händisch und mit Trockeneis gearbeitet - ein Job, der anstrengend ist: Es stinkt, es ist laut. 70 Mitarbeitende sind alleine in der Werkstatt an den Bahnen beschäftigt. Auf den Trassen sind neben der Spezialfirma außerdem 40 bis 50 VAG-Angestellte im Einsatz.
Wie Elisabeth Seitzinger, Sprecherin der VAG, auf Nachfrage unserer Redaktion mitteilt, können pro Tag durchschnittlich lediglich zwei Fahrzeuge gereinigt werden. Am Mittwochnachmittag berichtet Thomas Luber, Geschäftsbereichsleiter Werkstätten Schiene, dass bereits 14 Fahrzeuge gereinigt sind. Der Vorgang sei sehr aufwendig und für die Arbeitenden „enorm anstrengend“, sagt auch Elisabeth Seitzinger. Wann die Straßenbahnen ihren gewohnten Betrieb wieder aufnehmen können, sei derzeit noch nicht absehbar, sagte Seitzinger gegenüber nordbayern.de noch am Dienstagabend. Dass die Straßenbahnen bereits am Mittwoch wieder vollständig rollen könnten, wie zwischenzeitlich geliebäugelt wurde, sei inzwischen ausgeschlossen. Inzwischen geht man von einer Probefahrt am Donnerstagvormittag aus - diese ist dann maßgeblich dafür, wie schnell der Betrieb wieder aufgenommen werden kann.
Die Wiederinbetriebnahme des Straßenbahnnetzes erfolge dann schrittweise, erklärt VAG-Sprecherin Seitzinger. So solle zumindest ein Grundangebot wieder bereitstehen. Aktuell verkehren auf den Außenästen Busse und Taxis, die Fahrgäste zu den nächstgelegenen U-Bahnstationen bringen sollen.
Hitzeschäden könnten VAG mehrere Hunderttausend Euro kosten
Die finanziellen Folgen des Hitzechaos sind erheblich: Die VAG geht davon aus, dass allein die Schäden der vergangenen Tage Kosten in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro verursachen werden - und das Unternehmen bleibt bislang auf diesen Kosten sitzen. Unterstützung von Bund oder Land ist nach aktuellem Stand nicht in Sicht.
Nach Hitze-Chaos in Nürnberg: Was kommt nach der Reinigung?
Wie soll es dann weitergehen? Der fortschreitende Klimawandel wird auch in Zukunft immer wieder Hitzewellen mit sich bringen. Die Bitumen-Vergussmasse hält Temperaturen über rund 40 Grad Celsius nicht stand. Und dennoch setzt die VAG auch nach den Reinigungsarbeiten wieder auf Bitumen. Der Grund: Seitzinger zufolge gibt es derzeit kein anderes geeignetes Material, das das Schienennetz ähnlich gut schützt wie es Bitumen im Normalfall tut. Bei den Herstellern sei man jedenfalls nicht fündig geworden. Derzeit würden sich Verantwortliche mit anderen Verkehrsunternehmen austauschen, um eine Lösung zu finden. Auch ein Uni-Institut sei mit ins Boot geholt worden. „Wir brauchen eine Lösung, die mit dem Klimawandel klarkommt“, so VAG-Sprecherin Seitzinger.
Auch Tipps aus dem Ausland, etwa aus Spanien oder Südfrankreich, würden eingeholt. Da dort aber andere Temperaturspannen herrschen, seien diese nur bedingt auf Nürnberg und Deutschland im Allgemeinen anwendbar.
Kein Einzelfall: Hitzewelle trifft Bayerns Verkehrsinfrastruktur
Das Hitzeproblem betrifft nicht nur Nürnberg: Auch in Würzburg sorgten Hitzeschäden am Sonntag für einen Komplettausfall des Schienenverkehrs. Ebenso hatten die hohen Temperaturen auf einigen Autobahnen ihre Spuren hinterlassen. Etwa die A3 auf einem Abschnitt in Niederbayern musste wegen sogenannter Blow-ups zeitweise gesperrt werden.
Dieser Artikel wurde am 1. Juli um 19.35 Uhr um neue Informationen aktualisiert.
