
41,5 Grad hatte es am 27. Juni 2026 in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt. Ein neuer Allzeit-Temperaturrekord für Deutschland, nachdem schon einen Tag vorher 41,3 Grad in Saarbrücken gemessen worden waren, was ebenfalls neuer Rekord in Deutschland war - zumindest für rund 24 Stunden. Und das ist nicht alles: Vier der fünf höchsten je in diesem Land gemessenen Temperaturen stammen aus der Zeit seit 2015. Die statistischen Schwellenwerte für Hitzetage, Wüstentage und tropische Nächte wurden für den gesamten Sommer bereits im Juni überschritten.
Und in den Kommentarspalten? „Das gab‘s früher auch.“ „Früher war‘s im Sommer auch heiß.“ „Alles Hysterie.“ Wer jetzt denkt, das sei einfach Dummheit oder böser Wille, liegt allerdings falsch - zumindest in den meisten Fällen.
Der US-amerikanische Psychologe Leon Festinger beschrieb in den 1950er Jahren ein Phänomen, das er kognitive Dissonanz nannte: Dabei handelt es sich um den inneren Schmerz, der entsteht, wenn neue Informationen mit bestehenden Überzeugungen kollidieren. Das Gehirn empfindet diesen Widerspruch als echte Bedrohung und tut deswegen alles, um ihn aufzulösen. Nicht unbedingt durch Umdenken, sondern meistens durch das Gegenteil: durch noch stärkeres Festhalten an der alten Überzeugung, durch das aktive Suchen nach Gegeninformationen, durch das Abwerten der Quelle.
Dazu kommt noch ein anderes psychologisches Phänomen: Wer jahrelang öffentlich behauptet hat, der Klimawandel sei übertrieben, politisch motiviert oder schlicht erfunden, hat in diese Position investiert - und zwar nicht nur Zeit und Energie, sondern soziales Kapital: Reputation, Follower, Freundschaften und Familienfrieden. „Sunk Costs“, also „Versunkene Kosten“, ist der in diesem Zusammenhang gerne verwendete Begriff. Eigentlich stammt die Formulierung aus der BWL, doch sie trifft auch in solchen Szenarien zu: Je länger und lauter jemand eine Überzeugung vertreten hat, desto höher sind die psychologischen Kosten des Umdenkens. Hier einen Irrtum einzugestehen, wäre nicht nur eine Korrektur einer Meinung, sondern sogar ein Angriff auf die eigene Identität.
Hitzerekorde werden umgedeutet
In seinem 1956 erschienenen Buch „When Prophecy Fails“ - einer berühmten Feldstudie über eine amerikanische Endzeit-Sekte, die 1954 den Weltuntergang prophezeit hatte - hat Leon Festinger die ganze Problematik dokumentiert: Als die prophezeite Apokalypse (überraschenderweise) ausblieb, begannen die Mitglieder nicht etwa zu zweifeln, sondern sie missionierten anschließend sogar noch intensiver. Die Dissonanz zwischen Erwartung und Realität führte also nicht zum Hinterfragen der eigenen Weltsicht, sondern zum noch stärkeren Beharren darauf.
Genau dieses Muster lässt sich in Klimaleugner-Communitys beobachten. Ein Hitzerekord wird nicht als Widerlegung des eigenen Standpunkts aufgefasst, sondern umgedeutet - beispielsweise als Manipulation der Messstationen oder auch als ganz natürliche Schwankung. Der Confirmation Bias, also die Tendenz, nur Informationen wahrzunehmen, die die eigene Meinung bestätigen, tut dabei sein Übriges: Ein kühler Tag im Mai wird als Beweis gegen den Klimawandel herangezogen, mehr als 41 Grad im Juni verschwinden dagegen als vermeintliche Ausnahme in der geistigen Schublade.
Der norwegische Psychologe Per Espen Stoknes, der seit Jahren zu den psychologischen Barrieren der Klimakommunikation forscht, beschreibt außerdem das Phänomen der psychologischen Distanz: Was abstrakt, weit weg oder in der Zukunft liegt, löst kaum emotionale Reaktion aus. Der Klimawandel als globales, langfristiges Phänomen trifft genau diese Schwachstelle. Selbst dann, wenn er gerade mit Rekordtemperaturen quasi vor der Haustür steht.
Zutiefst menschliche Mechanismen
Angesichts der Geschehnisse drängt sich zunächst möglicherweise eine Frage auf, die sich auch der Autor bereits mehrfach gestellt hat: „Wie zum Teufel kann man nur so verdammt dumm sein?“ Doch trotz berechtigter Fassungslosigkeit greift diese Kritik zu kurz. Schließlich wirken hier Mechanismen, die zutiefst menschlich sind. Kognitive Dissonanz, Confirmation Bias und Identitätsschutz sind keine Pathologien von Verwirrten und Außenseitern, sondern Grundausstattung des menschlichen Gehirns. Jeder Mensch schützt seine Überzeugungen. Der Unterschied liegt nur im Ausmaß und in den Konsequenzen.
Was das für den Umgang mit Klimaskepsis bedeutet, hat Stoknes ebenfalls untersucht: Fakten allein überzeugen selten. Wer jemanden, der seine Identität an eine bestimmte Überzeugung geknüpft hat, mit gegenteiligen Daten konfrontiert, erzeugt meistens nur mehr Dissonanz und damit auch mehr Abwehr. Wirksamer sind persönliche Erfahrungen, lokale Bezüge und das Angebot, das Gesicht zu wahren: Die Aussage, „die Datenlage hat sich verdichtet“, ist in dem Kontext dann doch etwas besser als „Du hast jahrelang kompletten Blödsinn erzählt“.
Ob das reicht, wenn draußen gerade über 41 Grad gemessen werden, ist jedoch noch einmal eine ganz andere Frage, denn sinngemäß lässt sich aus Festingers Arbeit zur kognitiven Dissonanz ableiten, dass unser Denken sehr viel formbarer ist als die physische Realität. Leider gilt das auch dann, wenn diese Realität gerade einen Temperaturrekord nach dem anderen bricht.