Nürnberg - Kaum eine Messe sorgt in Nürnberg für so viele Diskussionen wie die Enforce Tac. Seit Jahren gibt es Proteste - und nun neue politische Kritik. Warum?

Wenn vom 23. bis 25. Februar die Enforce Tac auf dem Nürnberger Messegelände stattfindet, kommt erneut eine umstrittene Fachmesse in die Stadt. Die Veranstaltung versteht sich selbst als „Deutschlands Leitmesse für Sicherheit und Verteidigung“ und hat seit ihrem Start als kleine Tischausstellung im Jahr 2011 kontinuierlich an Größe gewonnen. Für 2026 erwartet die zulassungsbeschränkte Messe rund 1400 Aussteller aus 50 Ländern sowie mehr als 20.000 Fachbesucherinnen und Fachbesucher. Die Fläche umfasst mittlerweile über 60.000 Quadratmeter. Schirmherr ist erstmals Bundeskanzler Friedrich Merz.

Das Wachstum der Messe geht mit zunehmender Kritik einher. In den vergangenen Jahren standen immer wieder Inhalte, Ausrichtung und Präsentationsformen der Messe im Fokus verschiedener gesellschaftlicher Gruppen. In diesem Jahr erreichte die Debatte den Ausschuss für Recht, Wirtschaft und Arbeit des Nürnberger Stadtrats. Die Linkspartei und die Linke Liste brachten jeweils eigene Anträge ein, in denen sie deutliche Konsequenzen fordern.

Von Diehl bis Kärcher: Wer stellt auf der Enforce Tac aus?

Auf der Messe präsentiert sich ein breites Spektrum an Herstellern. Dazu gehören regionale Akteure wie Saab, das in Nürnberg sein größtes deutsches Werk betreibt und inzwischen Premiumpartner des 1. FC Nürnberg ist. Saab, früher für Autos bekannt, entwickelt heute unter anderem Kampfflugzeuge, Torpedos und Bodenwaffen. Auch das Nürnberger Unternehmen Diehl ist mit seiner Sparte Diehl Defence vertreten, die Flugzeugbewaffnung für den Luftkampf und Munition herstellt. US-Unternehmen wie Axon Enterprise und The Safariland Group sind vertreten, die auch die US-Behörde ICE ausstatten. Ergänzt wird das Ausstellerfeld durch Firmen aus zivilen Branchen wie etwa Kärcher sowie Institutionen wie die Industrie- und Handelskammer.

Unter den Ausstellern ist auch die ATG Kriminaltechnik GmbH aus Berlin, die neben Ausrüstung auch T-Shirts und Patches vertreibt. Im Angebot ist etwa ein „Blue Lives Matter“-Shirt mit Punisher-Schädel in Deutschlandfarben oder einen Templer-Patch mit der Aufschrift: „Ich bin nicht gekommen um Frieden zu bringen, sondern das Schwert!“ Ebenfalls vertreten ist Elbit Systems Deutschland, die Tochter eines der größten israelischen Rüstungsunternehmen. Laut unabhängigen Datenbanken stammt ein Großteil der von der israelischen Armee eingesetzten Drohnen von Elbit. Das israelische Militär hat darüber hinaus öffentlich gemacht, dass bewaffnete Drohnen des Unternehmens im Gazastreifen verwendet werden.

Ein fester Bestandteil der Messe ist das sogenannte „Enforce Tac Village“. Dort zeigen Hersteller in Live-Demonstrationen, wie ihre Technologien in realistisch gestalteten Einsatzszenarien funktionieren sollen. Ein solches Setting sorgte bereits 2024 für Kritik, nachdem ein nachgestelltes arabisches Dorf gezeigt worden war.

Die Linke und die Linke Liste fordern Maßnahmen

Die Linke sieht die Messe im Widerspruch zum Selbstverständnis Nürnbergs als „Stadt des Friedens und der Menschenrechte“. Als Gesellschafterin der NürnbergMesse GmbH trage die Stadt eine besondere Verantwortung. Die Waffenmesse verschiebe die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptablen und widerspreche dem Anspruch einer Friedensstadt, Konfliktbearbeitung zivil, deeskalierend und menschenrechtsorientiert zu denken. Kurzfristig fordert die Linke Begrenzungen: keinen städtischen Auftritt in Grußworten oder Logos, klare Mindeststandards für Aussteller und Einschränkungen der realitätsnahen Live-Szenarien im „Enforce Tac Village“. Langfristig soll die NürnbergMesse die Veranstaltung nicht mehr verantworten. Zudem fordert die Fraktion einen menschenrechtsbezogenen Kodex für alle Messeformate.

Auch die Linke Liste moniert Inhalte und Präsentationsformen der Messe. Sie kritisiert die Präsenz israelischer Rüstungsunternehmen wie Elbit Systems. Auch frühere Präsentationen wie das nachgestellte arabische Dorf wertet sie als rassistisch und gewaltverherrlichend. Zudem seien auf Ständen Symboliken aus dem rechten Spektrum zu finden gewesen. Die Linke Liste fordert unter anderem einen vollständigen Zugang für Stadtrat und Presse sowie die Prüfung, wie die Stadt als Gesellschafterin ein langfristiges Ende der Messe in Nürnberg erreichen könnte.

NürnbergMesse GmbH reagiert und weist Forderungen zurück

In einer schriftlichen Stellungnahme reagierte die NürnbergMesse GmbH auf beide Anträge. Darin verweist die Geschäftsführung zunächst auf den sicherheitspolitischen Charakter der Veranstaltung. Angesichts von Angriffen auf kritische Infrastruktur und hybrider Bedrohungslagen sei ein geschützter Austausch zwischen Behörden, Streitkräften, Industrie und Forschung notwendig. Die Messe sei ausschließlich Fachbesuchenden vorbehalten; der Zugang unterliege einem strikten Überprüfungsprozess.

Produkte und Präsentationen müssten deutschem und europäischem Recht entsprechen, so die Messe. Bei Verstößen gebe es klare Maßnahmen bis hin zum Ausschluss von Ausstellern. „Extremismus, Antisemitismus, Gewaltverherrlichung und menschenverachtende Positionen haben auf allen unseren Veranstaltungen keinen Platz, insbesondere nicht auf der Enforce Tac.“ Gleichzeitig sei die Messegesellschaft weder eine staatliche Prüfinstanz noch ein Menschenrechtstribunal. Das Konzept der Enforce Tac reflektiere die aktuelle Bedrohungslage in Deutschland und Europa - es brauche eine wehrhafte Demokratie.

Auch auf das umstrittene „Enforce Tac Village“ wird in der Stellungnahme eingegangen. Die realitätsnahen Demonstrationen seien ein „Unique Selling Point“ und zur Bewertung von Ausrüstung und Technik nötig. Einschränkungen würden den Zweck der Messe unterlaufen.

Den kommunalpolitischen Forderungen erteilt die NürnbergMesse GmbH bei der kurzfristigen Umsetzung für 2026 eine Absage. Eingriffe in laufende Verträge, Änderungen an Sicherheitskonzepten oder eine Öffnung für nicht legitimierte Gruppen seien rechtlich und organisatorisch nicht möglich. Zudem verfüge weder die Stadt noch der Freistaat als Gesellschafter allein über Durchgriffsrechte. Was den geforderten Zugang zur Messe angeht, betonte die Geschäftsführung, man gewähre diesen selbstverständlich dem Amt für Menschenrechte sowie den Fraktionsvorsitzenden, den Wehrbeauftragten und den wirtschafts‑ wie friedenspolitischen Sprecherinnen und Sprechern des Stadtrats.

Linke bewertet Stellungnahme als unzureichend - Protest angekündigt

Kathrin Flach Gomez kritisiert die Antwort als ausweichend. Die NürnbergMesse GmbH rechtfertige die Enforce Tac politisch, vermeide jedoch konkrete Maßnahmen zur Sicherung demokratischer und menschenrechtlicher Standards. Viele der im Antrag genannten Regelungen - etwa Ausschlusskriterien, Vertragsklauseln oder Beschwerdemechanismen - seien aus Sicht der Linken gängige Formen von Governance und keine rechtswidrigen Eingriffe. Zudem bemängelt die Stadträtin der Linken, dass die Messe Berichts- und Transparenzpflichten grundsätzlich ablehne, statt Wege einer umsetzbaren Ausgestaltung zu prüfen.

Protest Enforce Tac 2025
Für alle drei Messetage ist Protest angekündigt. Auch im vergangenen Jahr gab es Widerstand. © privat

Während die Messe kurz vor dem Start organisatorisch weitgehend abgeschlossen ist, bleibt die politische und gesellschaftliche Diskussion um Transparenz, Ausrichtung und Verantwortung bestehen. Der Oberbürgermeister wollte sich auf Nachfrage der Redaktion nicht äußern. Das Amt für Kommunikation und Stadtmarketing verwies auf die schriftliche Stellungnahme der NürnbergMesse GmbH. Ein Bündnis aus über 40 Gruppen hat unter dem Motto „Enforce Tac schließen“ für Samstag um 14 Uhr eine Demonstration am Plärrer angekündigt. Die Kampagne „Enforce Tac Absagen“ ruft zu einem Protest am Dienstag, 24. Februar (16 Uhr), vor der Nürnberger Messe auf. Auch für die anderen beiden Messetage wurden Kundgebungen vor der Messe angekündigt.