Nürnberg - Am Samstag, 17.01.26, wurde das Mercosur-Abkommen beschlossen. Für Bauern aus der Region heißt das: Konkurrenz aus Südamerika. Für die Wirtschaft in Franken ist das Freihandelsabkommen eine Chance auf Aufschwung.

Nach mehr als 25 Jahren Verhandlungen wurde am vergangen Samstag, 17.01.2026, das Mercosur-Abkommen von der EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen in Brasilien unterzeichnet. Am Mittwoch, 21.01.2026, beschloss das Europäische Parlament das Handelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) prüfen zu lassen. Damit wird das Inkrafttreten der neuen Freihandelszone womöglich nochmals verzögert.

Mit dem Abkommen schaffen die europäische Union und die südamerikanischen Mercosur-Staaten eine der weltgrößten Freihandelszonen. Für Bauern aus der Region bedeutet dieses Abkommen: Konkurrenz aus Südamerika. Denn durch das neue Handelsabkommen dürfen bestimmte Mengen an Käse oder Rindfleisch aus den Mercosur-Staaten billiger nach Deutschland exportiert werden. Landwirte in ganz Deutschland sorgen sich nun, dass die Verbraucher vor allem auf das günstigere Fleisch aus dem Ausland umsteigen werden.

Niedrigere Auflagen in Südamerika führen zu billigeren Preisen

Isabella Timm-Guri, Direktorin des Fachbereichs Erzeugung und Vermarktung des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) berichtet, dass die Landwirte befürchten in einen unfairen Wettbewerb gezogen zu werden. In der EU hätten sie hohe Anforderungen zu erfüllen, während in Südamerika niedrigere Standards in der Erzeugung gelten. Dadurch kann das Fleisch aus den Mercosur-Staaten in Deutschland billiger verkauft werden. Bei den Preissenkungen mitzuhalten, können sich deutsche Landwirte jedoch oft nicht leisten, wenn sie die nationalen Standards in den Bereichen Hygiene, Tierschutz oder Umwelt einhalten, so Christian Huber, Geschäftsführer der Geschäftsstelle Nürnberg des BBV.

Massiver Wettbewerber für mittelfränkische Betriebe

Laut Dieter Förster, Vorsitzender des Fleischerzeugerrings Mittelfranken, seien durch das Mercosur-Abkommen besonders die kleinen Erzeugungsbetriebe in Mittelfranken betroffen. „Bei den Strukturen in Mittelfranken sollten die Auswirkungen noch größer sein“, so Förster. Die Erzeugung in Mittelfranken sei gerade im Bereich der Regionalität stark vertreten und bekomme durch die Mercosur-Staaten einen massiven Wettbewerb, wenn es um die Preisführerschaft gehe, erklärt Förster. Dabei würden viele Verarbeiter von Fleischprodukten, zum Beispiel Gasthäuser, Wursthersteller oder Kantinen, auch auf günstigeres Fleisch ohne Haltungs- und Herkunftsangaben zurückgreifen. Besonders kleinere Erzeugungsbetriebe, die aktuell noch nicht auf die Haltungsform zwei oder höher umgestellt haben, oder aus Kostengründen nicht umstellen können, seien dadurch gefährdet. Denn die Produkte dieser Betriebe fallen nicht in die Kategorie der beliebten Biolebensmittel.

Trotz geringer Menge werden Folgen zu spüren sein

Befürworter des Mercosur-Abkommens merken immer wieder an, dass die 99.0000 Tonnen des neu importieren, südamerikanischen Rindfleisches, nur etwa 1,6 Prozent der gesamten EU-Rindfleischproduktion ausmacht. Timm-Guri merkt in diesem Zusammenhang jedoch an: „Das ist keine aussagekräftige Zahl für die Problematik die wir sehen.“ Das Problem sei, dass Produkte mit anderen Standards in der Herstellung nach Deutschland kommen und für einen unfairen Wettbewerb sorgen. Um den deutschen Rindfleischmarkt stehe es aktuell nicht schlecht. Laut Timm-Guri läge dies jedoch an dem knappen Angebot hierzulande. „Wenn dieses Angebot erhöht wird, könnte dieser Zustand kippen“, so Timm-Guri. Sie betont auch, dass es bei den Rindfleisch-Importen vor allem um sogenannte Edelteile gehe. Das sind oft die teuersten Teile vom Tier, wie zum Beispiel Filets. Bei diesen Edelteilen haben die Importe laut Timm-Guri einen Anteil von etwa 15 Prozent. Dadurch entstehe größerer wirtschaftlicher Schaden bei den heimischen Landwirten.

Gute Nachricht für mittelfränkische Wirtschaft

Während viele deutsche Bauern gegen das Mercosur-Abkommen protestieren, steht die Industrie- und Handelskammer der neuen Freihandelszone positiv gegenüber. „Die Zustimmung der EU-Staaten zum Mercosur-Abkommen ist eine sehr gute Nachricht – und zwar sowohl für die Weltwirtschaft als auch für die exportorientierte mittelfränkische Wirtschaft“, so Präsident der IHK Nürnberg für Mittelfranken, Dr. Armin Zitzmann, in einer Pressemitteilung. Die Unternehmen bekämen nun einen deutlich besseren Marktzugang zu den Mercosur-Staaten. Bisher sei der Austausch mit diesen Ländern oft mit zahlreichen Hürden, wie hohen Zöllen, unterschiedlichen Standards oder einem schwierigeren Zugang zu den Beschaffungsmärkten verbunden, heißt es in der Mitteilung.

Mehr Sicherheit und Unabhängkeit für Europa

Durch das Mercosur-Abkommen sollen innerhalb von zehn Jahren 91 Prozent der Zölle auf EU-Exporte abgeschafft werden. Das allein dürfe dem Handel mit Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay neuen Schwung verleihen, erklärt die IHK. Weiter heißt es, dass das Mercosur-Abkommen dafür sorgen wird, die Lieferketten der europäischen Wirtschaft zu diversifizieren. Das bedeutet, dass Europa seine wichtigen Rohstoffe nicht mehr aus nur wenigen Ländern bezieht, sondern aus mehreren unterschiedlichen Staaten. Das sorgt für mehr Sicherheit und Unabhängigkeit.

Maschinenbau und Automobilbranche in Franken profitieren besonders

Stefanie Lorenz von der IHK Nürnberg für Mittelfranken erklärt in einem Gespräch mit unserer Redaktion, dass von dem Mercosur-Abkommen in Mittelfranken insbesondere der Maschinenbau, die Automobilzulieferer und der Bereich erneuerbare Energien profitieren werden. „Mit Blick auf geplante Infrastrukturmaßnahmen in dieser Region werden unsere regionalen Global Player durch das Abkommen ebenfalls profitieren“, so Lorenz. Das Mercosur-Abkommen könne zudem dazu beitragen, die Verluste bei den US-Exporten abzufedern. „Deshalb dürfen wir bei der Umsetzung nicht noch mehr Zeit verlieren, sondern müssen rasch handeln!“, rät Lorenz. Die IHK hoffe, dass der handelspolitische Teil des Abkommens zügig zur Anwendung kommt.

Niedrigere Preise für Verbraucher

Auch der Handelsverband Bayern sieht in dem neuen Abkommen gute Chancen für die bayerische Ökonomie. Der Kern des Abkommens, Zölle abzubauen, sei im Sinne der Wirtschaft, sagt Bernd Ohlmann, Pressesprecher des Handelsverband Bayern (HBE). Der deutsche Wettbewerb im Lebensmittelbereich sei sehr hoch. Wenn ein Anbieter nun günstiger wird, würden die Anderen nach ziehen, so Ohlmann. In Zeiten, in denen Inflation und hohe Lebensmittelpreise herrschen, würden Verbraucher davon profitieren, dass Preise sinken und das Angebot erhöht wird.

Der Pressesprecher des HBE entkräftet die Sorgen der regionalen Bauern. Durch das Abkommen wird es nicht so sein , dass regionale Bauern „am ausgestreckten Arm verhungern“ werden, meint Ohlmann. Er ergänzt: „Es wird nicht so heiß gegessen wie gekocht wird.“ Ohlmann merkt zudem an, dass regionale Lebensmittel seit vielen Jahren bei den Verbrauchern im Trend seien. „Die Leute wollen, dass ihr Geld in der Region bleibt“, sagt Ohlmann.

Forderung nach verpflichtender Kennzeichnung der Herkunft

Dieter Förster berichtet in diesem Zusammenhang jedoch, dass die Verbraucher oft gar keine Rückschlüsse auf die Herkunft der Ware ziehen könnten. „Der Verbraucher wird eine Nürnberger Bratwurst mit regionalem Schweinefleisch nicht von südamerikanischem, importieren Fleisch unterscheiden können“, klagt Förster. Der Vorsitzende des Fleischerzeugerrings Mittelfranken warnt, dass „anonymes Fleisch“ für die regionale Vermarktung „absolut schädlich“ sei. „Alle Betriebe mit Fleischverarbeitung können uns verloren gehen“, so Förster.

Sein Wunsch an die Politik ist klar: „Die Herkunftskennzeichnung des Fleischs muss verpflichtend eingeführt werden.“ Die Kennzeichnung von fränkischen Produkten wie der Nürnberger Bratwurst oder der Gelbwurst, dürfe nicht verwirren oder verfälscht werden. „Wo mittelfränkisches Fleisch als Wertbestandteil draufsteht, muss auch zu 100 Prozent mittelfränkisches Fleisch verarbeitet worden sein“, sagt Förster.

Gleiche Bedingungen in Südamerika und Deutschland

Wie könnte das Mercosur-Abkommen funktionieren, damit die deutschen Bauern damit einverstanden wären? Christian Huber, vom BBV Nürnberg, hat dazu eine klare Meinung: „Die Bedingungen sollen fair und vergleichbar sein.“ Die Anbautätigkeiten sollen laut Huber in den Mercosur-Staaten genauso sein, wie in Deutschland. Damit meint er gleiche Voraussetzungen bei der Tierhaltung, Pflanzendüngung oder den Hygienevorschriften. Isabella Timm-Guri betont, dass der Bayerische Bauernverband nicht grundsätzlich gegen das Abkommen sei. Qualitätsstandards des Herstellungsprozesses der Produkte in den Verhandlungen jedoch berücksichtigt werden müssen. Südamerikanisches Fleisch ohne Zertifizierung zu importieren sei unfair den europäischen Bauern gegenüber.Huber appelliert außerdem an die Verbraucher: „Wenn man qualitativ hochwertige Lebensmittel aus der Region haben möchte, muss man mehr Geld ausgeben.“ Er rät den Käufern, weniger, dafür aber Fleisch aus besseren Haltungsbedingungen zu essen.

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