Nürnberg - In einem offenen Brief an den bayerischen Landwirtschaftsminister fordern 350 Tierärzte das Ende der Anbindehaltung, einer für Rinder nicht artgerechten Haltungsform. Unterstützung kommt vom Deutschen Tierschutzbund.

„Nicht artgerecht und eine Belastung für Körper und Psyche.“, so lautet das Verdikt von 350 Tierärzten für die sogenannte Anbindehaltung von Rindern. In einem offenen Brief an den bayerischen Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) kritisieren die Veterinäre die umstrittene Praxis und drängen vor dem Hintergrund der Grünen Woche in Berlin auf ein zügiges Verbot. „Leiden zu verhindern“ sei ihre Pflicht.

„Als Tierärztinnen und Tierärzte, die täglich mit der Gesundheit und dem Wohlergehen von Nutztieren befasst sind, wenden wir uns mit großer Sorge an Sie. Nach wie vor werden in Deutschland, insbesondere in Süddeutschland, rund eine Million Rinder in Anbindehaltung gehalten – eine Haltungsform, die aus unserer tierärztlichen Sicht nicht vertretbar ist.“, heißt es in dem Traktat, das unter anderem Foodwatch vorliegt. Auch der Deutsche Tierschutzbund unterstützt die Forderung.

Mangelnde Körperpflege und gesundheitliche Probleme – Bayern weiter ganz vorn bei Anbindehaltung

Anbindehaltung ist eine Methode, bei der Rinder über längere Zeiträume, teils ganzjährig, an einem festen Platz im Stall mit Ketten oder festen Halsrahmen fixiert werden, was ihre Bewegungsmöglichkeiten massiv einschränkt, sodass sie oft nur stehen oder liegen, sich aber nicht frei bewegen, umdrehen oder laufen können. Sie fressen, schlafen und erledigen ihre Notdurft an diesem Platz, was zu Stress, mangelnder Körperpflege und gesundheitlichen Problemen führen kann, da die Tiere ihre natürlichen Bedürfnisse kaum ausleben können. Die Tiere haben keine Möglichkeit, sich zu wälzen oder nah bei ihrer Herde zu sein.

Laut Tierschutzbund ist die Fläche, die Rindern bei dieser Haltungsform im Stall zur Verfügung steht, häufig sogar so klein, dass sie nicht alle gleichzeitig liegen können. Dann behindern oder verletzen sie sich sogar gegenseitig. In Deutschland leben rund 950.000 Rinder in Anbindehaltung. Vor allem in Bayern gibt es laut BR noch viele solche Ställe: Von den gut 22.000 Milchviehbetrieben im Freistaat halten knapp die Hälfte (rund 10.000) die Tiere noch in Ställen mit Anbindehaltung.

„Anbindehaltung darf nicht länger Teil der Nutztierhaltung in Deutschland sein“

Die 350 Unterzeichner des offenen Briefes appellieren deshalb eindringlich an Gesundheitsminister Rainer, „sich für ein verbindliches und zeitnahes Ende der Anbindehaltung einzusetzen.“ Ein klarer gesetzlicher Rahmen mit realistischen Übergangsfristen und gezielten Förderprogrammen für tiergerechte Haltungsformen sei notwendig, um Landwirten Planungssicherheit zu geben und gleichzeitig das Tierwohl zu verbessern.

Die Anbindehaltung schränke die artgemäße Bewegungsfreiheit der Tiere erheblich ein. Rinder könnten bei dieser Haltungsform weder ihr natürliches Sozialverhalten ausleben, noch ihrem Bewegungsdrang nachkommen, was nachweislich zu physischen und psychischen Belastungen führe, die vermeidbar wären. „Es ist unsere Pflicht, Leiden zu verhindern. Maßnahmen, die den Tieren unnötiges Leid zufügen, verstoßen nicht nur gegen das Tierschutzrecht, sondern widersprechen auch grundlegenden Prinzipien der Tiermedizin. Als Fachleute für Tiergesundheit und Tierschutz stehen wir bereit, um konstruktive Lösungen zu erarbeiten. Doch eines ist klar: Die Anbindehaltung darf nicht länger Teil der Nutztierhaltung in Deutschland sein.“, so die Tiermediziner.

Tierschutzbund unterstützt Forderung der Veterinäre

Unterstützung für die Forderung der Veterinäre nach einem sofortigen Ende der Anbindehaltung von Rindern kommt vom Deutschen Tierschutzbund. Thomas Schröder, Präsident der Organisation, hält fest: „Die Anbindehaltung ist ein klarer Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Wenn Rinder mit Ketten oder starren Halsrahmen angebunden sind, können sie sich nicht drehen, sich nicht am Rücken lecken, wenn es kratzt, und schon gar nicht umherlaufen oder ihr Sozialverhalten ausleben. Diese Haltung verletzt die grundlegenden Bedürfnisse der Tiere.“ Schröder postuliert: „Die tierschutzwidrige Anbindung von Rindern muss konsequent für alle Tiere beendet werden – sowohl die ganzjährige als auch die saisonale Anbindehaltung.“