
Es ist eines dieser Wörter, die man im modernen Fußball-Duktus zuhauf hört: Momentum. Vielleicht lässt sich mit diesem Begriff der 3:1-Auswärtssieg des 1. FC Nürnberg beim FC St. Pauli erklären. Denn: Die bessere und gefährlichere Mannschaft an diesem Tag hat verloren. Wer das Spiel verfolgt hat, könnte die Nürnberger Ausbeute als unverdient bewerten – und liegt damit aber nur zum Teil richtig.
Reichert, Kampfgeist und Effizienz
Einer der Gründe, warum der Club an diesem Tag drei Punkte entführen konnte, hört auf den Namen Jan Reichert. Insbesondere im ersten Durchgang hielt der 25-Jährige den 1. FC Nürnberg im Alleingang im Spiel und trug maßgeblich dazu bei, dass nur einer von 24 Torschüssen letztlich im Netz landete. Der Datenanbieter Fotmob.com beziffert die Leistung des Schlussmanns mit sechs Paraden und 2,16 verhinderten Toren. Folgerichtig adelte unter anderem der gegnerische Trainer den Nürnberger Matchwinner als „super Torwart“.
Ebendieser „super Torwart“ nahm sich aber in der Nachbetrachtung selbst aus dem Fokus und führte ein weiteres Argument an, womit sich der Club den auf den ersten Blick unverdienten Sieg verdiente: „Ich will mich da auch nicht rausheben. Wir haben als Mannschaft beherzt verteidigt und haben alles reingeworfen. Wenn ich dem Team dann in zwei, drei Aktionen helfen konnte, ist das schön. Ich bin sehr glücklich, dass wir das Spiel heute gezogen haben.“ Tatsächlich zeigte der 1. FC Nürnberg vor allem im zweiten Durchgang eine leidenschaftliche Arbeit gegen den Ball – eine Qualität, die anderen fußballerisch ähnlich versierten Teams an solch schwierigen Tagen oftmals fehlt.
Aber: Gekämpft haben die Gastgeber auch. Was den späteren Sieger vom Verlierer unterschied, waren – wie in jedem Spiel – die Tore, in diesem Fall aber ganz explizit auch die Chancenverwertung. Könnte man den ersten Treffer, das Eigentor von Eric Smith, noch als glückliche Fügung abstempeln, so steht exemplarisch das Tor von Sigurd Haugen für Aktivität im Spiel gegen den Ball, Kaltschnäuzigkeit und die Qualität der Joker. Mit Marc Kornwachs traf ein weiterer Spieler, der erst im Laufe der Partie eingewechselt wurde. „Ich habe in der Halbzeit zur Mannschaft gesagt, dass die Einwechselspieler heute dieses Spiel entscheiden werden. So war es auch und ich gönne es den Jungs von Herzen“, sagte Cheftrainer Miroslav Klose nach dem Sieg.
Im Stile einer Spitzenmannschaft - oder?
Man kann also behaupten, der 1. FC Nürnberg habe im vielzitierten „Stile einer Spitzenmannschaft“ gewonnen: Man war nicht die bessere Mannschaft, hat nicht dominiert, hatte kaum Chancen – und geht dennoch dank individueller Qualität, höchsteffizienter Chancenverwertung und dem nötigen Momentum als Sieger vom Platz. Diese Behauptung wäre valide, zumal der Club etwa gegen Kaiserslautern noch das Gegenteil erleben musste.
So verlockend das Narrativ der abgezockten Spitzenmannschaft aber auch sein mag: Ein Blick auf das große Ganze mahnt zur sportlichen Demut. Siege wie der am Millerntor sind im Fußball wunderschöne Momentaufnahmen, stehen statistisch gesehen aber auf einem Fundament, das sich auf Dauer nur schwer replizieren lässt. Das legen auch die nackten Zahlen der bisherigen Saison nahe, die eine bemerkenswerte Ausgeglichenheit aufzeigen. Über alle zehn Partien hinweg erspielte sich der 1. FC Nürnberg 18,85 Expected Goals und ließ zugleich 18,84 Expected Goals der jeweiligen Gegner zu. Der Unterschied ist verschwindend gering und deutet statistisch eher auf eine Platzierung im gesicherten Mittelfeld hin.
Oft gewinnt man solche Spiele nicht
Tatsächlich grüßt der 1. FC Nürnberg nach zehn Spieltagen aber vom zweiten Tabellenplatz. Die Fußball-Analytik lehrt jedoch, dass eine solche Diskrepanz zwischen Erwartungswert und Realität selten über eine komplette Saison Bestand hat – irgendwann greift meist die Regression zur Mitte. Das muss für die kommenden Wochen kein Grund zur Sorge sein, wohl aber ein Auftrag.
Wenn der Club seinen aktuellen Höhenflug langfristig rechtfertigen will, darf er sich nicht – wie gegen St. Pauli – dauerhaft auf Spielglück, Joker-Magie und Einzelleistungen verlassen. Denn dass das Spielglück dem FCN an diesem Tag so derart hold war, lässt sich nicht beliebig oft kopieren. Um in der Aufstiegszone zu bleiben, wird die freilich noch junge Elf von Trainer Miroslav Klose eine gewisse Konstanz auf den Platz bringen müssen. Man muss das Glück eben nicht nur strapazieren, sondern erzwingen.
Oder um es mit den Worten des gegnerischen Trainers Marcel Rapp zusammenzufassen: „Schlussendlich fallen dann viele 50/50-Duelle und Entscheidungen gegen uns, wodurch dann so ein Spiel zustande kommt.“ Genau das ist es eben, worum sich im Fußball alles dreht: das Momentum. Aktuell hat der Club es auf seiner Seite.

