
„Es fühlt sich irgendwie komisch an“, gab David Nemeth Einblick in seine Gefühlswelt nach dem 1:1-Remis des FC St. Pauli bei Hannover 96. Dass sich der Österreicher mit einer Einschätzung der Partie derart schwer tat, lässt sich sicherlich mit der Diskrepanz zwischen der großen Ambition und der zugleich schwachen Form des Gegners begründen – aber nicht nur.
Auch der FC St. Pauli selbst trägt in der laufenden Saison maßgeblich dazu bei, ähnlich wenig greifbar zu sein wie das Ergebnis am achten Spieltag: Die Remis-Könige der 2. Bundesliga (sechs Unentschieden) sind auswärts gleichermaßen sieglos und ungeschlagen, konnten in den vergangenen fünf Partien nicht besiegt werden, ließen aber bei den beiden Teams, die derzeit auf direkten Abstiegsrängen stehen, zuletzt auch insgesamt vier Punkte liegen. Außerdem scheint sich das Team defensiv zu stabilisieren, verliert aber zeitgleich noch weiter die ohnehin mäßige Durchschlagskraft in der Offensive.
Die Defensive
Eigentlich hat sich beim FC St. Pauli wenig geändert. Das Prunkstück ist – wie bereits unter Trainer Alexander Blessin – die Defensive, insbesondere in den letzten Wochen. Nach einem schwierigen Saisonstart mit nur drei Punkten und dafür sieben Gegentoren aus den ersten vier Spielen hat sich der Kiezklub inzwischen stabilisiert. In den jüngsten fünf Partien musste Torwart Ben Voll nur zwei Gegentreffer hinnehmen.
Diese Entwicklung belegt auch ein Blick auf die erwarteten Gegentore: Verglichen mit den ersten vier Spieltagen (1,42) konnten die Boys in Brown ihren xGA-Wert laut fotmob.com an den Spieltagen fünf bis neun deutlich senken (1,07). Insgesamt stellt der FC St. Pauli die zweitbeste Defensive (nur neun Gegentore) und lässt auch die zweitwenigsten Expected Goals zu (11,0). Zum Vergleich: Der Club steht mit 16,2 Expected Goals Against nur auf dem 16. Platz in dieser Tabelle.
Dass die Hamburger abermals eine derart stabile Abwehr stellen können, war einerseits nicht selbstverständlich, andererseits dennoch erwartbar. Nicht selbstverständlich, weil man mit Hauke Wahl, Nikola Vasilj, Karol Mets und Manolis Saliakas gleich vier Leistungsträger aus dem Defensivverbund im Sommer abgeben musste. Dennoch erwartbar, weil Neu-Coach Marcel Rapp auch schon bei Holstein Kiel für eine sehr kontrollierte und disziplinierte Defensivarbeit stand und damit hervorragend zum FC St. Pauli passte. Anders gesagt: Rapp sollte und kann die Stärken der Kiezkicker – wenngleich mit teilweise anderen Spielern – weiter stärken, die Schwächen bleiben aber weiterhin bestehen.
Die Offensive
Wie bereits in den beiden Bundesliga-Jahren hapert es beim FC St. Pauli eher vor dem gegnerischen Tor. In den vergangenen beiden Saisons stellte der Kiezklub mit 28 und 29 Toren jeweils die schwächste Offensive im deutschen Fußball-Oberhaus, konnte diesen fehlenden Punch aber im ersten Jahr noch mit einer bockstarken Defensive kompensieren. Auch in der laufenden Spielzeit durften nur fünf Zweitligisten noch weniger Tore bejubeln als die Boys in Brown.
Insbesondere in der Bundesliga argumentierte man noch mit fehlender individueller Qualität – in der 2. Bundesliga hingegen haben Offensivverstärkungen der jüngeren Vergangenheit wie Martijn Kaars und Branimir Hrgota ihre Qualitäten bereits nachgewiesen, allerdings noch nicht im braunen Trikot. Erschwerend hinzu kommt, dass mit Mathias Pereira Lage der potenzielle Kreativkopf und Feinfuß des Pauli-Kaders mindestens bis zum Ende des Kalenderjahres aufgrund eines Kreuzbandriss ausfallen wird. Ein klassischer Spielmacher fehlt schmerzlich, was sich auch in nur 12,2 xG (Platz 14) niederschlägt. Wie schwer sich der FC St. Pauli tut, überhaupt gefährlich vors Tor zu kommen, zeigt auch die Anzahl der Ballkontakte im gegnerischen Strafraum – in dieser Kategorie schnitt nur ein Team noch schlechter ab.
Die Aufgabe, Chancen zu kreieren, kommt stattdessen insbesondere den beiden Schienenspielern im 3-5-2 zu: Louis Oppie und Arkadiusz Pyrka bringen eine hohe Flankenqualität mit und bereiteten in dieser Saison gemeinsam bereits drei Treffer vor. Nur zwei Teams nutzen das Stilmittel Flanke noch häufiger (5,8 Flanken pro Spiel), wobei die Flankengenauigkeit von 27,5 Prozent zu den Topwerten in der 2. Bundesliga zählen.
Der aktuell formstärkste Angreifer der Rapp-Elf hört auf den Namen Abdoulie Ceesay und steht bei vier Toren aus sieben Spielen. Ebenso wie nahezu alle anderen Angreifer im Kader zählt das Tempo und die Tiefenläufe besonders zu den Stärken des 22-Jährigen, der gegen Nürnberg mutmaßlich an der Seite von Youssoupha Niang stürmen dürfte. Entsprechend ist insbesondere bei Kontern hohe Vorsicht geboten.
Fazit
Was man dem FC St. Pauli zu Gute halten muss, ist, dass der Klub – anders als andere Absteiger – keinen Schiffsbruch erleidet, sondern sich im oberen Mittelfeld der 2. Bundesliga zu etablieren scheint. Für niedrigere Gefilde ist die Defensive zu stabil, für höhere Gefilde mangelt es an verlässlicher Offensivqualität.
Für den 1. FC Nürnberg, der seit über zehn Jahren auf einen Sieg gegen den Kiezklub wartet, wird es insbesondere darum gehen, im Ballbesitz eine gute Restabsicherung zu finden, um etwaige Konter der schnellen Pauli-Angreifer zu verhindern, und zugleich im eigenen Spiel mit Ball vor allem die Flügel zu attackieren und die dortige Überzahl auszunutzen.

