
Im September haben sich in Europa die ungewöhnlich warmen und trockenen Bedingungen des Sommers fortgesetzt. In Westeuropa war es gemeinsam mit dem September 2023 der wärmste September seit Beginn der Aufzeichnungen, wie der EU-Klimawandeldienst Copernicus mitteilte. Die Temperatur lag 2,51 Grad über dem Mittel der Jahre 1991 bis 2020.
Die Region hatte zuvor bereits ihren wärmsten Sommer seit Messbeginn erlebt. Für Europa insgesamt war es der drittwärmste September. Doch bedeutet das auch, dass Schnee zu Weihnachten in unseren Breitengraden immer unwahrscheinlicher wird? Nicht nur der Klimawandel spielt dabei eine Rolle, auch das Wetterphänomen El Niño kann beeinflussen, ob sich Franken zu Weihnachten in ein Winterwunderland verwandeln kann oder nicht - und das Wetterphänomen bricht schon jetzt, vor seinem eigentlichen Höhepunkt im Dezember, Rekorde.
So funktioniert El Niño
Die natürliche Klimaschwankung El Niño / Southern Oscillation (ENSO) entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel von Ozean und Atmosphäre. Im Schnitt alle zwei bis sieben Jahre erwärmt sich der östliche tropische Pazifik meist um die Weihnachtszeit, daher die Bezeichnung El Niño, das bedeutet auf Spanisch „das Christkind“, erklärt das Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Einer der stärksten El Niños, der 1997 stattfand, forderte durch seine Extremwetterereignisse über 23.000 Menschenleben und verursachte Schäden in Höhe von 33 Milliarden US-Dollar.
Normalerweise wehen starke Passatwinde vom im Osten gelegenen Südamerika nach Westen, in Richtung Australien und Asien. Die Winde schieben auch das warme Oberflächenwasser nach Asien. Vor der Küste Südamerikas steigt deshalb kaltes, nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe des Ozeans nach oben. Das sorgt dafür, dass es in Asien viel regnet und es vor Südamerika eher trocken und kühler ist. Während eines El Niño verändert sich diese Zirkulation, die Passatwinde schwächen ab und dort, wo es normalerweise viel regnet, bleibt es trocken, dort, wo es eigentlich trockener wird, regnet es.
El Niño 2026 könnte Rekorde brechen
2026 soll das Wetterphänomen allerdings besonders extrem ausfallen: Die für El Niño entscheidende Meeresregion ist aktuell so warm wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen. Laut Daten der Plattform „Climate Reanalyzer“ der University of Maine hat die durchschnittliche Meeresoberflächentemperatur in der sogenannten Niño-3.4-Region erstmals die 30-Grad-Marke geknackt (Stand 5. Oktober). Damit liegt sie 3,39 Grad über dem Durchschnitt des Referenzzeitraums von 1991 bis 2020. Die Temperaturkurve entwickelte sich in den vergangenen Wochen fast kontinuierlich nach oben und liegt deutlich über allen Vorjahreskurven. „Niño 3.4“ ist eine geografische Region im zentralen und östlichen Pazifik und gleichzeitig ein wichtiger Klimaindex, um das El-Niño-Phänomen zu messen.
Der Klimaphysiker Helge Gößling vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven erklärte, eine solche Temperatur habe es seit Beginn der Messungen und ziemlich sicher auch weit davor noch nie gegeben. Man könne „mittlerweile klar von einem außergewöhnlichen ‚Super‘-Ereignis sprechen“. Die starken El Niños von 1997 und 2015 seien dort zu dieser Jahreszeit mehr als ein ganzes Grad kühler gewesen.
Im Gesamtdurchschnitt der Ozeane lagen die Temperaturen an der Oberfläche laut „Climate Reanalyzer“ zuletzt bei 21,08 Grad – ebenfalls deutlich über allen Werten der Vorjahre. Im Verlauf dieses Jahres lagen sie zeitweise aber bereits noch höher. Diese Werte beziehen sich auf die Regionen zwischen dem 60. südlichen und dem 60. nördlichen Breitengrad, die Polarregionen werden also ausgeklammert.
Womöglich stärkster El Niño seit 1950
Die Weltwetterorganisation (WMO) geht in einer neuen Prognose davon aus, dass die Oberflächentemperaturen im zentralen und östlichen Pazifik zwischen Oktober und Dezember auf weitere neue Höchststände steigen werden. Gleichzeitig werde sich der diesmal besonders extrem ausfallende El Niño weiter verstärken, bis er voraussichtlich im Dezember seinen Höhepunkt erreichen werde. „El Niño ist angekommen und gewinnt rasch an Stärke“, erklärte WMO-Chefin Celeste Saulo.
Die Prognosen der WMO deuteten mit nahezu 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit darauf hin, dass der El Niño bis Februar 2027 anhält – „womit er möglicherweise zu den stärksten seit mindestens 1950 zählen würde“, so Saulo. 1950 begannen nach WMO-Angaben die Aufzeichnungen.
Milder Winter wahrscheinlich - Schnee trotzdem nicht ausgeschlossen
„So eine Konstellation hatten wir noch nie. Das macht diesen Winter so spannend wie lange keinen mehr“, sagt Diplom-Meteorologe Dominik Jung. In Nord- und Südamerika kenne man die Folgen eines starken El Niño, in Europa sehe das anders aus und lasse viel Spielraum an Möglichkeiten.
Bisher hätten Super-El-Niños Europa eher milde Winter beschert. „Aber jeder El Niño ist anders. Gerade wenn er so extrem ausfällt, können die Karten in Europa völlig neu gemischt werden“, sagt Jung. Die Langfristmodelle rechnen derzeit für Dezember mit leicht überdurchschnittlichen Temperaturen. Doch ein insgesamt milder Monatsmittelwert schließt kurze, knackige Kältephasen und damit auch Schnee nicht aus. Ob die für Schnee nötige Kälte und der dazugehörige Niederschlag allerdings pünktlich Heiligabend Franken erreichen, darüber lasse sich derzeit noch keine seriöse Prognose abgeben.
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