
Der Welthundetag wird jedes Jahr am 10. Oktober gefeiert. Nicht zu verwechseln mit dem Internationalen Hundetag (International Dog Day), der jedes Jahr am 26. August gefeiert wird und seinen Ursprung in den USA hat. Ziel des Aktionstages ist es, daran zu erinnern, dass Hunde im Alltag vieler Menschen eine bedeutende Rolle spielen. Doch für ein harmonisches Zusammenleben zwischen Mensch und Hund ist es wichtig, dass sich Zwei- und Vierbeiner auch verstehen und es gemeinsame Regeln und Routinen gibt. Aus diesem Grunde räumen wir heute mit fünf der größten Mythen rund ums Thema Hundeerziehung auf.
Jacqueline Bachhäubl ist Hundeverhaltenstrainerin aus Fürstenfeldbruck. In ihren Kursen coacht die ausgebildete Tierpsychologin Menschen im richtigen Umgang mit ihren Hunden. Mit ihrem Wissen ist sie auch als Hundeexpertin für Zooplus tätig, einer Internethandelsplattform für Heimtierbedarf.
„Warum haben wir eigentlich einen Hund an unserer Seite? Für die meisten von uns ist er Familienmitglied und ein ziemlich guter Freund, mit dem wir durch dick und dünn gehen. Und genau deshalb finde ich es wichtig, die Welt immer wieder ein Stück weit durch seine Augen zu sehen: Was braucht mein Hund? Warum verhält er sich gerade so? Und wie können wir unseren Alltag so gestalten, dass er für uns beide gut funktioniert?“ Das sind die Fragen, mit denen sich Bachhäubl tagtäglich beschäftigt.
Viele vermeintliche goldene Regeln der Erziehung und der Denkweise von Hunden stammen aus Zeiten, bevor das Verhalten von Hunden psychologisch analysiert wurde und basieren daher oft auf Dominanz und Härte. Doch die Verhaltensforschung der vergangenen Jahre habe dafür gesorgt, dass man inzwischen dazu gelernt hat.
„Mir geht es dabei überhaupt nicht darum zu sagen: ‚Das hast du bisher falsch gemacht.‘ Im Gegenteil. Je besser wir unsere Hunde verstehen, desto mehr Möglichkeiten haben wir, gemeinsam gute Lösungen für uns zu finden.“, so Bachhäubl.
Mythos Nummer 1: „Wenn ich meinen Hund tröste, verstärke ich seine Angst“
Gerade rund um Silvester hält sich dieser Mythos sehr hartnäckig: Der Hund hat Angst, also soll man ihn möglichst nicht beachten, damit man ihn darin nicht noch „bestärkt“. Dabei werden aber laut Bachhäubl zwei Dinge vermischt: Wenn in der Lerntheorie von Verstärkung gesprochen wird, geht es um das Verstärken von Verhalten. Angst dagegen ist eine Emotion. Diese Angst mache man allerdings nicht einfach dadurch größer, dass man dem Tier Sicherheit oder Zuwendung anbietet. Natürlich könne ein Hund lernen, bei Unsicherheit häufiger die Nähe seines Menschen zu suchen, wenn sie ihm hilft – also ein Verhalten zu zeigen. Das bedeute aber nicht, dass er dadurch mehr Angst hat, erklärt die Tierpsychologin. „Er hat gelernt, wo er Unterstützung findet. Und würden wir uns das nicht auch genau für uns selbst wünschen in so einer Situation?“ Zuwendung heiße demnach auch nicht automatisch Streicheln. Der eine Hund möchte Körperkontakt, der andere lieber in seiner Höhle liegen, seine Bezugsperson in der Nähe wissend. Entscheidend sei letztlich: Was hilft genau diesem Hund in angstauslösenden Situationen?
Mythos Nummer 2: „Der macht das doch nur fürs Leckerli“
Viele Tiere und auch Menschen lassen sich mit dem Prinzip der Belohnung motivieren. Doch ist das ein Problem? Das stellt Bachhäubl in Frage. „Futter ist für viele Hunde – und Menschen – einfach ein sehr praktischer Verstärker.“ Aber Belohnung bedeute nicht automatisch, dass für alles ein Keks gezückt wird. Eine Belohnung für einen Hund könne genauso gut Schnüffeln, Rennen, Buddeln, Sozialkontakt oder auch Abstand von etwas bekommen sein. Die entscheidende Frage, die sich Hundebesitzer stellen sollten, wenn es um die Wahl der Belohnung geht ist: Was ist diesem Hund in dieser Situation gerade wichtig?
Wenn ein Hund zum Beispiel unbedingt an einem Grasbüschel schnüffeln möchte, könne genau das Teil des Trainings sein: Man geht vielleicht erst ein Stück gemeinsam an lockerer Leine und danach darf er in Ruhe schnüffeln. „Genau das finde ich in der Hundeerziehung so wichtig: Ich frage nicht nur, was ich gerade von meinem Hund möchte, sondern auch, was für ihn einen Wert hat. Und natürlich soll der Hund nicht dauerhaft mit einem Stück Wurst vor der Nase durch die Welt laufen.“ Letztlich ist das Prinzip dahinter: Verhalten wird aufgebaut, Hilfen werden wieder reduziert und irgendwann können meist ganz alltägliche Dinge selbst zur Belohnung werden – und ab und zu mal ein Keks als Highlight sei dann auch nicht verkehrt.
Mythos Nummer 3: „Wenn es nicht funktioniert, muss man einfach mehr trainieren“
Training und Erziehung sind wichtig, das sieht auch die Verhaltenstrainerin so. Dennoch sei mehr davon oder noch konsequenteres Training nicht automatisch besser und manchmal liege die Lösung laut Bachhäubl auch gar nicht nur im Training allein.
Deshalb lohne sich auch immer der Blick auf das ganze Bild: Geht es dem Hund körperlich gut? Hat er vielleicht Schmerzen? Schläft er genug? Bekommt er für ihn passendes Futter? Wie hoch ist sein Stresslevel? Kann er seine Bedürfnisse ausleben? Und passen Alltag und Umgebung zu dem, was gerade von ihm erwartet wird? Wenn ein Hund zum Beispiel plötzlich nicht mehr ins Auto springen möchte, kann man natürlich das Einsteigen trainieren. Wenn ihm dabei aber etwas wehtut, löst Training allein die Ursache nicht.
Mindestens genauso wichtig findet die Hundeexpertin das Management. Nicht jede Situation muss zur Trainingssituation werden. Wenn der Hund Essen vom Tisch klaut, kann man es erst einmal außer Reichweite stellen. Wenn Besuch noch schwierig ist, könne man Abstand schaffen. Management schaffte Sicherheit, und verhindere, dass schwieriges Verhalten immer wieder geübt wird. Das nehme Druck raus, denn Training ist anstrengend, für den Hund genauso wie für den Menschen. „Wir dürfen uns den gemeinsamen Alltag auch einfach mal leichter machen.“, so Bachhäubl.
Mythos Nummer 4: „Der weiß es doch, er ist nur stur.“
„Ich verstehe total, woher dieser Gedanke kommt. Wenn etwas zu Hause wunderbar klappt und draußen plötzlich gar nicht mehr, kann das wirklich frustrierend sein.“, so die Hundeverhaltenstrainerin „Stur“ ist für sie allerdings erst einmal keine Beschreibung von Verhalten, sondern schon eine Interpretation und mit dieser kann man auch falsch liegen. Denn Hunde lernen sehr stark im jeweiligen Kontext. Vielleicht kann ein Hund etwas wirklich gut, aber eben noch nicht unter genau diesen Bedingungen.
Ein einfaches Beispiel: Der Rückruf klappt schon ziemlich gut auf dem täglichen Gassiweg – doch kaum geht es in Richtung Wald, „hört“ der Hund einen nicht mehr. Ein Hund hat dann häufig noch nicht gelernt, ein Signal in unterschiedlichen Situationen zuverlässig zeigen zu können. Am Waldrand gibt es schließlich viel spannendere Wildgerüche als auf dem asphaltierten Weg in der Stadt, das macht die Signalausführung wesentlich herausfordernder. Bachhäubl empfiehlt daher den Perspektivwechsel: „Ich frage lieber: Was macht es meinem Hund gerade schwer, das gewünschte Verhalten zu zeigen? Denn mit dieser Frage kann ich arbeiten und dann gezielt trainieren.“
Mythos Nummer 5: „Wenn du nicht strafst, lässt du den Hund einfach machen.“
Das sei laut Bachhäubl einer der gängigsten Mythen in Sachen Hundeerziehung. Dabei bedeute nicht zu strafen überhaupt nicht, unerwünschtes Verhalten einfach laufen zu lassen oder es zu tolerieren, erklärt die Tierpsychologin. Es gebe sehr viele Möglichkeiten, aktiv damit umzugehen. So könne man eine Situation verändern, Abstand schaffen, Verhalten unterbrechen, Management nutzen und vorausschauend handeln oder dem Hund ein anderes Verhalten beibringen und dieses verstärken.
Wenn ein Hund zum Beispiel Menschen anspringt, könne sein Mensch ihm zeigen, was er stattdessen tun kann, und genau dieses Verhalten belohnen. Hilfreich sei hier immer eine positive und simple Zielformulierung: „Wir belohnen, wenn der Hund alle vier Pfoten auf dem Boden hat“. Gleichzeitig könne man die Situation durch Management so gestalten, dass er nicht bei jedem Besuch immer wieder Anspringen übt.
Sobald etwas gefährlich ist oder eine Situation gerade kippt, müsse man natürlich einschreiten, denn Sicherheit muss immer vorgehen. Die Frage sollte allerdings nicht heißen, ob ich etwas tue, sondern wie. „Möglichst fair, so wenig belastend wie möglich und vor allem mit einer Idee davon, wie es danach weitergeht im Training.“, sei das Credo. Zwischen „strafen“ und „ignorieren“ liege der große Unterschied. Und genau da lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn das „wie es danach weitergeht“ sei der eigentliche Kern der Erziehung.
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