Port Louis - Traumhafte Strände und türkisblaues Wasser, dafür ist Mauritius bekannt. Doch das Kleinod im indischen Ozean birgt viele Geheimnisse, die Urlauber erst im Landesinneren erfahren.

Ein rhythmisches Trommeln hallt durch den warmen Tropenabend. Während sich die Sonne in der Ferne zu einem großen roten Ball färbt, schweben fünf Tänzerinnen in tiefblauen Satin-Kostümen über den Asphalt vor dem Zuckermuseum L‘Aventure du Sucre. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht tanzen sie barfuß zum Takt der Musik und werfen ihre langen Röcke kunstvoll in die Luft. Vor und zurück, die Hüften kreisen und mit den Händen klatschen - jeder Schritt sitzt in präziser Synchronität. Die jungen Frauen bewegen sich zum Sega, der traditionellen Musik von Mauritius.

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<p>Der Sega gilt als einer der bekanntesten traditionellen Tänze von Mauritius und ist bis heute fest in der Kultur der Insel verankert.</p> © Eva Orttenburger

Christelle Ravat ist die Chefin der Tanzgruppe. Seit 30 Jahren begleitet die Choreografin die jungen Frauen und ihre Musiker zu Hochzeiten, Cocktailabenden und Geburtstagsfeiern. Der Aufwand für die Aufritte ist enorm: Die Kostüme sind allesamt handgenäht, fast täglich muss die Truppe trainieren, um Schritte und Rhythmus exakt abzustimmen. Ravat betont: „Wir machen das nicht nur für Touristen. Es ist etwas Besonders für die Menschen, die hier auf der Insel leben.“ Denn der Sega hat eine Geschichte. Er entstand nach der Sklaverei auf Mauritius, als die Menschen endlich frei waren. Der Tanz und die Musik stehen für Glücksgefühle, Widerstand und kulturelle Wurzeln. Sie haben eine besondere symbolische Kraft.

Abseits von Palmen und Meer

Neben dem Sega gibt es auf Mauritius noch viel mehr zu erleben. Fernab der langen Sandstrände und luxuriösen Hotels hat die Insel eine bewegende Geschichte und eindrucksvolle Natur zu bieten. Wer tagelang nur in der Sonne liegt, verpasst den eigentlichen Zauber.

Was die Flagge von Mauritius wirklich bedeutet

Das Kleinod im Indischen Ozean, rund 2.000 Kilometer östlich des afrikanischen Festlandes, war lange Zeit unbewohnt, bis die Portugiesen kamen. Es folgten die Niederländer im 17. Jahrhundert. Dann 1715 die Franzosen und 1810 die Briten. Jede Migrationswelle brachte neue Menschen und andere Kulturen mit sich: Sklaven aus Afrika, Vertragsarbeiter aus Indien und China, Siedler aus Europa. Erst sehr spät, nämlich 1968 wurde Mauritius unabhängig. Heute leben 1,3 Millionen Hindus, Muslime, Christen und Buddhisten auf der kleinen Insel eng und friedlich nebeneinander. Sie prägen die abwechslungsreiche Kulinarik (von Curry bis Croissant) und das Stadtbild (Tempel und Moscheen direkt nebeneinander).

Die mauritische Flagge erzählt diese Geschichte in vier Farben. Rot für jene, die in der Sklaverei gestorben sind. Blau für das Wasser – denn alle Einwohner kamen einst über das Meer. Gelb für die Sonne. Und Grün für das Zuckerrohr, das damals und heute die Industrie der Insel bestimmt.

Neun Generationen, eine Heimat

Laurent D’Unienville kennt die Plantagen wie kaum ein anderer. Der 45-Jährige steht neben seinem roten E-Bike und erklärt, was es bedeutet, in neunter Generation hier zu leben. Seine Familie kam aus Frankreich, Französisch spricht er jedoch nicht mehr. Seine Muttersprache ist Kreolisch. Dunienville verlässt die Insel nie. „Ich bin so glücklich hier. Es ist das Paradies auf Erden und so vertraut für mich.“

Mit D’Unienville auf dem E-Bike durch die Zuckerrohrfelder zu fahren, ist ein Erlebnis eigener Art. Der holprige Weg führt schnurgerade durch ein Meer aus grünen Halmen, die zu beiden Seiten meterhoch aufragen. Im Juni beginnt auf Mauritius die Zuckerrohrernte. Die Industrie hat sich über die Jahre grundlegend gewandelt: Qualität hat Vorrang vor Quantität. Was einst in großen Mengen in alle Welt exportiert wurde, findet sich heute als gesuchte Spezialität in gehobenen Restaurants und Konditoreien.

Im ältesten Garten der südlichen Hemisphäre

Wer an einem warmen Tag Schatten sucht, wird im botanischen Garten von Pamplemousses glücklich. Der Sir Seewoosagur Ramgoolam Botanical Garden ist der älteste der südlichen Hemisphäre. Riesige Victoria-Seerosen treiben auf dunklen Teichen, seltene Palmen ragen gen Himmel. Hier riecht es nach feuchter Erde und Blüten. Die großen Gewächse sorgen für angenehme Luft.

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<p>Einer der ältesten Botanischen Gärten der südlichen Hemisphäre, der Sir Seewoosagur Ramgoolam Botanical Garden in Pamplemousses, ist bekannt für seine riesigen Victoria-Seerosen und über 80 Palmenarten.</p> © Eva Orttenburger

Noch tiefer in die Natur führt das Ferney-Tal im Südosten. Ranger Jameel Peerally bahnt sich seinen Weg auf einem schmalen Pfad durch uralten Ebenholzwald. Stufen sind in den Boden eingelassen, das Geländer besteht aus Ästen, ein Wasserfall versteckt sich hinter moosbedeckten Felsen. Am Ende des Wanderwegs öffnet sich der Blick auf einer Lichtung für eine Bilderbuchszene: Sattgrüne Hügel, ein markanter Berggipfel, dahinter das Blau des Indischen Ozeans.

„Die wahren Eingeborenen von Mauritius sind die Bäume, Pflanzen und Tiere“, erklärt Peerally, „nicht die Menschen. Sie alle kamen erst später über den Ozean.“ Ein Satz, der nachhallt. Denn er fasst zusammen, was Mauritius auf vielen Ebenen so besonders macht: Eine Insel, die nur aus Natur bestand. Auf der Menschen aus aller Welt eine gemeinsame Heimat fanden - und Urlauber deutlich mehr bekommen als Strand und Palmen.


Mehr Informationen

Mauritius Tourism Promotion Authority, www.mauritiusnow.com, Flüge ab München über Paris mit Air Mauritius, Beste Reisezeit: Mai bis November.

Redaktioneller Hinweis: Die Recherche für manche Artikel in dieser Ausgabe wurde von Reiseveranstaltern, Hotels, Fluglinien oder Tourismusverbänden unterstützt.