Nürnberg - Während der FCN derzeit von einem Aufstiegsplatz grüßt, steckt Gegner Hannover in der Ergebniskrise. Sogar für Trainer Christian Titz könnte es eng werden. Dabei macht 96 nicht viel anders als im Vorjahr.

Schon nach vier absolvierten Spieltagen lastet gewaltiger Druck auf Hannover 96. Nach den um Haaresbreite verpassten Aufstiegsspielen in der vergangenen Saison - hieran war der Club nicht ganz unbeteiligt - soll in diesem Jahr der große Wurf gelingen. Das freilich verfrühte Zwischenfazit fällt jedoch ernüchternd aus: Lediglich vier Zähler haben die Roten bislang gesammelt. Für das notorisch unruhige Hannoveraner Umfeld, wo der Trainerstuhl von Christian Titz bereits gehörig wackelt, ist das zu wenig. Medienberichten zufolge würde eine Niederlage im Frankenland wohl das Aus des 55-Jährigen besiegeln, der noch im Vorjahr die beste Endplatzierung seit dem Abstieg 2019 zu verantworten hatte.

Spurensuche nach dem Stotterstart

Wie konnte es so weit kommen? Nicht von der Hand zu weisen ist, dass 96 einen beträchtlichen Aderlass hinter sich hat. Mit Enzo Leopold, Noel Aseko und Daisuke Yokota gingen mehrere Leistungsträger von Bord. Adäquat ersetzt wurden diese nur unzureichend. Bestens verbrieft sind zudem die Spannungen an der Leine zwischen Jonas Boldt, Geschäftsführer Sport, und Chefcoach Titz. Letzterer präferiert einen voluminöseren Kader, als es sein Vorgesetzter tut, der in diesem Zuge auf begrenzte finanzielle Mittel verweist. So fahndete man etwa im Sturmzentrum händeringend nach einer A-Lösung, handelte sich jedoch unter anderem von Davie Selke und Niclas Füllkrug Absagen ein. Womöglich könnte ein früherer Nürnberger nun Abhilfe schaffen: Der vereinslose Cedric Teuchert nimmt aktuell am Training der U23 teil.

Bekanntlich aber liegt die Wahrheit auf dem Platz. Während die harten Fakten hier einen eindeutigen Absturz suggerieren, lohnt sich der Blick über den Tellerrand. Tatsächlich macht Hannover nicht sehr viel anders als in der Vorsaison. Der Ertrag allerdings stimmt nicht, wie auch Miroslav Klose im Vorfeld anmerkte: „Sie haben richtig Qualität auf dem Platz und sich viele Chancen herausgespielt, aber waren dann nicht effizient genug vor dem Tor.“ Ein Ausflug in die Statistik-Abteilung bestätigt das Urteil des Weltmeisters von 2014. 96 schießt im ligainternen Vergleich am dritthäufigsten auf das Tor, hat die meisten Ballberührungen in der gegnerischen Box und scheiterte bereits drei Mal am Aluminium. Sage und schreibe 19 Abschlüsse benötigen die Roten im Schnitt für einen Treffer. Zum Vergleich: Der Club brauchte an den ersten Spieltagen nicht einmal fünf Schüsse pro Tor.

Eine typische Titz-Elf - nur ohne Ertrag

Auch im Spiel mit Ball greifen die typischen Mechanismen einer Titz-Mannschaft. Dazu zählt ein erhöhter Ballbesitzwert sowie außergewöhnlich viele Pässe. Im letzten Drittel präsentiert sich Hannover dann äußerst variabel und greift auf zahlreiche Positionsrochaden zurück. So lief 96 in der Vorwoche gegen Karlsruhe ohne klassischen Neuner auf. Stattdessen stießen wahlweise Marcel Hartel, Waniss Taibi und mitunter Kolja Oudenne ins Sturmzentrum vor. Besonders mannorientierte Defensivansätze, wie sie auch der FCN praktiziert, können durch die ständigen Rotationen vor Zuordnungsprobleme gestellt werden. „Wie weit traust du dich, den Gegenspieler zu verfolgen? Wie aufmerksam bist du? Darum geht es gegen den Ball“, erklärte Klose, der aus der Defensivleistung gegen Kiel Zuversicht für die kommende Aufgabe schöpft.

Wiederkehrende Stilmittel der Hannoveraner sind zudem häufige Tiefenläufe aus der Halbspur, die auch dazu beitragen, neue Lücken zu reißen und die Flügelspieler in direkte Duelle zu schicken. Hannovers im Ballbesitz sichtbare Mittelfeldraute ergibt sich dadurch, dass Maurice Neubauer von der Schiene ins Zentrum einrückt, gleiches gilt situativ für Oudenne.

Ähnlich wie schon gegen Kiel bekommt es der Club erneut mit einem durchaus riskanten Ansatz zu tun, der allerdings zugleich selbst verwundbar macht. Nach Ballverlusten etwa ist die Restverteidigung der Niedersachsen häufig mangelhaft. Einzig der Isländer Stefán Teitur Thórdarson verbleibt dann als Anker vor der aufgerückten Kette, muss aber ein hohes Pensum abspulen. Wieder einmal scheint daher nicht unwesentlich, ob es dem FCN gelingt, Mohamed Ali Zoma gewinnbringend in Szene zu setzen. Die nötigen Räume hierfür dürften vorhanden sein.