
Meerschweinchen galten lange als einfaches Haustier für Kinder. Doch hinter den possierlichen Tierchen stecken anspruchsvolle Wesen, weshalb sie häufig ein nicht artgerechtes Dasein fristen müssen oder ihre Besitzer sie nicht mehr haben wollen.
Eine Gruppe von Privatleuten in Franken hat sich 2016 zusammengeschlossen, um sich für die Rechte der Tiere einzusetzen. Aktiv für Meerschweinchen e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Bedürfnissen der in den eigenen Pflegestellen aufgenommenen Tiere gerecht zu werden und Menschen in Bezug auf Haltung, Fütterung und Vermehrung zu sensibilisieren.
Bettina Weißflach ist inzwischen seit fünf Jahren Mitglied in dem Verein und hat selber drei, in Kürze vier Meerschweinchen. Zu dem Verein gekommen ist sie, weil sie damals auf der Suche nach einem neuen Tier aus dem Tierschutz für ihre Gruppe war. Die Arbeit von Aktiv für Meerschweinchen e.V. hat sie begeistert und sie bot ihre Hilfe an. Inzwischen ist sie zweite Vereinsvorsitzende und springt als Notpflegerin ein, wenn in der Hauptpflegestelle bei der ersten Vorsitzenden Annemarie Ganzer akute Platznot herrscht.
Über 40 Tiere leben dauerhaft in Pflege
Derzeit leben rund 45 Tiere im Verein, dessen Hauptsitz sich seit Kurzem in Nürnberg befindet. Die Hauptpflegestelle befindet sich in Steinach an der Ens, einem Gemeindeteil von Gallmersgarten im Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim. Dort leben allein 40 Meerschweinchen, die anderen fünf sind bei Vereinsmitgliedern untergekommen.
Nur wenige Nager suchen ein neues Zuhause, erklärt Bettina Weißflach im Interview mit nordbayern.de, denn die meisten sind aufgrund ihres hohen Alters oder Krankheiten nicht mehr vermittelbar und dürfen ihren Lebensabend nun in Pflege verbringen.
Die Gründe für die Abgabe reichen von „die stinken“ über Allergien und Kosten, bis hin zu Kindern, die schlichtweg das Interesse an den Kleintieren verloren haben. Auch Tierheime fragen gelegentlich Pflegestellen an. Letztlich ist der Grund Aktiv für Meerschweinchen e.V. allerdings egal: Die einzige Frage, die sich der Verein stellt, ist, ob das Tier aufgenommen werden kann und bei welchem Mitglied es aufgrund von Alter und Geschlecht unterkommen kann, denn das ist wichtig für die Gruppendynamik – denn die äußerst sozialen Meerschweinchen können nicht dauerhaft allein gehalten werden. Jede Abgabe ist stets kostenlos – Spenden von den vorherigen Besitzern sind jedoch jederzeit willkommen.
Nach einem Gesundheits-Check beim Tierarzt und gegebenenfalls einer Kastration folgt eine sechswöchige Quarantäne. Bei Sauen, also den weiblichen Meerschweinchen, sind es sogar zehn Wochen, um eine Trächtigkeit hundertprozentig auszuschließen.
Babys, die im Verein geboren werden, werden im Alter von mindestens vier bis sechs Wochen in ein neues Zuhause gegeben. Abgegeben werden grundsätzlich nur gesunde Tiere, alte und chronisch kranke Tiere bleiben im Verein. Wer den Verein unterstützen möchte, kann neben Spenden auch Patenschaften für die Dauerbewohner des Vereins übernehmen.
Bildung und Sensibilisierung als Bestandteil der Vereinsarbeit
Ein weiterer wichtiger Baustein der Vereinsarbeit ist die Bildung: Denn auch Menschen, die in Betracht ziehen, ein Meerschweinchen zu halten, oder die bereits welche haben und Fragen haben, bekommen hier kostenlos Rat, Aufklärung und Unterstützung. „Einen Tierarztbesuch können wir natürlich nicht ersetzen, wir sind keine Veterinäre“, erklärt Weißflach. „Doch wir haben einen großen Erfahrungsschatz, an dem wir andere gerne teilhaben lassen.“ Dieser reicht von Ernährung, über Haltung bis hin zur richtigen Gruppenzusammenstellung. Dabei kann es auch dazu kommen, dass Interessenten abgeraten wird, Meerschweinchen zu halten. Denn viele unterschätzen Ansprüche an Platz und Kosten für Futter und Tierarzt. Diese können selbst bei Meerschweinchen schnell mal in die Tausende gehen. Auch, dass Meerschweinchen nicht als Kuscheltiere für Kinder geeignet sind, ist eine Botschaft, die der Verein vielen Menschen überbringt – und die selbstverständlich auch für die Mitglieder gilt.
Bettina Weißflach liebt Meerschweinchen, doch kuscheln und spielen, wie man das mit einem Hund tun würde, ist eben nicht im Sinne der Tiere. „Ich sitze meistens am liebsten einfach da und schaue die Meerschweinchen an, was sie so machen und wie sie miteinander umgehen. Jedes Tier hat seine eigene Persönlichkeit und ein neues Tier in einer Gruppe kann direkt alles verändern. Das zu beobachten, ist sehr interessant und ihre Anwesenheit ist einfach beruhigend.“
Neues Angebot für Kinder und Jugendliche
Künftig kann der Verein sogar Tierschutzpädagogik anbieten. Auf ihrer Webseite schreibt die erste Vorsitzende Annemarie Ganzer dazu: „Nachhaltiger Tierschutz beginnt nicht erst beim Tier – sondern beim Menschen. Genau hier setzt meine Arbeit als Tierschutzpädagogin an. Im Rahmen meiner Ausbildung beim Deutschen Tierschutzbund habe ich gelernt, wie Tierschutzpädagogik Menschen unterschiedlichen Alters erreichen und für die Bedürfnisse von Tieren sensibilisieren kann. Besonders begeistert mich dabei die Verbindung aus Wissen, praktischen Erfahrungen, Kreativität und emotionalem Lernen. Denn Tierschutz soll nicht nur Wissen vermitteln. Er darf berühren, zum Nachdenken anregen und Mut zum eigenen Handeln machen.“ Geplant sind Ferienprogramme für Kinder und Jugendliche, in welchen beispielsweise Häuser für Meerschweinchen restauriert werden.
Am 26. September 2026 feiert der Verein seinen 10. Geburtstag. Gäste können die große Pflegestelle in Steinach besichtigen, sich informieren und es wird auch einen Flohmarkt, sowie Essen und Getränke geben.
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