
„Man muss am Ende sagen, dass wir der glückliche Sieger sind“, fasste Spielführer Jan Reichert den hochdramatischen Nachmittag im Rheinland zusammen. Nach dem Derbysieg vom vergangenen Wochenende musste sich der Keeper das Scheinwerferlicht noch teilen. Nun bestand kein Zweifel daran, wer der Matchwinner auf Seiten der Franken war.
Schon in der regulären Spielzeit hatte Reichert seinen Farben mehrfach die Null gehalten, ehe er im Elfmeterschießen dann zur Bestform auflief. Zweimal parierte der Schlussmann glänzend, einen dritten Strafstoß schaute der 25-Jährige über seinen Kasten. Mit „viel Intuition und Instinkt“ erklärte der Kapitän sein Vorgehen und räumte ein: „Ich bin einfach nur froh, dass ich der Mannschaft helfen konnte. Am Ende ist das Elfmeterschießen immer Glück.“
Club zittert sich in Runde zwei
Dass es die Nürnberger bei der Viktoria überhaupt auf die Entscheidung vom Punkt ankommen lassen mussten, ist freilich kein Ruhmesblatt. Tatsächlich war der Altmeister mit dem 1:1-Remis, das nach 90 wie 120 Minuten Bestand hatte, noch gut bedient - trotz des späten Ausgleichs kurz vor Ende der regulären Nachspielzeit. „Viktoria Köln hat das heute sehr gut gemacht und wir haben uns schwergetan, die richtigen Räume zu finden“, monierte Reichert im Anschluss.
Von einem Klassenunterschied fehlte über die gesamte Spieldauer jede Spur. Stattdessen trat der Drittligist mutig auf, was jedoch niemanden verwunderte, der sich im Vorfeld mit dem Erstrundengegner beschäftigt hatte. Erstaunlich war da schon eher, dass es die Domstädter weitgehend verstanden, die in Liga zwei so fabelhaft gestartete Offensivabteilung der Franken auszubremsen. Ein ambitionierter Distanzversuch von Julian Justvan blieb der einzige Torschuss in Durchgang eins. Nach der Pause agierte der FCN druckvoller und belohnte sich zugleich in Person von Piet Scobel.
Defensiv-Baustelle nimmt Form an
Unterm Strich gelang den hoch veranlagten Akteuren dennoch nicht allzu viel. So weit, so verschmerzbar, vorausgesetzt, das defensive Bollwerk steht. Die neu formierte Viererkette offenbarte aber, dass sie noch nicht so weit ist, wie nach dem Dresden-Spiel gehofft werden durfte. Ob die junge Außenverteidiger-Besetzung den Nürnberger Ambitionen gerecht werden kann, muss sich erst noch zeigen. Allerdings ist Verteidigung bekanntermaßen nicht nur Abwehr-Sache. Der Sechserraum war mitunter verwaist, was auch daran lag, dass Javier Fernández einen gebrauchten Tag erwischte. Womöglich könnte der Argentinier Felipe Obradovich hier schon bald Abhilfe schaffen. Der 19-jährige Abräumer wird mit dem Club in Verbindung gebracht.
Weiter vorne liefen die Anlaufbemühungen der Klose-Elf zu oft ins Leere, was ein Übriges tat. „Wir haben heute zu viele einfache Fehler gemacht“, resümierte Reichert, der selbst nahezu fehlerlos blieb und mehrfach aufmerksam die Tiefe absicherte. Auch der Blick in die Statistik-Abteilung meint es diesmal nicht sehr gut mit dem FCN: Nach dem Expected-Goals-Modell hätte der Zweitligist in Köln 2,6 Gegentore „verdient“ gehabt. Schon eine Woche zuvor gegen Fürth waren es 2,8 - auch verursacht durch zwei Elfmeter. Letztlich aber sicherte die Kombination aus Fortune, gegnerischem Chancenwucher und Jan Reichert die beiden Erfolgserlebnisse. Langfristig allerdings ist dies kein Erfolg versprechendes Defensivrezept.