
Das Holzfloß gleitet lautlos durch die grün schimmernde Wasseroberfläche des Dunajec. Nur gelegentlich durchbricht das Plätschern der Strömung die Stille. Über uns ragen helle Kalksteinfelsen steil in den Himmel. Ein Graureiher erhebt sich vom Ufer, Wasseramseln huschen zwischen den Steinen, Libellen tanzen über dem Fluss. Vor uns erscheinen die markanten Felstürme der Drei Kronen, des bekanntesten Gipfels im Pieniny-Nationalpark. „Das ist ein besonderes Erlebnis. Ich habe die Floßfahrt schon mehrmals gemacht und bin jedes Mal wieder begeistert“, sagt Anna Gacek. Sie hat nicht zu viel versprochen.
Der Dunajec durchschneidet hier spektakulär das Pieniny-Gebirge. Auf rund 18 Kilometern bildet er die Grenze zwischen Polen und der Slowakei. Die schmale Straße auf der slowakischen Seite ist Wanderern und Radfahrern vorbehalten, Autos und Motorboote sind im Nationalpark tabu. Natur und Stille bestimmen den Rhythmus. Mal gleitet das Floß gemächlich dahin, dann beschleunigt die Strömung die Fahrt. Hinter jeder Biegung eröffnen sich neue Ausblicke auf Felsformationen, Vegetation und bewaldete Hänge – eine Landschaft, die entschleunigt.
Die Flößerei hat eine lange Tradition auf dem Dunajec-Fluss
Am Bug steht Marcin. In traditioneller Kleidung mit besticktem Hemd und Filzhut steuert er das Gefährt aus Holz. Früher wurden auf solchen Flößen Holz, Käse und andere Waren transportiert, heute bringen sie Besucher durch eine der schönsten Flusslandschaften Mitteleuropas. Mit seinem drei Meter langen Stab stößt sich Marcin am Grund ab oder nutzt ihn als Ruder. Der Dunajec überrascht immer wieder mit Untiefen, Strömungen und verborgenen Felsen, an anderen Stellen ist das Wasser tief und spiegelglatt.
Die Flößerei ist bis heute eine besondere Tradition. Nur Männer aus bestimmten Orten entlang des Flusses dürfen die Ausbildung beginnen. Sie stammen aus der Volksgruppe der Goralen, den Bergbewohnern dieser Region. Mehrere Jahre dauert es, bis sie selbst Gäste durch die Schlucht führen dürfen.
Später zeigt Anna Gacek eine andere Seite der pittoresken Gegend, die gut eine Autostunde von Nürnbergs Partnerstadt Krakau entfernt liegt. Wir radeln auf dem Dunajec-Radweg entlang des Flusses und des Stausees Czorsztyn. Er ist perfekt ausgeschildert, hat kaum Steigungen und überall schöne Plätze zum Anhalten. Wenig später sitzen wir in Liegestühlen und Hängematten über dem See, ein Getränk in der Hand, vor uns das glitzernde Wasser und am Horizont die Gipfel der Hohen Tatra. Der Radweg führt vorbei an Picknickplätzen, Cafés, Burgruinen und Aussichtspunkten.
Die Region hat in den vergangenen Jahren stark in ihre Infrastruktur investiert. Entstanden sind Rad- und Wanderwege, die zu den schönsten in Südpolen zählen, berichtet Anna Gacek. Unterwegs begegnet man Schäferhütten, vor denen Käseformen trocknen, während aus den Räucherkammern der Duft von Buchenholz aufsteigt. Die Schäfer verarbeiten hier die Milch ihrer Tiere zu regionalen Spezialitäten, die direkt vor Ort probiert werden können.
Ausgangspunkt vieler Unternehmungen ist Szczawnica. Der Kurort mit rund 7000 Einwohnern liegt zwischen den Pieninen und dem Beskid Sądecki. Anna Gacek kennt hier jeden Winkel. Sie hat in Lausanne Hotelmanagement studiert und lebt meist in Warschau, doch die Familie ihres Vaters stammt aus dem Ort und betreibt hier mehrere Hotels. Historische Villen wurden aufwendig restauriert und in stilvolle Häuser verwandelt, ergänzt durch ein modernes Wellnesshotel. „Ich liebe die Natur, die Ruhe und die vielen Möglichkeiten, aktiv zu sein“, sagt die 27-Jährige.
Szczawnica wirkt wie eine Mischung aus alpinem Bergort und traditionsreichem Kurbad. Holzvillen mit verzierten Balkonen, gepflegte Parks und historische Gebäude erinnern an die Blütezeit im 19. Jahrhundert, als sich der Ort zu einem bedeutenden Heilbad entwickelte. Bis heute kann man in der restaurierten Trinkhalle die mineralhaltigen Heilwässer kosten.
Für viele Besucher ist Szczawnica vor allem das Tor zu einer außergewöhnlichen Naturlandschaft. Die „Drei Kronen“ gehören zu den beliebtesten Wanderzielen, vom Gipfel reicht der Blick weit über den Dunajec bis zur Hohen Tatra. Familien zieht es in die Homole-Schlucht mit ihren Wasserfällen und schattigen Wegen. Wer mehr Action sucht, findet Angebote von Trailrunning über Mountainbike bis zu Kajak und Kanu, im Winter locken kleine Skigebiete.
Trotz ihrer Schönheit ist die Region international noch vergleichsweise wenig bekannt. „Die meisten Gäste kommen aus Polen“, sagt Anna Gacek. Sie berichtet aber auch, dass mehr und mehr Ausländer die schöne Gegend für sich entdecken. So hat etwa der britische Stargeiger Nigel Kennedy ein Haus im Pieniny-Gebirge.
Mehr Informationen:
www.polen.travel/de
Anreise
über Krakau mit der Bahn und weiter mit dem Bus in etwa 14 Stunden. Mit dem Auto ca. 880 Kilometer, 9 Stunden.
Übernachten: Sehr stilvoll nächtigt man in einem frisch restaurierten Artdeco-Haus, der Villa Wanda, www.hotelwanda.pl. In Szczawnica gibt es vom Campingplatz über Ferienwohnungen bis zum Fünf-Sterne-Hotel ein großes Übernachtungsangebot.
Redaktioneller Hinweis: Die Recherche für manche Artikel in dieser Ausgabe wurde von Reiseveranstaltern, Hotels, Fluglinien oder Tourismusverbänden unterstützt.



