Nürnberg - Brandon Sanderson kann beides: SciFi und Fantasy. Jetzt hat eine neue alte Figur ein komplettes Buch bekommen.

„Das Kosmeer“, die „Sturmlicht-Chroniken“, „Nebelgeboren“ oder das „Cytoverse“ - Brandon Sanderson hat sich schon so manche Fantasy- und SciFi-Welt ausgedacht. Sein neues Buch fällt dagegen am ehesten in die Kategorie Urban-SciFi. Dabei mischt er Krimi- und Thriller-Elemente, kurzzeitig bekommt das Buch sogar einen Horror-Einschlag.

Eingefleischte Sanderson-Fans kennen die Figur bereits: Die Rede ist von Stephen Leeds.„Legion - Die vielen Leben des Stephen Leeds“ ist eine Zusammenfassung aus drei Novellen, von denen bisher nur die erste in einem anderen Sammelband erschien.

Die anderen beiden Teile, die die Geschichte vervollständigen, erschienen nun erstmals in deutscher Übersetzung. Aber wer ist Stephen Leeds?

Stephen Leeds: Gentleman-Detektiv mit internen Sidekicks

Stephen Leeds ist nicht verrückt. Zumindest hat er seine Halluzinationen unter Kontrolle. Wann immer der Privatdetektiv spezielles Wissen braucht, saugt er alles dazu auf, was er finden kann - und erfindet anschließend einen Aspekt, eine Person, die nur er sehen kann, und die Expertin oder der Experte auf dem benötigten Gebiet ist.

Das bringt ihm allerdings nicht nur Ruhm ein, sondern macht ihn für alle möglichen Wissenschaftler „faszinierend“, was ihm unglaublich auf die Nerven geht.

In „Legion - Die vielen Leben des Stephen Leeds“ müssen Stephen und seine Aspekte verschiedene Fälle lösen: Zuerst soll er eine Kamera finden, die Bilder aus der Vergangenheit aufnehmen kann, und dann den Leichnam eines Wissenschaftlers, der gefährliches Wissen in seiner DNS gespeichert hat.

Dem übergeordnet ist seine Suche nach Sandra, der Frau, die ihm vor Jahren geholfen hat, das Flüstern und die Schatten, die ihn umgaben, unter Kontrolle und in die Form seiner Aspekte zu bekommen. Doch kurz, bevor er Sandra endlich wiederfinden könnte, droht ihm, diese Kontrolle doch wieder zu verlieren.

Und wenn das passiert, wenn seine Aspekte nicht mehr seinen Regeln folgen, werden sie zu einem Albtraum. Einem Albtraum, den Stephen nie wieder erleben will.

„Legion - Die vielen Leben des Stephen Leeds“

von Brandon Sanderson

  • übersetzt von Michael Siefener
  • 416 Seiten
  • Heyne
  • ISBN: 978-3-453-32416-9
  • 18 Euro

Was bedeutet eigentlich verrückt? „Legion“ von Brandon Sanderson

Dass er nicht wahnsinnig ist, betont Stephen Leeds mehrfach. Denn zumindest weiß er, dass seine Aspekte eigentlich nicht real sind. Sie sind sein Instrument, das ihm die geistige Gesundheit erhalten soll - und nebenbei sein Genie für ihn und uns greifbar macht. Er selbst hält sich für den langweiligsten Teil seiner Persönlichkeit, schließlich hat er alle seine Neurosen auf seine Aspekte übertragen. Wahnsinnig oder nicht, das ist laut Stephen ein Spektrum, und je nach Auge des Betrachters kann das gleiche Verhalten verrückt oder auch völlig normal sein.

„Legion - Die vielen Leben des Stephen Leeds“ ist wirklich ein faszinierendes Buch. Es startet beinahe als typischer Detektivroman: Ein etwas verschrobener, zurückgezogen lebender Kerl, der über große Geldmittel verfügt, die ihm seinen Lebensstil ermöglichen, klärt Fälle auf, die niemand sonst lösen kann. Ein typisches Element dieser Detektivromane ist der Sidekick. Zur Figur eines Sherlock Holmes würde es einfach nicht passen, wenn er uns Leserinnen und Lesern einfach seine Gedankengänge erzählt, da braucht es schon einen John Watson, der immer wieder nachfragt. Das Besondere an Stephen Leeds ist, dass er im Grunde sein eigener Sidekick ist. Seine Aspekte sind Genies auf ihren Gebieten, er stellt nur die Fragen.

Doch im Laufe der Handlung entwickelt sich dieser humoristisch angehauchte Detektiv-Krimi mit philosophischen Fragen zur menschlichen Psyche hin zu einem Thriller, in dem sogar Horror-Elemente vorkommen, als sich Stephen zunehmend seinen Albträumen stellen muss, bevor die Geschichte in einem irgendwie tragischen, aber auch hoffnungsvollen Finale endet.

Das neue Buch von Brandon Sanderson lässt sich also nicht so einfach in ein Genre einordnen. Das macht den besonderen Reiz dieser Geschichte aus. Sanderson hat mit Stephen Leeds eine Figur geschaffen, die völlig abgedreht und kaum greifbar ist - und doch nahbar und absolut überzeugend. Ein Kunststück, das auch nur Brandon Sanderson gelingen kann.