Nürnberg - Ein Foto einer Bild-Schlagzeile von 1957 kursiert gerade wieder: „56 Grad! Ganz Deutschland ein Brutofen!“ Das soll den Klimawandel widerlegen - dabei würde schon ein genauer Blick aufs Foto reichen. Was dahintersteckt.

Kaum purzeln in Deutschland die Temperaturrekorde, taucht sie wieder auf: die Titelseite der Bild am Sonntag vom 7. Juli 1957: „56 Grad! Ganz Deutschland ein Brutofen!“ Darunter, in kleinerer Schrift: „Menschen sterben an Hitzschlag und Sonnenstich. Wälder brennen. Die Städte lechzen nach Wasser.“

Auch nach unserem Artikel über die Psychologie des Klimawandel-Leugnens kam das Foto der damaligen Schlagzeile mehrfach bei uns an - als vermeintlicher Beweis dafür, dass die aktuelle Aufregung über Rekordtemperaturen vollkommen übertrieben ist: Denn klar, wenn es 1957 schon einmal 56 Grad hatte, sind 41 Grad ja eigentlich fast schon kühl. Also wieder nur Klimahysterie, alles wie immer. Ist halt Sommer.

Das Problem: Die 56 Grad waren keine Lufttemperatur. Das steht sogar im sichtbaren Vorspann des Artikels, den aber offenbar kaum jemand liest: „Bei 56 Grad im Gehäuse versagte die Bahnhofsuhr von Wanne-Eickel den Dienst.“

Es handelt sich also um die Temperatur im Inneren eines aufgeheizten Metallgehäuses an einem Bahnhof im Ruhrgebiet. Keine Wetterstation, kein offizieller Messwert, keine Lufttemperatur. Die Bild hat 1957 schlicht die Temperatur in einer kaputten Uhr zu einer (irreführenden) Schlagzeile gemacht.

Was damals wirklich gemessen wurde

Heiß war es im Juli 1957 tatsächlich: Laut Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) wurden am 7. Juli 1957 in Bad Blankenburg in Thüringen 39,3 Grad gemessen, wie Correctiv auf Basis von DWD-Daten berichtet. Das ist eine extrem hohe Temperatur, aber es sind eben keine 56 Grad - und schon gar kein Beleg dafür, dass solche Temperaturen in Deutschland normal oder historisch nichts Besonderes wären. Bemerkenswert ist allerdings, dass vier der fünf höchsten je in Deutschland gemessenen Temperaturen aus der Zeit seit 2015 stammen - also aus einem Zeitraum von gut zehn Jahren, während vergleichbare Werte davor Jahrzehnte auf sich warten ließen.

Der tatsächliche deutsche Allzeit-Temperaturrekord liegt aktuell bei 41,5 Grad, gemessen am 27. Juni 2026 in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt. Wie lange er Bestand hat, ist fraglich: Die nächste Hitzewelle ist bereits im Anrollen.

Das Foto der Titelseite kursiert laut Mimikama und Correctiv mindestens seit 2019 in sozialen Netzwerken - besonders dann, wenn es eine Hitzewelle gibt und Leugner des Klimawandels nach Gegenargumenten suchen. Der Axel-Springer-Verlag hat die Echtheit der Titelseite übrigens gegenüber Medien bestätigt. Die Irreführung liegt also nicht in einer Fälschung, sondern im Weglassen des Details, dass die 56 Grad im Inneren einer Uhr gemessen wurden und nicht in der Luft.

Dass die Schlagzeile trotz aller Faktenchecks immer wieder auftaucht, ist übrigens kein Zufall. Vielmehr handelt es sich dabei um genau den im Ursprungsartikel erklärten Mechanismus des Leugnens der Realität: Wer eine Überzeugung schützen will, sucht nicht nur permanent nach Belegen, sondern nimmt dabei im Zweifel auch solche, die auf den zweiten Blick keine sind. Die Bahnhofsuhr von Wanne-Eickel leistet in der Hinsicht seit fast sieben Jahrzehnten treue Dienste. Als Zeitmesser hat sie 1957 versagt - als Desinformationswerkzeug funktioniert sie bis heute aber tadellos.