
Deutschland und Elfmeterschießen, das war bei Weltmeisterschaften lange Zeit eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Viermal mussten DFB-Auswahlen vor der WM 2026 den Gang zum Punkt antreten, jedes Mal mit Erfolg. Mit Uli Stielike vergab überhaupt nur ein einziger Spieler in der WM-Geschichte in einem Elfmeterschießen für Deutschland, im Halbfinale 1982 gegen Frankreich. Diese Serie sollte am Montagabend im Sechzehntelfinale gegen Paraguay reißen.
Gleich drei deutsche Spieler verschossen ihre Elfmeter. Besonders Jonathan Tah avancierte zur tragischen Figur des Abends: Erst wurde sein vermeintlicher Treffer zum 2:1 in der Verlängerung nach einer höchst umstrittenen Schiedsrichterentscheidung aberkannt, dann drosch er als sechster Schütze im Elfmeterschießen den Ball über das Gehäuse. Den darauffolgenden Elfmeter verwandelte José Canale und sorgte dafür, dass der Underdog ins Achtelfinale einzog und Deutschland aus dem Turnier flog.
Aber wieso musste Jonathan Tah überhaupt einen Elfmeter schießen - wohlgemerkt zum ersten Mal in seiner gesamten Profikarriere? Wie die Bild erfahren haben will, sollen sich einige andere Profis aus der Verantwortung gestohlen haben, als es darum ging, den sechsten Schützen festzulegen: Leon Goretzka, Waldemar Anton, Nathaniel Brown, Malick Thiaw und Torhüter Manuel Neuer hatten noch keinen Elfmeter geschossen und wären berechtigt gewesen, anzutreten. Doch angeblich wollte niemand Verantwortung übernehmen.
Druck zu groß?
Eine bezeichnende Szene scheint die These der Bild zu stützen: Nachdem Antonio Sanabria für Paraguay zwischenzeitlich den vierten Elfmeter vergeben hatte, fingen die TV-Kameras und Mikrofone ein, wie Joshua Kimmich die weiteren potenziellen Schützen rekrutierte. „Nummer acht“, sagte er zu Nathaniel Brown, der die Hände in die Knie stemmte und in die Hocke ging, bevor er sich zu Goretzka umdrehte: „Oder Leon, willst du?“ Der kratzte sich am Kopf und blies die Backen auf, woraufhin Kimmich bestimmt „Nummer neun“ zu ihm sagte. „Waldi auf zehn“ sagte er danach zu Waldemar Anton, der kurz nickte, danach aber augenscheinlich wenig begeistert mit dem Kopf schüttelte.
Die Szene zeigt natürlich, wie immens der Druck gewesen sein muss, der auf den Schultern der Spieler lastete. Nach zuvor schon zwei enttäuschenden Weltmeisterschaften, bei denen die DFB-Auswahl bereits in der Gruppenphase gescheitert war, verbot sich ein weiteres frühes Ausscheiden von selbst. Doch genau so sollte es kommen, zum dritten Mal in Folge verpasste Deutschland den Einzug ins Achtelfinale. Die Diskussionen um die mentale Stärke der Mannschaft, die nach dem knappen Zittersieg gegen de Elfenbeinküste und der Niederlage gegen Ecuador bereits angezweifelt worden war, dürften nach der Posse um das Elfmeterschießen jedenfalls nicht leiser werden.