
Kurzzeitig sah es so aus, als würde Fußball-Deutschland mit einem blauen Auge davonkommen. Nach extrem zähen 90 Minuten war die DFB-Elf gegen Paraguay nicht über ein 1:1 hinausgekommen und musste in die Verlängerung. Doch in der 102. Minute köpfte Tah nach einem Eckball zum erlösenden 2:1 ein. Alles noch einmal gut gegangen? Von wegen - der VAR schaltete sich ein. Unmittelbar vor dem Treffer kam es im Fünfmeterraum zum Körperkontakt zwischen Paraguays Keeper Orlando Gill und Waldemar Anton. Für den Schiedsrichter nach Ansicht der Bilder Grund genug, das Tor abzuerkennen.
Ex-Schiedsrichter und ZDF-Experte Thorsten Kinhöfer sprach schon während der Partie von einer klaren Fehlentscheidung, das Tor abzuerkennen. Im Nachgang sagte er: „Man hat den Anschein, dass der Torwart im Torraum einen besonderen Schutz genießt. Das ist überhaupt nicht der Fall. Der Torraum ist im Endeffekt so wie der Strafraum zu sehen. Und wenn man sich vorstellen würde, das wäre kein Torwart, sondern ein normaler Abwehrspieler, dann wäre das nie und nimmer ein Foul. Das ist ein Zweikampf, wie wir ihn so häufig schon im Spiel gesehen haben und das ist ein völlig reguläres Tor.“
Nagelsmann: „Das ist echt ein Witz“
Julian Nagelsmann fand im ZDF-Interview noch klarere Worte: „Keine Ahnung, was er da gesehen hat. Das ist echt ein Witz“. Nach Ansicht der Wiederholung der Szene sagte er: „Das ist nicht nur ein Skandal, das ist ein Voll-Skandal. Das ist nicht mal ansatzweise ein Foulspiel.“ Der Bundestrainer ordnete auch die Tragweite der Entscheidung ein: „Es gibt einfach Spiele, wo du in der Lage bist, viele Tore zu machen. Es gibt auch Spiele, wo du mal dreckig gewinnen musst. Und das hätten wir wahrscheinlich dreckig gewonnen.“
Christoph Kramer, ZDF-Experte und Weltmeister von 2014, schloss sich der Meinung an, dass es sich nicht um ein Foulspiel Antons an Gill gehandelt habe. Als Ausrede für das Ausscheiden wollte er die Szene jedoch nicht gelten lassen: „Wir haben im letzten Spiel auch ein Tor geschenkt bekommen, was ein Foul war, wo kein Foul gepfiffen wurde. So ist Fußball. Wenn wir jetzt im Viertelfinale gegen eine Topmannschaft spielen, dann regen wir uns zurecht auf. Gegen Paraguay möchte ich mich nicht darüber aufregen, dass der Schiedsrichter uns ein Tor abpfeift in der 115. (Minute, d. Red.). Wenn wir darauf angewiesen sind, dann haben wir sehr viel falsch gemacht.“
Streich: „Gegen Paraguay sollte man gewinnen“
Auch Julian Nagelsmann kam nach der Partie auch auf die Ursachen des Scheiterns zu sprechen, die im eigenen Spiel zu suchen waren. „Leider ist es so, dass manche Mannschaften mit einfachen Mitteln gewinnen können. Und du musst diese einfachen Mittel in jeder Situation konsequent verteidigen. Und wenn du das nicht machst, dann kann eine Mannschaft in Führung gehen mit einer Aktion in Führung gehen (…). Dann war es natürlich so, dass wir lange gebraucht haben, den Gegner ins Bewegen zu bringen. Wir haben einen ganz langsamen Spielvortrag gehabt, es hat ewig gedauert von Flügel zu Flügel zu verlagern.
Christian Streich, ehemaliger Trainer des SC Freiburg, kritisierte im ZDF: „Wir haben einfach so viele Räume liegengelassen, wo du sie (Paraguay, d. Red.) bespielen kannst. Weil Paraguay bei allem Respekt keine Übermannschaft ist und auch Probleme hat, selbst die Räume zuzustellen. Das hat mich geärgert und war sehr enttäuschend, weil es waren genügend Räume da. Die Spieler haben es probiert, das ist keine Frage. Wir waren nicht in der Verfassung um Weltmeister zu werden, Entschuldigung. Aber wir haben natürlich nicht gut genug gespielt, um jetzt dieses Spiel zu gewinnen. Und gegen Paraguay sollte man gewinnen.“