
Herr Keune, im neuen Hollywood-Film „Nürnberg“ spielen Sie die Rolle des Leiters der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley. Er war eine NS-Größe, auch wenn er heute nicht mehr so bekannt ist wie Göring oder Heß. Wie steigt man in so eine dunkle Figur ein?
Tom Keune: Dem Einstieg in so eine Figur, wie Sie es nennen, liegt eine Recherche zugrunde, die sich aus verschiedenen Puzzlestücken zusammensetzt. Videomaterial, Audiomaterial, Überlieferungen aus den Sitzungen zwischen Ley und Kelley (Militär-Psychiater Douglas Kelley, gesp. v. Rami Malek, Anm. d. Red.), die ja unserem Film und somit auch meinen Szenen zugrunde liegen. Daraus ergibt sich ein Muster, über das ich mich der Figur angenähert habe.
Der Saal 600 im Nürnberger Justizpalast gehört heute zum „Memorium Nürnberger Prozesse“. Waren Sie selbst schon einmal vor Ort?
Keune: Nein. Den ursprünglichen Saal kenne ich nicht. Nur den Nachbau in unserem Budapester Studio.
Gab es etwas an der Rolle des Robert Ley, an dieser Persönlichkeit, das Sie kaum ertragen konnten?
Keune: Seine Geisteshaltung und seine Ideologie waren mir natürlich nicht neu. Unerträglich war für mich die Form des Hasses und der Anstachelung. In meiner Vorbereitung musste ich mich mit einer Rede von ihm auseinandersetzen. Die lag mir als erwähntes Audiomaterial vor. Seine tiefe Überzeugung für die Ideologie und die Taten der NS-Zeit empfinde ich als ekelerregend. Mir ist schlecht geworden.
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Wie verhindert man, dass historische Filme die Täter faszinierend erscheinen lassen?
Keune: Mein persönlicher Zugang zu dieser Problematik war, meine herkömmliche Herangehensweise zu ändern. Einem Charakter versuche ich mich eigentlich auf einer menschlichen, einer psychologischen Ebene zu nähern. Ich versuche mich – so gut es geht – in diesen Menschen hineinzuversetzen, ihn zu verstehen, dem Publikum die Verurteilung möglichst schwer zu machen, weil es seine Perspektive nachvollziehen kann. Im besten Falle sogar eine Projektionsfläche für Zuschauende zu schaffen, über die sie eigene Verhaltensmuster in Relation setzen. Das war hier nicht mein Ziel. Ich wollte unbedingt vermeiden, dass das Publikum den Eindruck gewinnt, dieser Mensch wäre erreichbar gewesen oder hätte ein Schuldbewusstsein entwickelt. Faszination entsteht über Nahbarkeit. Die wollte ich hier nicht entstehen lassen.
Hat sich Ihr Blick auf Propaganda, Macht und Mitläufertum durch die Beschäftigung mit den Nürnberger Prozessen noch einmal verändert?
Keune: Sagen wir so, der Blickwinkel hat sich nicht verändert, was die Einordnung, die Bewertung betrifft. Aber das Grauen, die Unfassbarkeit der Taten, die Konsequenz aus der Entscheidung der Wähler, die diese Politiker in Ämter gebracht haben, bekommt durch die erneute Auseinandersetzung eine intensivere Qualität.
Noch eine Frage zu den Dreharbeiten: Was nehmen Sie von der Arbeit mit Regisseur James Vanderbilt mit?
Keune: Gegenseitiger Respekt und Vertrauen in die Arbeit des Gegenübers haben die Zusammenarbeit für mich geprägt. Die Bereitschaft, sich auf Ideen von mir einzulassen und meine Umsetzung einiger Vorschläge von ihm, haben zu einer Figur geführt, die in dieser Form nur aus unserer guten Zusammenarbeit entstehen konnte. Das habe ich als sehr bereichernd empfunden.
Was können Zuschauerinnen und Zuschauer aus dem Film Ihrer Meinung nach mitnehmen?
Keune: Wachheit für gesellschaftliche Vorgänge. Den Umgang mit und das hinterfragen von Glaubenssätzen. Und die Gewissheit, dass es unser aller Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder passieren darf.
