Nürnberg - Transport und Freilassung des gestrandeten Buckelwals Timmy sollten das Happy End eines langen Dramas werden. Doch nun vermuten Biologen, dass der Wal bereits tot ist - und die „Rettung“ wirft mehr und mehr Fragen auf.

Es sah so aus, als könnte nun doch endlich alles gut werden: Anfang Mai wurde der wochenlang in der Ostsee vor der Insel Poel gestrandete Buckelwal Timmy mithilfe einer wassergefüllten Barge aus der Ostsee geschleppt. Der Transport führte über rund vier Tage entlang der dänischen Küste bis in das Übergangsgebiet von Kattegat und Skagerrak, wo die Nordsee beginnt. Rund 70 Kilometer nördlich von Skagen wurde der Wal schließlich in die Freiheit entlassen. Doch je mehr Zeit seitdem vergeht, desto lauter werden die Zweifel an der Rettungsaktion und ihrer Durchführung.

Am Morgen des 2. Mai verließ Timmy die Barge auf offener See - nach offizieller Darstellung selbstständig und freiwillig. Doch während nahezu alle vorherigen Schritte akribisch gefilmt worden waren, fehlt ausgerechnet dieser entscheidende Moment der gesamten Rettungsaktion.

Hinzu kommen noch schwere Vorwürfe von anderer Seite: Mehrere beteiligte Tierärzte berichteten, sie seien von der eigentlichen Freilassung des Wals ausgeschlossen oder erst sehr kurzfristig darüber informiert worden - und das, obwohl vereinbart gewesen sei, dass die tierärztliche Begleitung bis zum entscheidenden Moment eingebunden bleibt, um den Zustand des geschwächten Tieres unmittelbar beurteilen zu können.

Besonders scharf fiel die Kritik einer Tierärztin aus, die der Schiffscrew vorwarf, den geplanten Ablauf eigenmächtig verändert zu haben. Nach ihrer Darstellung war vorgesehen, Zeitpunkt und Vorgehen der Freilassung gemeinsam und unter Berücksichtigung von Strömung, Seegang, Tageslicht und dem körperlichen Zustand des Wals festzulegen. Stattdessen sei die Aussetzung völlig überraschend erfolgt, ohne die vorher vereinbarten Faktoren zu berücksichtigen.

Ebenfalls im Raum steht die Frage, ob möglicherweise ein Seil an der empfindlichen Schwanzflosse des Wals befestigt war, um ihn rückwärts aus der Barge zu ziehen - ein Vorgehen, das Walforscher als extrem riskant bewerten, weil der Meeressäuger dabei schwere innere Verletzungen erleiden kann.

Auch die Nachrichtenagentur News5, die mit einem eigenen Boot vor Ort war und die Rettungsaktion bereits vorher ausführlich mit eigenen Bildern dokumentiert hatte, wurde nach eigenen Worten von der Freilassung überrascht und sah sich zu einem Statement auf Facebook veranlasst:

Doch das sind nicht die einzigen Ungereimtheiten. Besonders viele Fragen drehen sich um den Peilsender, der nach Aussagen der privaten Initiative vor der Freilassung am Wal angebracht worden sein soll. Mit dem Gerät, so die Ankündigung, sollte zumindest nachvollzogen werden können, ob und wohin Timmy nach dem Verlassen der Barge schwimmt. Nach der Freilassung erklärte die Initiative allerdings, der Sender liefere keine Positionsdaten, sondern lediglich Hinweise auf zunächst nicht näher definierte „Vitalzeichen“.

Fachleute widersprachen dieser Darstellung allerdings vehement: Handelsübliche GPS‑ oder Satellitensender, wie sie bei Walen eingesetzt werden, seien technisch überhaupt nicht in der Lage, medizinisch relevante Daten wie Herzschlag oder Atmung zu erfassen. Kritiker warfen der Initiative daher vor, mit derart missverständlichen Aussagen Erwartungen geweckt zu haben, die nicht zu halten sind. Zudem gibt es bislang keine öffentlich einsehbaren Belege für die Anbringung eines Senders.

Auch das Umweltministerium von Mecklenburg‑Vorpommern forderte wiederholt die Herausgabe sämtlicher Rohdaten sowie eine transparente Darstellung des Einsatzes des Senders - bis heute liegen jedoch keinerlei unabhängig überprüfbaren Informationen vor, die Rückschlüsse auf Timmys Weg oder seinen Zustand nach der Freilassung zulassen. Am 2. Mai wurde gegen 9.24 Uhr zwar noch einmal ein Wal an der Wasseroberfläche gesichtet, nur wenige Minuten nach der Freilassung. Ob es sich dabei zweifelsfrei um Timmy handelte, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen.

Am 5. Mai folgte dann eine ernüchternde Einschätzung des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund: „Da sich der Wal in einem extrem geschwächten Zustand befand und nach früheren Rettungsversuchen innerhalb kurzer Zeit immer wieder strandete, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass er nicht genug Kraft besaß, um längerfristig im tiefen Wasser zu schwimmen und nicht mehr lebt“, erklärte das Museum in einer Pressemitteilung.

Dem widersprach die private Rettungsinitiative wenige Stunden später am Dienstagnachmittag: Gegenüber dem Nachrichtenmagazin Spiegel sagte Karin Walter-Mommert, eine der Geldgeberinnen der Initiative: „Alles spricht dafür, dass der Wal noch am Leben ist“, schließlich habe man am Dienstag bis zum Nachmittag neun Signale eines Peilsenders erhalten. Der Sender funke, wenn der Wal in die Nähe der Wasseroberfläche gelange, so Walter-Mommert. Um welche Art von Sender es sich handelt, wollte sie gegenüber dem Spiegel allerdings nicht sagen.

Auch Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) wies die „Spekulationen“ des Deutschen Meeresmuseums zurück, forderte die Rettungsinitiative jedoch in einer Pressemitteilung seines Ministeriums auf, schnellstmöglich die Details zur Rettung und dem angeblich angebrachten Peilsender vorzulegen:

„Mit der privaten Initiative ist vereinbart, dass sie sich bis heute (Dienstag, 5. Mai, Anm. d. Red.) mit den angeforderten Informationen zurückmeldet. Dazu gehören insbesondere die Daten der Peilsender sowie aktuelle Erkenntnisse zum Zustand des Tieres. Diese Rückmeldung war Bestandteil der gemeinsamen Absprachen, und ich erwarte, dass sie nun zeitnah erfolgt.“