
Seit rund anderthalb Monaten beschäftigt Buckelwal Timmy die Medien und die Menschen, sogar über Deutschland hinaus. Der Meeressäuger, der sich von der Nord- in die Ostsee verirrt hatte, tauchte am 3. März im Hafen von Wismar auf, verschwand wieder und wurde anschließend immer wieder in Küstennähe gesichtet. 20 Tage später strandete er erstmals auf einer Sandbank vor dem Timmendorfer Strand, schien nach mehreren Rettungsversuchen kurzzeitig gerettet zu sein und sitzt nun vor der Insel Poel fest. Während sein körperlicher Zustand anfangs noch zumindest halbwegs akzeptabel zu sein schien, gehen nun die meisten Experten davon aus, dass Timmy im Sterben liegt.
Je länger das Drama um den Ozean-Riesen dauert, desto heftiger wird die Diskussion um ihn geführt. Soll Timmy gerettet werden oder in Ruhe sterben dürfen? Um diese schwere Frage wird nicht nur zwischen verschiedenen Interessensgruppen heftig gestritten, sondern auch in der Öffentlichkeit. Binnen weniger Wochen hat sich eine der am heftigsten aufgeladenen Naturschutzdebatten der letzten Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte entwickelt.
Massive innere Verletzungen
Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen zwei Positionen, die beide gleichermaßen für sich beanspruchen, im Sinne des Tieres zu handeln.
Die Skeptiker, vertreten von vielen Meeresbiologen, Tierschutzorganisationen und Behörden, argumentieren vor allem medizinisch und tierschutzethisch: Timmy habe über längere Zeiträume gestrandet in flachem Wasser gelegen, sei mehrfach auf Sandbänke aufgelaufen, habe vermutlich Wasser in der Lunge und geschädigte Organe.
Große Wale erleiden bei Strandungen massive innere Verletzungen, da sie, wenn sie sich nicht im Wasser befinden, gewissermaßen durch ihr eigenes Körpergewicht erdrückt werden. Und selbst wenn es nun gelänge, Timmy ins offene Meer zu bringen, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er dort an den bereits erlittenen Verletzungen qualvoll sterbe.
Aus dieser Sicht würde ein weiterer Rettungsversuch vor allem eines bedeuten: zusätzlichen Stress, Schmerzen und eine Verlängerung des Leidens ohne realistische Aussicht auf nachhaltige Genesung. Tierschutz würde in diesem Fall also bedeuten, das Sterben nicht weiter zu verlängern.
Die andere Seite, getragen von einer privaten Initiative und unterstützt von Teilen der Öffentlichkeit, folgt jedoch einer anderen Logik: Sie gesteht den Fachleuten zwar die schlechte Prognose zu, hält sie aber nicht für endgültig beweisbar. Solange ein Tier lebe, reagiere, atme und keine absolute Gewissheit über den Tod bestehe, sei es moralisch nicht vertretbar, Hilfe zu unterlassen. Jede noch so geringe Chance rechtfertige daher einen Versuch, sofern er technisch machbar und möglichst schonend sei. Gerade bei einem durch menschliche Einflüsse beeinträchtigten Tier bestehe eine besondere Verantwortung, nicht vorschnell aufzugeben.
Moralischer Stresstest
Eine wichtige Rolle spielt auch der emotionale Faktor: Wale sind als sanfte Giganten und hochintelligente Säugetiere ohnehin schon kulturell stark aufgeladen. Dieses bedauernswerte Exemplar hat darüber hinaus einen Namen bekommen und wird durch Menschen und Medien quasi 24/7 beobachtet. Es gibt Bilder aus der Luft, Livestreams und permanente Lageupdates. Für viele Menschen hat es sich zu einer Art moralischen Stresstests entwickelt, diesem Tier beim Sterben zusehen zu müssen.
Gleichzeitig entsteht dadurch aber eine paradoxe Situation: Wenn ein Boot mit Geflüchteten im Mittelmeer kentert und hunderte Menschen sterben, wenn Japan mit Walfängern Jagd auf die Meeressäuger macht, wenn auf den Färöer-Inseln teilweise mehr als 1000 Delfine in eine Bucht getrieben und dort abgeschlachtet werden, ist die öffentliche Anteilnahme - zurückhaltend formuliert - relativ überschaubar. Ebenso wie bezüglich der zahlreichen menschengemachten Umweltprobleme, die die Meeresbewohner in ihrer Gesamtheit stark bedrohen.
Ein einzelnes, konkretes Schicksal allerdings lässt sich leichter emotional fassen als andere, eher als abstrakt wahrgenommene Ereignisse. So kann der Wunsch entstehen, wenigstens hier zu helfen - gerade weil das Leiden sichtbar und scheinbar unmittelbar beeinflussbar ist.
Bürokraten vs. Retter
Zusätzlich eskalierte die Situation, weil Entscheidungen und Kommunikation der Behörden wechselhaft wirkten. Erst hieß es, Rettungsversuche seien aussichtslos, dann wurde eine private Initiative zumindest geduldet. Diese Widersprüchlichkeit nährte nicht nur den Verdacht der Inkompetenz, sondern es entstand auch der Eindruck, es werde nicht konsequent oder transparent gehandelt.
Dass auch bekannte Unternehmer, Aktivisten und Influencer eine prominente Rolle spielten und sich dabei teilweise bewusst in den Vordergrund drängten, machte die ganze Sache nicht unbedingt einfacher und verstärkte den Eindruck, es handele sich hier um eine Auseinandersetzung zwischen einzelnen Personen, nicht um ein faktenbasiertes, fachliches und sachliches Abwägen.
Gleichzeitig wird das Drama um Timmy in der öffentlichen Diskussion auch teilweise massiv vereinfacht diskutiert: Auf der einen Seite stehen die kalten Bürokraten und Wissenschaftler, auf der anderen die engagierten Retter. Eine ähnliche Trennung findet statt, wenn Menschen über Timmys Schicksal diskutieren: Wer für seine Rettung ist, gilt als mitfühlend, wer sie aber ablehnt, als herzlos.
Von Corona- zu Walexperten
Wie ein Brandbeschleuniger wirkten und wirken hier auch (wieder einmal) die sozialen Medien. Fachliche Einschätzungen werden dort (ebenfalls: wieder einmal) nicht als Ergebnis jahrelanger Erfahrung wahrgenommen, sondern als eine Meinung unter vielen. Einzelne Experten gerieten dadurch unter massiven persönlichen Druck und erhielten teilweise sogar Morddrohungen.
Neu ist dieses Phänomen nicht: Bereits während der Corona-Pandemie kannten sich plötzlich unzählige Menschen bestens mit Viren aus - oder glaubten das zumindest. Eine Parallele, die inzwischen auch einigen Menschen in den sozialen Netzwerken aufgefallen ist. So schrieb ein Nutzer unserer Facebook-Seite kürzlich: „Mal wieder erstaunlich, wie schnell die Corona-Experten auf Walexperten umgeschult haben. Respekt.“