
Langsam und ruhig. Wenn ein Tal in den Alpen sich diesem Motto verschreibt, könnte das so manchen Gast abschrecken. Dabei muss langsam keineswegs langweilig und ruhig keineswegs inhaltsleer sein: Es kann auch bedeuten, bewusst zu leben, zu genießen – ohne den sonst so präsenten Alltagsstress.
Womit wir im Lesachtal angekommen sind: Das entlegene und dünn besiedelte Tal am Rande Kärntens, kurz vor der italienischen und der Osttiroler Grenze, setzt touristisch auf einen Gegenentwurf zu jeglicher Form des Overtourism, der sich gerade in den Alpen auf dem Vormarsch befindet. Statt Halligalli gibt es im Lesachtal Slow Food, statt mit Gerätschaften aller Art voll erschlossener Berge warten einsame Pfade, statt einer Hütte neben der anderen gibt es dort Wanderwege mit der Garantie, kaum jemandem zu begegnen. Und statt Animation gibt es Empfehlungen für die Gäste, einen Tag in der Stille der Berge zu verbringen. Die Region wirbt damit, das „naturbelassenste Tal Europas“ zu sein.
Nikolaus Lanner, im Tal allseits als „Wanderniki“ und Hotelier bekannt, bringt das Konzept auf den Punkt: „Während viele Einheimische in Südtirol klagen, dass es zu viel wird mit dem Tourismus, haben wir Lesachtaler unsere Wurzeln nie verlassen.“ Und diese Wurzeln haben eben nichts mit urbaner Alltagshetze zu tun. „Heilsame Landschaft“ hat der Tourismusobmann sein Konzept getauft. Alm, Wald, Wiese und Wasser – diese vier Zutaten wirken sich positiv auf Gemüt und Gesundheit aus.
Apropos Zutaten: Auch beim Essen setzt das Lesachtal auf Entschleunigung. „Slow Food“ heißt die Devise, auf die auch andernorts vertraut wird. Hersbruck im Nürnberger Land zählt ebenfalls zur Slow-Food-Community. Im Lesachtal sind die wenigsten Speisekarten überfrachtet, selbst das fast flächendeckend in Österreich bereitstehende Wiener Schnitzel fehlt ab und an. Stattdessen wird in der Küche verwendet, was vor Ort wächst. Dass der Schlipfkrapfen die Spezialität der Region bleiben durfte, ist also kein Zufall: Getreide und Kartoffeln, dazu Kräuter, wuchsen früher wie heute auf den hoch gelegenen Feldern der Bergregion, die von den Karnischen Alpen und den Lienzer Dolomiten begrenzt wird.
Beim Schlipfkrapfen-Kurs mit Tanja Guggenberger wird die Bedeutung der einfachen und wohlschmeckenden Speise vermittelt: 90 Minuten lang geht es um ein Gericht, das seit Jahrhunderten die Lesachtaler satt macht. Tanja Guggenberger lädt zu dem Slow-Food-Kurs in ihre Küche auf dem Bauernhof in Raut bei Maria Luggau ein. Schon die Anfahrt zu dem entlegenen Hof ist ein kleines Abenteuer, die Forststraße will kein Ende nehmen. Wer dann schließlich in dem kleinen Weiler Maut angekommen ist, darf mitkochen: Tanja Guggenberger lässt ihre Kursteilnehmer arbeiten, Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Teig, Kartoffeln stampfen, Kräuter – am Ende sitzen alle am Esstisch und lassen es sich munden. „Einfach und doch sehr gut, das passt zu unserer Region“, lautet das Fazit der Gastgeberin.
Dass das Lesachtaler Brot in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen wurde und kein allzu großes Aufhebens darum gemacht wird, passt ebenfalls zu den bescheidenen Menschen in dieser landschaftlich reizvollen Gegend. Wie selbstverständlich pflegen sie hier die Tradition, erhalten die Mühlen im Tal, die das Getreide seit Jahrhunderten mahlen, und sorgen so für ein Grundnahrungsmittel, das ausschließlich aus Zutaten aus der Region besteht – und noch dazu fantastisch schmeckt. Weil die Selbstversorgung in dem entlegenen Winkel früher noch wichtiger war als heute, gibt es im ganzen Tal ein ausgefeiltes Mühlensystem – die Wasserkraft war der Energiespender. Noch heute zeugt der Mühlenweg im Wallfahrtsort Maria Luggau von dieser Tradition.
Aus dem Wirtshaus wurde ein kleines Resort
Nicht nur des Brotes und der Krapfen wegen zog es Helene Windbichler nach einem Sozialarbeitsstudium in Wien wieder zurück in ihr Heimatdorf Obergail. Mit ihrem Mann, dem Bergführer Pepi Klingesberger, hat sie 2018 ein aufgelassenes Wirtshaus gekauft – und baut seither die Hepi-Lodge auf. Ferienwohnungen, ein Feld mit Hanfanbau, ein kleiner Campingplatz, eine große Spielscheune und sogar eine Minisauna samt Hotpot zählen inzwischen zu dem Anwesen.
Helene Windbichler ist mit ihrer Rückkehr in die Heimat der Gegenentwurf zu dem, was sie in der Abschlussarbeit ihres Studiums wissenschaftlich erarbeitet hat: „Viele junge Lesachtaler wollen eigentlich in ihrer Region bleiben, finden dort aber keinen Arbeitsplatz.“ Sie selbst hat sich damit nicht abfinden wollen – und kurzerhand einen Arbeitsplatz geschaffen. Seit einigen Jahren geht sie mit ihren Gästen unter anderem zum Bouldern auf die Obergailtaleralm. Stets mit dabei: Franziska und Joachim, die beiden Kinder des Paares. Der Nachwuchs steht für all das, was das Lesachtal bietet: grenzenlose Freiheit und selbstbestimmt leben. Und die Kinder in dieser Freiheit aufwachsen zu lassen, war das Hauptmotiv für Helene Windbichler, in ihre Heimat zurückzugehen.
Statt großstädtischer Enge erlebt der Nachwuchs nun beinahe grenzenlose Weite, etwa oben auf der Alm, die sich alle Obergailer Bauern teilen. Dort warten nicht nur geeignete Felsen zum Bouldern, sondern auch ein kleiner See. Und im August und September zudem viele Beeren. Die Gäste sammeln diese ein, während Helene ein Feuer entfacht, auf dem gleich gekocht wird. Mit diesen zaubert Helene auf offenem Feuer Blaubeerpfannkuchen – langsam, versteht sich. „Die Hektik, die viele Gäste aus ihrem Alltag kennen, gibt es hier nicht. Viele, die bei uns Station machen, wollen einfach mal nichts tun.“ Oder eben die Dinge, die sie tun, langsam machen. Holz hacken, Feuer machen, Blaubeeren sammeln, Pfannkuchen samt der Beeren über offenem Feuer in einer großen Pfanne backen – alles unspektakulär und langsam. Aber eben auch wunderbar erholsam.
Am Abend, beim Slow-Food-Essen in einem der Gasthäuser, klingt somit ein Tag aus, der so gar nichts mit dem sonst üblichen, von Terminen bestimmten Alltag zu tun hat. Ein langer Blick auf das mächtige, von Wolken umhangene Massiv der Steinwand, oberhalb derer der Mond sich zeigt, vollendet die Lesachtaler Entschleunigung.
Mehr Informationen
Lesachtal Tourismus, Tel.: +43 4716 242-12 oder lesachtal.com/de.
Anreise: Das Lesachtal ist wahlweise über den Felbertauern-Tunnel und Lienz erreichbar oder von der Tauernautobahn kommend. Dann geht es ein Stück den Plöckenpass hoch, ehe eine kleine, kurvenreiche Straße beginnt. Von Nürnberg aus sind es mit dem Auto rund fünfeinhalb Stunden, ehe Österreichs naturbelassenstes Tal erreicht ist. Mit Zug und Postbus dauert es länger.
Diese Reise wurde vom örtlichen Tourismusverband unterstützt.


